Feuilleton

Bücher des Jahres

Eine Sammelrezension wichtiger Bücher des Jahres

Kurz vorm Jahreswechsel schnell noch zu IKEA zu fahren, um ein neues Bücherregal zu kaufen, ist ein untrügliches Zeichen, dass man sich im Lauf des Jahres wieder zu viele Bücher zugelegt hat. Neujahrsvorsatz daher: Im nächsten Jahr mehr Diät bei Druckwerken halten! Bis zum neuen Jahr und seinen Vorsätzen ist aber noch ein ganz klein wenig Zeit, und die gilt es zu nutzen – zum Lesen, aber auch zum Einordnen der Bücher. Nicht nur ins neue Bücherregal, sondern auch geistig: Was waren die großen Themen des Jahres? Welche Bücher, welche Autoren haben herausgeragt, haben wichtige Impulse geliefert und einen bleibenden Eindruck hinterlassen?

Nachfolgend eine kleine und zwangsläufig subjektive Auswahl an wichtigen, bemerkenswerten und herausragenden Büchern des Jahres 2017, jeweils mit ein paar Anmerkungen versehen.

Markus Huber, Die Letzte Ausfahrt

Das zurückliegende Jahr stand sehr im Zeichen von Wahlen – in Frankreich, Deutschland und schließlich auch in Österreich. Zum Duell um die Kanzlerschaft zwischen Kern und Kurz lieferte Markus Huber den vielleicht originellsten und aufschlussreichsten Beitrag. Huber, in den 1990er Jahren Innenpolitik-Redakteur beim „Profil“ und seit einigen Jahren Verleger und Herausgeber inhaltlich wie formal angenehm eigenwilliger Magazine wie „Fleisch„, fuhr wochenlang als eine Art „eingebetteter Journalist“ im SPÖ-Wahlkampfbus durch die Lande – ein Bus, dessen Endstation, das wurde Huber bald klar, nicht das Bundeskanzleramt sein würde. Was er dabei in Tuchfühlung mit SPÖ-Spitzenkandidat Kern und dessen Wahlkampfteam erlebt, beobachtet, gefühlt und gedacht hat, lässt sich in seinem kurz nach der Wahl erschienenen Bericht „Die Letzte Ausfahrt“ nachlesen.

Huber gelingt darin eine kurzweilige Darstellung des Wahlkampfes mit seinen endlosen Wiederholungen, Banalitäten, Höhepunkten (TV-Duelle!), aber auch überraschenden Wendungen (Stichwort: Affäre Silberstein). Auch die Darstellung des Kanzlers bzw. Kanzlerkandidaten Kern mit seinen großen und kleinen, politischen wie menschlichen Stärken und Schwächen gelingt sehr plastisch.

Im Mittelteil des Büchleins findet sich eine Bilderstrecke des renommierten Fotografens Ingo Pertramer, die den Text perfekt illustriert. Aber auch der Text selbst ist wie mit dem Blick eines Fotografen oder Dokumentarfilmers geschrieben – ohne Weichzeichner und mit einem guten Auge für Details sowie kleinere und größere Zusammenhänge.

Bernd Stegemann, Das Gespenst des Populismus

Im Vorfeld der Wahlen in Deutschland – mit einem absehbar starken Abschneiden der AfD – ist „Das Gespenst des Populismus: Ein Essay zur politischen Dramaturgie“ von Bernd Stegemann erschienen. Das Buch hebt sich wohltuend ab von der zumeist plumpen und alarmistischen Debatte, die vor allem in deutschen Landen entsteht, wenn es um das Thema Populismus geht. Stegemanns „Wettbewerbsvorteil“ liegt darin, dass er als Dramaturg und Professor für Dramaturgie in Berlin arbeitet und so eine besondere Schulung mitbringt – für Worte, Gesten, Inszenierungen vor Publikum. Das Buch beginnt mit dem Versuch einer „Systemtheorie des Populismus“ und beleuchtet dann im Einzelnen rechten, liberalen und linken Populismus. Unaufgeregt, sachlich, aber auch unbarmherzig beim Aufzeigen der jeweiligen Denkfehler und Paradoxien.

