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Der vergessene Held

Photo: privat, Quelle: Berliner Zeitung

Fritz Lustig, vergessener Held der Britischen Armee

1919 wurde er in Berlin geboren, als Sohn eines Verkäufers von Fahrrädern. Er war kein Schriftsteller, kein Musiker und kein Wissenschaftler, und niemand vermisste ihn, als er 1938 mit einem gefälschten Visum nach England flüchtete und sich dort zur Armee meldete. Und niemand schrieb nach dem Krieg, was für ein wertvoller Mensch durch seine Flucht dem Land verloren ging. Sein Name fehlte bei all den larmoyanten und wehleidigen Nachrufen, wie schmerzhaft der Verlust von Wissenschaftlern und Künstlern doch sei, und wie sehr dies Österreich und Deutschland nach dem Krieg geschadet hätte.

Die Engländer sperrten ihn in ein Lager auf der Isle of Man, so wie alle anderen, die aus Deutschland und Österreich kamen, weil die Briten Angst hatten, dass unter ihnen Spione und Attentäter sein könnten und sich als Flüchtlinge ausgeben würden.

Doch Fritz Lustig gab nicht auf, schrieb ein Ansuchen nach dem anderen und meldete sich immer wieder bei der Lagerleitung mit der Bitte, doch in die Armee aufgenommen zu werden. Es sei seine einzige Chance, hier im Ausland Widerstand zu leisten, begründete er seine Anträge.

Österreicher und Deutsche in der Britischen Armee

Mit dem Beginn des Krieges wurden viele der Freiwilligen in das Pioneer Corps aufgenommen, man zögerte immer noch, sie in die kämpfenden Truppen zu integrieren. Bis Lustig im Sommer 1943 plötzlich abgeholt und in einem Jeep nach Buckinghamshire, nördlich von London, gebracht wurde. Auf dem Weg scherzte er mit der hübschen Soldatin, die den Wagen fuhr. Wo sie ihn denn hinbringen würde, fragte er sie. Doch sie lächelte nur und bot dem verblüfften Deutschen eine Wette an. Wenn er am selben Tag noch zum Sergeant befördert werden würde, müsse er ihr ein Abendessen spendieren.  Er stimmte zu. Wie sollte er, der bisher im Pioneer Corps Gräben ausheben musste und Befestigungsanlagen reparierte, plötzlich zum Sergeant befördert werden.

In Buckinghamshire erreichten sie das Combined Services Detailed Interrogation Centre (CSDIC), und Lustig ahnte langsam, was ihn hier erwarten würde. General Thomas Kendrick, ein ehemals leitender Beamter des Britischen Geheimdienstes MI6, empfing ihn und bot ihm eine Stelle als Übersetzer an.

Plötzlich Sergeant

Es sei allerdings keine übliche, direkte Übersetzung vom Deutschen ins Englische, er würde in den nächsten Monaten trainiert werden, Gespräche der deutschen und italienischen Gefangenen abzuhören und die Sprecher zu identifizieren. Lustig wurde in eine Gruppe der effektvollsten und erfolgreichsten Abwehrspezialisten aufgenommen, die mehr zum Erfolg der Alliierten beitrugen als so mancher militärische Sieg, und wurde noch am selben Tag zum Sergeant befördert.

Als er beim Einlösen der Wette die Jeep-Fahrerin fragte, wie sie das wissen konnte, meinte sie, es sei ihr Job, Deutsche hierher zu bringen, und so würde sie mehrmals pro Woche zu einem günstigen Abendessen kommen.

Nach seiner Vorbereitung brachte man ihn nach Wilton und später Trent Park, den Gefangenenlagern für Offiziere, wo man genau das Gegenteil von dem tat, wie Gefangene der alliierten Truppen in deutschen Lagern behandelt wurden. Die Deutschen und Italiener lebten dort in angenehmer Atmosphäre, hatten bequeme Baracken, eigene Badezimmer und gutes Essen. Sie fühlten sich wohl, einige waren froh, den Krieg hinter sich gelassen zu haben und begannen in der fast schon gemütlichen Umgebung mehr und mehr zu plaudern. Sie vergaßen all die Warnungen, die sie zu Hause gehört hatten, dass der Feind sie in der Gefangenschaft abhören würde.

Diese Luxus-Kriegsgefangenen-Lager wurden bis zur letzten Ecke verwanzt. Es gab keinen Ort, wo nicht Mikrophone eingebaut wurden, von den Toiletten und den Aufenthaltsräumen bis zu jedem einzelnen Bett. Fritz Lustig war einer der zwei Dutzend Deutschen und Österreicher, die die Gespräche der Gefangenen belauschten und aufzeichneten.

„Sie prahlten mit den Morden“

Es war oft ein Horror, beschrieb er die Arbeit später in einem Interview.

Natürlich sei er stolz gewesen, mit dieser Arbeit der Britischen Armee zu helfen und den Kampf gegen Deutschland zu unterstützen, doch habe er in diesen Gesprächen auch zum ersten Mal über die Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung erfahren, über die Morde in den Konzentrationslagern und die Grausamkeiten der SS und der Wehrmacht in den besetzten Gebieten.

