Wissenschaft

Krieg gegen einen gestaltlosen Feind

Das Ende der trügerischen Sicherheit

Am Vorabend zu Halloween des Jahres 1938 bricht an der Ostküste der USA eine Massenpanik aus. Außerirdische sind in feindseliger Absicht auf der Erde gelandet und planen eine gewaltsame Übernahme. Eine grassierende Endzeitstimmung und eine diffuse Angst vor dem Unbekannten halten die amerikanische Bevölkerung in Atem. Quell dieser beklemmenden Ungewissheit ist das als Radionachrichten getarnte Hörspiel eines gewissen Orson Welles mit dem Titel »Krieg der Welten«, das über den Äther in die Wohnzimmer besorgter Amerikaner flimmert. Erst sukzessive wird den Menschen klar, dass es sich um ein fiktives Szenario handelt. 

Die aktuelle Corona-Pandemie ist hingegen ein echtes, ernstzunehmendes Krisenszenario. Einige Elemente dieser globalen Gesundheitskrise erinnern an die damalige irrationale Wahrnehmung einer unvorhergesehenen, unbekannten Bedrohung. Die einen unterschätzen die Bedrohung maßlos und meinen das Virus würde spurlos an uns vorbeigehen, die anderen wiederum scheinen zu übertreiben und lassen sich von unbegründeten apokalyptischen Ängsten leiten. Selten wird rational abgewogen und mit klarem Menschenverstand hinterfragt, was gerade passiert. 

Im digitalen Zeitalter hat eben nicht mehr der Mangel an Informationen, sondern die Überflutung an selbigen eine ebensolche beängstigende Wirkung wie damals die Welles’sche Inszenierung. Hinzu kommen bewusst gestreute Panikmache und Fake-News. In der Bevölkerung macht sich langsam eine tiefempfundene Unsicherheit breit. 

Diese ist zuerst einer grassierenden Sehnsucht nach seriösen Erklärungen und einer entsprechenden Gewichtung von häufig gegenläufigen Experteneinschätzungen (in Deutschland ist fast so etwas wie ein „Kampf der Virologen“ ausgebrochen) geschuldet. Denn trotz fast minütlicher Nachrichten-Updates scheinen selbst renommierte Fachleute aus dem Gesundheitswesen, allesamt zugleich profunde Kenner der Materie, die brennenden Fragen der besorgten Menschen nicht wirklich zufriedenstellend beantworten zu können: Wie sehr wird das Virus unsere Gesellschaften wirklich treffen, was sind die unmittelbaren Konsequenzen, wie lange wird der Zustand kumulativer Einschränkungen andauern (müssen) und wann wird eine wirksame Behandlung bzw. Vorbeugung möglich sein? 

Eine solide Prognose, die auf ausreichend aussagekräftigem Datenmaterial abgesichert ist, dürfte zum gegenwärtigen Zeitpunkt offensichtlich noch nicht möglich sein. Das liegt vor allem daran, dass die Echtzeit-Beobachtung und die simultan ablaufende Analyse von bereits vorliegenden Erkenntnissen, Fallzahlen und Verläufen immer wieder zu einer Revision bereits getätigter Aussagen führen. Seriöse Schlussfolgerungen werden also noch auf sich warten lassen.

Immer wieder wird ein Zeithorizont von »Monaten« angedeutet, was der Realität wahrscheinlich am nächsten kommt. Glaubhafte Indikatoren für diese These sind fast tägliche Absagen der wichtigsten Sportereignisse, Konzerte und Messen- und zwar auf viele Monate im Voraus und weltweit. 

Das nunmehr omnipräsente Corona-Virus ist zwar nicht aus dem Nichts gekommen, doch wollte man lange nicht wahrhaben, dass es die Menschen rund um den Globus so massiv (be-)treffen würde. In Sicherheitskreisen wurde seit Jahren vor dem großen Risiko einer Pandemie gewarnt und auch in rezenten Projektionsmodellen nimmt dieses seit längerem eine prominente Rolle ein. 

Pandemien fielen in solchen »hypothetischen« Reflexionen traditionell unter die Kategorie »großer Impact« und vergleichsweise »niedrige Eintrittswahrscheinlichkeit«. Am Ende des Tages hat man sich mit der bequemen Sicherheit arrangiert, die auf dem wahrscheinlichen Nichteintreten von Hochrisikoszenarien beruht. 

Unter eine ähnliche Rubrik werden übrigens massive, konzertierte Terroranschläge und Black-Outs subsumiert. Mittlerweile konzediert man diesen jedoch seit geraumer Zeit auf der Achse der Eintrittswahrscheinlichkeit einen höheren Prozentsatz. Fließen derartige Propositionen in die Politik bzw. die strategische Planung ein? Trifft man entsprechende Vorbereitungen auf Basis dieser Experten-Projektionen und häufig vagen Prognosen? Leider viel zu wenig. 

Das ist jedoch international fast immer gleich und zumeist Austeritätserwägungen und Sparzwängen geschuldet. Dort wo die Auswirkungen nicht unmittelbar sichtbar sind, wird sehr gerne der Sparstift angesetzt. Das Jahrzehnte währende, immer wieder beklagte Kaputtsparen des Bundesheeres könnte sich in der aktuellen Lage als fatal erweisen. Wie man etwa auf die entsprechende Heeresspital-Intensivinfrastruktur verzichten konnte, erscheint angesichts eines drohenden Ansturms an Intensivpatienten in den nächsten Wochen unerklärlich.  

Die berechtigten Kassandrarufe einiger weniger vorausschauender »Realisten« aus dem Sicherheitsestablishment ändern strukturell jedoch nichts daran, dass wir als Gesellschaften ziemlich unvorbereitet sind und uns mitten in einem Kampf gegen einen gestaltlosen Feind befinden, der uns immer um eine Ansteckungsnasenlänge voraus ist. Unsere einzige Waffe in dieser Auseinandersetzung sind wir selbst: Unsere Konsequenz und Selbstbeschränkung. Aber auch Solidarität gegenüber anderen. 

Vor diesem Hintergrund machen die aktuellen einschränkenden Maßnahmen der Bundesregierung im Kampf gegen das Corona-Virus absolut Sinn und es ist zu hoffen, dass Österreich diesem vielversprechenden Weg treu bleibt. 

 

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