Besonders zur Lektüre empfohlen sei das abschließende Kapitel mit dem Titel „Das politische Sprechen„, in dem Stegemann auch die „Political Correctness“ dekonstruiert:

Die intellektuellen Eliten haben die Sprachüberwachung und ihre Codes so hegemonial ausgebaut, dass man sie als die höfische Sprache unserer Zeit bezeichnen kann. Es braucht lange, um sie zu erlernen; sie hat ein fein differenziertes Vokabular für die größten Grausamkeiten und sie dient immer demjenigen, der sie am besten beherrscht. Der Aufstand mit den Mistgabeln der Populisten wirkt so ungeschlacht wie seinerzeit die Sprache der Bauern gegenüber dem Latein der Kirchenfürsten.

Julian Nida-Rümelin, Über Grenzen denken

Auch im Jahr 2017 waren die Schockwellen der „Flüchtlingskrise“ von 2015 noch deutlich zu spüren. Sie haben die Wahlen in Deutschland und Österreich mitentschieden und machen nach wie vor eine sachliche Diskussion der – unglücklich mteinander verwachsenen – Themenbereiche Flucht, Asyl und Migration schwer, wenn auch mittlerweile nicht mehr unmöglich. Ein Beleg dafür ist unter anderen das Buch „Über Grenzen denken: Eine Ethik der Migration“ von Julian Nida-Rümelin.

Nida-Rümelin war Kulturstaatsminister – und Vorzeige-Intellektueller – im ersten Kabinett Schröder und ist heute Professor für Philosophie und politische Theorie an der Universität München. In dieser Funktion gilt sein besonderes Interesse dem Verhältnis von Moralität und Rationalität und eben dieses (Spannungs-)Verhältnis durchzieht leitmotivisch auch seine Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Migration. Nida-Rümelin beleuchtet diesen Themenkomplex vorbildlich sachlich, stringent und von allen Seiten – einschließlich etwa auch des Verlustes von Innovationskraft in den Ländern, aus denen emigriert, und der Destabilisierung der fragilen Sozialsysteme in den Ländern, in die immigriert wird. Und er kommt zu mitunter paradox erscheinenden Schlussfolgerungen:

Dieser Essay entwickelt schließlich eine kosmopolitische Argumentation für die Legitimation, ja Unverzichtbarkeit staatlicher Grenzen und ihrer Sicherung. Die Argumentation (…) beruht auf der These, dass das Menschenrecht auf kollektive Selbstbestimmung sich nur im Rahmen staatlicher Institutionen realisieren lässt, nicht in lockeren, sich immer wieder neu bildenden, ephemeren Gemeinschaften. Der Krypto-Anarchismus, der sowohl links als auch rechts der politischen Mitte heute weit verbreitet und ein Beleg für den ideologischen Erfolg von dreißig Jahren libertärer Indoktrination ist, würde in letzter Konsequenz zur Auflösung politischer Praxis führen.

Hört, hört!

Rolf Peter Sieferle, Das Migrationsproblem

Ein Autor, der 2017 für gehöriges Aufsehen und Kontroversen sorgte, ist Rolf Peter Sieferle. Das ist umso erstaunlicher, als Sieferle bereits 2016 aus dem Leben schied und Zeit seines Lebens nicht die öffentliche Auseinandersetzung suchte. Dafür war der Historiker mit den Schwerpunkten Umwelt-, Energie- und Bevölkerungsgeschichte in Fachkreisen umso angesehener.

Zu seinen 2017 posthum erschienenen Schriften gehört die Studie „Das Migrationsproblem: Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung“, die als intellektuell schärfste und tiefschürfendste Abrechnung mit dem Staatsversagen der Regierung Merkel in der Flüchtlingskrise gesehen werden kann. Der Untertitel „Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung“ lehnt sich an Milton Friedmans berühmtes Diktum „It’s just obvious you can’t have free immigration AND a welfare state“ an – was etwas in die Irre führt, denn Sieferle kommt weltanschaulich aus einer anderen Richtung als Friedman, nämlich von der revolutionär bewegten studentischen Linken der späten 1960er und frühen 1970er Jahre (seine zwei Bücher über Karl Marx, 1979 und 2007 erschienen, gelten bis heute als Standardwerke auf diesem Gebiet).