Die Offiziere hätten untereinander geprahlt mit den Morden an der Zivilbevölkerung und erwähnten während eines Abends, an dem Lustig Dienst hatte, zum ersten Mal die ‚fahrbaren Gaskammern‘, mit denen in Osteuropa oft die gesamte Bevölkerung eines Ortes getötet wurden. Es war auch Lustig, der den Plan abhörte, dass Deutschland versuchen würde, durch eine Konzentration von Truppen an der Türkisch-Bulgarischen Grenze nach Nord-Afrika durchzubrechen.

Die Strategie der Briten funktionierte. Die Gefangenen begannen sich heimlich während der Nachtstunden in einem der Schlafräume zu treffen und diskutierten den Kriegsverlauf. Prominentester Offizier war damals General Wilhelm Ritter von Thoma, der in Nordafrika gefangen genommen worden war und in seinem Schlafzimmer allabendlich andere hohe Offiziere um sich sammelte. Thema der Diskussion war die erhoffte, baldige Befreiung durch die Entwicklung einer ‚Vergeltungswaffe‘ und den bevorstehenden Luftkrieg gegen London, der auch tatsächlich im Sommer 1944 begann.

Lustig und seine Kameraden wurden trainiert, selbst flüsternde Stimmen einzelnen Personen zuzuordnen. Er erzählte von einem Offizier, den niemand identifizieren konnte, da er extrem leise sprach, bis auffiel, dass immer wieder das Klimpern von Metall zu hören war, während er flüsterte. Bei einer Visite der Schlafräume fiel auf, dass einer der Offiziere sich weigerte, auch während der Nacht seine Uniform und die darauf fixierten Orden abzulegen. Wir erkannten ihn am Klimpern der Orden, wenn er sprach, und nicht an seiner Stimme, erzählte Lustig.

Fritz Lustigs Eltern und seine Geschwister hatten sich rechtzeitig nach Portugal retten können. In den Briefen, die er ihnen schrieb, kommt immer wieder die Stimmung durch, in der er sich durch das Belauschen befand, ohne dass er Einzelheiten weitergeben konnte. Er hatte ein Hobby, das Cello, und fand in der Gruppe, in der er arbeitete, ein paar andere Musiker. So bildeten sie das ‚Abhör-Orchester‘ und verbrachten die wenigen Stunden, die sie frei hatten, mit Musik.

In der Einheit lernte er auch seine zukünftige Ehefrau kennen, die 2013 verstarb. Nach dem Krieg blieb er in England, bekam wie alle Deutschen und Österreicher, die in der Britischen Armee waren, 1946 die Staatsbürgerschaft und arbeitete sein Leben lang als einfacher Angestellter in ein und demselben Unternehmen. Er hatte zwei Söhne.

Vergessene Helden

Die ‚Times‘ in Großbritannien widmete ihm diese Woche einen halbseitigen Artikel. Niemand kennt ihn in Deutschland, so wie niemand die Österreicher in ihrer Heimat kennt, die in der Britischen Armee gekämpft hatten.

10.000 Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich meldeten sich freiwillig zur Armee in England. Unter ihnen mein Vater, Harry Sichrovsky, der an die japanische Front nach Burma geschickt wurde.

Kein Denkmal erinnert an sie. In jedem Dorf in Österreich findet man diesen Stein, meist am Hauptplatz, in dem die Namen der Gefallenen des 1. und 2. Weltkrieges eingraviert sind. Die Tausenden Österreicher und Deutsche, die als Flüchtlinge in den Alliierten Armeen gekämpft hatten und starben sind vergessen. Viele von ihnen verloren ihr Leben in Sonderkommandos, die hinter der Front mit dem Ziel eingesetzt wurden, durch Attentate und Bomben den Nachschub der deutschen Armee zu behindern, und durch ihr akzentfreies Deutsch ideale Voraussetzungen für diese Aktionen hatten. Ihre Namen findet man auf keinem Denkmal.

Einer der Bekanntesten Deutschen in der Britischen Armee war Klaus Adam. Er schaffte es bis zum Pilot der Britischen Flugwaffe und flog Dutzende Einsätze gegen die Deutschen. Nach dem Krieg nannte er sich Ken Adam, wurde von der Königin geadelt und machte sich als einer der erfolgreichsten Film Production Designer einen Namen. Unvergessen der ‚War Room‘ in Stanley Kubrick’s Dr. Strangelove mit Peter Sellers. Zwei Oskars bekam er im Laufe seiner Karriere, doch kaum jemand, der ihn feierte, wusste von seiner Zeit während des Krieges.

In der Dokumentation ‚Churchill’s German Army‘ aus dem Jahr 2009 wurden die letzten noch lebenden Österreicher und Deutsche, die in der Britischen Armee aktiv waren, interviewt. Es waren auch damals nur noch wenige.

Der letzte von ihnen, Fritz Lustig, starb dieses Jahr, eine Woche vor Weihnachten.

 

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2 Comments

  • Es gibt ein tolles Buch, in dem der Autor die Lebensgeschichte seines Vaters erzählt. Der Vater ist auch nach England und in die Armee. Spannend und gut geschrieben.
    Nicholas Martin Manson-Mayerhöfler : Lebensbühnen 1936-1947

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