Schon früh entwickelte Sieferle aber auch eine tiefe Skepsis gegenüber dem fröhlichen Fortschrittsglauben der Linken und der Moderne insgesamt und wandelte sich so immer mehr zum Kulturpessimisten und Konservativen. Zutiefst pessimistisch ist auch Sieferles Sicht auf die Masseneinwanderung, die in der Flüchtlingskrise des Jahres 2015 kulminierte. Penibel führt er in seiner Studie den Nachweis, dass eine Zuwanderung in dieser Größenordnung und aus derart fernen Kulturen unweigerlich scheitern muss, ja mehr und schlimmer noch: zu einem Kultur- und Zivilisationsbruch führen muss, den Sieferle für nicht mehr kittbar hielt.

Joachim Lottmann, Alles Lüge

Als Antidot zu Sieferles Schwermut lässt sich Joachim Lottmanns „Alles Lüge“ lesen. Dieser Roman – ein Schelmenroman und Schlüsselroman (das heißt: die Figuren darin bzw. ihre Namen sind verschlüsselt, ihre Vorbilder im realen Leben bleiben aber dennoch gut erkennbar) – dreht sich ebenfalls um die Flüchtlingskrise. Hauptfigur ist Lottman selbst, der sich darin durch Künstler- und Szenetreffs in Wien und Berlin bewegt und blödelt, mit bekannten und weniger bekannten Personen des öffentlichen und intellektuellen Lebens verkehrt, skurrile Situationen erlebt und auch selbst erzeugt – und sich im linksliberalen bis linksradikalen „Juste milieu“, das ihn umgibt, zusehends unwohl fühlt.

Das beginnt schon bei ihm daheim, denn wie in einer „Screwball Comedy“ ist er mit einer Frau verheiratet, die in Sachen Flüchtlingen so ziemlich das exakte Gegenteil denkt und fühlt wie er. Während er der massenhaften Zuwanderung von Menschen aus tief religiös geprägten, frauenfeindlichen und gewaltaffinen Kulturen skeptisch und sorgenvoll gegenübersteht, verklärt und verkitscht seine Frau Harriet die „Refugees“ und ist vollends vom Helfersyndrom ergriffen. Auch die Übergriffe zu Silvester in Köln ändern daran nichts:

Sie ließ sich dadurch nicht einen einzigen Millimeter von ihrem Kurs abbringen. Ihr Hass auf die eigene Kultur war so tief wie ihre Liebe zur fremden grenzenlos. Was wohl die Psychoanalyse zu diesem Phänomen sagte? Wie entstand Selbsthass, und welche Funktion hatte er? Ein Mensch mit dunklem Teint konnte in Harriets Augen nur gut sein, egal, was er tat, sie hatte für jede Verfehlung tausendundeine rührende Erklärung.

Es gibt Romane, die Stimmungen und auch die Unstimmigkeiten einer Zeit weitaus besser einfangen und abbilden als jedes Sachbuch. Und denen es mühelos gelingt, auch sehr ernste Themen mit Witz und einem Augenzwinkern zu behandeln. Lottmanns Roman „Alles Lüge“ ist ein Beispiel dafür.

Ivan Krastev, Europadämmerung

Lottman, aus Hamburg gebürtig, ist übrigens ein Beute-Wiener. Diesen Umstand teilt er mit Ivan Krastev, der aus Bulgarien stammt und in Wien am angesehenen Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) forscht. Mit „Europadämmerung: Ein Essay“ hat er vergangenen Sommer Zwischentöne angeschlagen, die heute inmitten der immer schriller werdenden Konfrontation zwischen EU-Euphorikern und EU-Abschaffern kaum mehr zu hören sind. Krastev hat dabei den Vorteil, dass er aus Südosteuropa stammt und den Zusammenbruch des Ostblocks als junger Student hautnah miterlebt hat. Er ist dadurch politisch geerdet und geeicht, sein Blick auf das gleichermaßen zusammenwachsende wie auseinanderstrebende Europa frei von Pathos und Wunschdenken.

Scharfsichtig analysiert er in seinem Essay die „postmoderne Ordnung Europas“ und die Bruchlinien, die sich durch die Flüchtlingskrise zwischen West- und Osteuropa und zwischen Eliten und Populus aufgetan und seitdem noch verfestigt haben.

Diese neue Realität war es, die mich ursprünglich veranlasste, Europa im Sinne eines ‚danach‘ zu denken. ‚Nach Europa‘ bedeutet, dass der alte Kontinent sowohl seine zentrale Stellung in der Weltpolitik als auch seine Zuversicht verloren hat – die Zuversicht seiner Bürger, dass ihre politischen Entscheidungen die Zukunft der Welt bestimmen könnten. ‚Nach Europa‘ bedeutet, dass das europäische Projekt seinen teleologischen Reiz verloren hat und die Idee der ‚Vereinigten Staaten von Europa‘ weniger inspirierend wirkt als wohl zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den letzten fünfzig Jahren. ‚Nach Europa‘ bedeutet, dass Europa an einer Identitätskrise leidet, in der sein christliches Erbe und das Vermächtnis der Aufklärung nicht mehr sicher sind. ‚Nach Europa‘ bedeutet nicht unbedingt, dass die Europäische Union am Ende ist, wohl aber, dass wir unseren naiven Hoffnungen und Erwartungen hinsichtlich der zukünftigen Gestaltung Europas und der Welt begraben müssen.

Krastevs Essay kommt ohne die im Zusammenhang mit Europa üblichen Phrasen und vorgefertigten Argumente aus, er denkt unerschrocken und differenziert, ist weder Optimist noch Pessimist, sondern Realist. Gäbe es nur mehr seiner Art!

Egon Flaig, Die Niederlage der politischen Vernunft

In einer Auswahl von Büchern des Jahres darf „Die Niederlage der politischen Vernunft: Wie wir die Errungenschaften der Aufklärung verspielen“ von Egon Flaig nicht fehlen. Flaig ist Althistoriker, der bei Alexander Demandt und Jacob Taubes – der eine konservativ, der andere weit links, beide Koryphäen ihres Faches – promovierte und Mitte der 1990er Jahre auch Gastprofessor am Collège de France beim Sozialphilosophen und Attac-Mitbegründer Pierre Bourdieu war. Es handelt sich bei Flaig also um jemanden, der politisch nicht so einfach zu verorten ist und der ohne Scheuklappen forscht und denkt.

Diese Stärke zeichnet auch sein Buch aus, in dem er präzise die ideengeschichtliche Entwicklung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte nachzeichnet. Wen etwa die Sakralisierung des Fremden, der zunehmende Kult der Gewalt, der immer rassistischere Züge zeigende „Anti-Rassismus“ nicht nur auf Seiten der heutigen radikalen Linken, sondern als Meinungsmainstream an immer mehr Universitäten der westlichen Welt ratlos zurücklässt – bei Egon Flaig finden sich die Erklärungen dafür:

Die Linke war traditionell, seit der Französischen Revolution, universalistisch ausgerichtet, auf ‚Gerechtigkeit‘ und ‚Freiheit‘. Diese Orientierung endete allmählich nach dem Ersten Weltkrieg, endgültig nach dem Zweiten. Es entstand der ‚Antikolonialismus‘. Und der ist etwas grundsätzlich Anderes als der ‚proletarische Internationalismus‘ der klassischen Linken; er besteht aus einer emotionalisierten ‚Solidarität‘ mit den sogenannten Unterdrückten, welchen jegliches Recht eingeräumt wird, die ‚eigene Kultur‘ zu ‚verteidigen‘. Die ‚Neue Linke‘ der sechziger Jahre, enttäuscht von der sowjetischen Variante des Sozialismus, erblickte in der ‚Dritten Welt‘ das große Residuum der welthistorischen Erlösung… Wie konnte die Linke sich verbünden mit Massenmördern und Versklavern, die sich ‚Befreiungsorganisationen‘ nannten? Beide haben einen gemeinsamen Feind, zu dessen Schaden alles erlaubt ist, nämlich den politischen Universalismus der westlichen Kultur.

Besonders hervorzuheben im Buch ist das Kapitel „Faschistoider ‚Antikolonialismus‘ – Frantz Fanon„, mit dem Flaig eine längst überfällige, da kaum noch wo geleistete ideologische Dekonstruktion von Frantz Fanon, einem der Säulenheiligen des „Postkolonialismus“, gelingt. Hier und in der seltsamen Vermählung von postkolonialem und postmodernem Denken liegen die Wurzel von westlichem Selbsthass, Kulturrelativismus und nützlichem Idiotentum im Dienste einer archaischen Religion, die heute an den Grundfesten unserer Gesellschaft – Aufklärung und Moderne – sägen.

Dafür das Bewusstsein zu schärfen, das ist das große Verdienst von Egon Flaigs Buch. Für mich: das Buch des Jahres.

 

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