Feuilleton Im Schlaglicht

Unser Tipp für 2019

Want to live well? Don’t try to be happy!

Der 85-jährige Nobelpreisträger Daniel Kahneman gilt mit seiner kritischen Theorie über »Happiness« als der moderne Schopenhauer, jener Zweifler am menschlichen Dasein, der einst den Prozess von der Geburt bis zum Tod als eine einzige Folge von Qual und Leid definierte. Kahneman begründet seine Theorie mit dem Unterschied zwischen Erlebnis und Erinnerung. Menschen nehmen Erinnertes unterschiedlich wichtig, und die Erinnerung ist wahllos aus der Abfolge des Erlebten, jeder einzelne betont bestimmte zeitlich verschobene Erfahrungen, die die Erinnerungen beeinflussen. Er nannte in seiner Studie zwei Beispiele:

Bevor die Kolonoskopie (Darmspiegelung) schmerzfrei durchgeführt werden konnte, beklagten viele Patienten die unangenehmen Erfahrungen. Dabei stellte Kahneman fest, dass es immer um den letzten Schmerz ging, bevor die Untersuchung vorbei war. Auch wenn die ganze Prozedur völlig problemlos verlief, jedoch kurz vor dem Ende Schmerz empfunden worden war, beklagten sich die Patienten über die Behandlung. 

Im anderen Beispiel beschrieb er einen begeisterten Musikliebhaber, der zu einem Konzert ging, bei dem die 5. Symphonie von Beethoven dargeboten wurde. Kurz vor Ende des Musikstückes griff einer der Musiker daneben und überraschte die Zuhörer mit einem falschen Ton, worüber der Musikliebhaber derart erbost war, dass er nach der Vorstellung behauptete, es habe ihm den ganzen Abend zerstört.

In beiden Fällen zählte nicht die Summe der Erfahrungen und nicht die Kette der Momente, sondern die Erinnerung an jene Störung, die am Ende passierte und das ganze Erlebnis beeinträchtigte.

Suche nach einer zukünftigen Erinnerung

Kahneman behauptet, dass wir die vielen Momente des Lebens nicht speichern und in der Erinnerung nur ganz bestimmte abrufbar sind. Von der jeweiligen Erinnerung an einen Moment hänge jedoch das Glücksgefühl ab, der Glückszustand oder die Einbildung, man sei glücklich oder unglücklich. Aus den erinnerten Gegebenheiten bilden wir eine Geschichte, eine Handlung, in der die vergessenen Momente fehlen, und was bleibt ist eine manipulierte Abfolge von gespeicherten Ereignissen, die uns in die Irre führen.

Kahneman untersuchte, wie Menschen ihre Urlaubsorte aussuchen oder Pläne für die nächsten Urlaube machen. Auch hier werden wir von Erinnerungen gelenkt und nicht von Erfahrungen, deshalb möchten Menschen Fotos aufheben, Andenken, Kleinigkeiten aus den Hotels mitnehmen oder den Aschenbecher eines guten Restaurants. Daraus wird ein Erinnerungs-Puzzle, das zukünftige Urlaubspläne beeinflusst und in den meisten Fällen wählen Urlauber nicht eine mögliche Erfahrung in der Zukunft, sondern eine zukünftige Erinnerung. Auch bei Berichten über Urlaube wird eine für den Erzähler wichtige Erinnerung kommuniziert, das kann eine hohe Welle am Strand gewesen sein, oder ein Upgrading des Hotelzimmers, das versteckte Restaurant, das keiner kenne. Auch hier die selektiv gewählte Erinnerung, die aus Momenten ein Andenken macht, ein gedankliches Souvenir, das der Urlauber statt um den Hals trägt oder im Bücherregal aufhebt, in seinem Kopf herumträgt.

In einem Experiment bot er einer Gruppe von Studenten die Möglichkeit, sieben Tage lang ihr Lieblingseis zu essen und dazu die Musik zu hören, die ihnen am besten gefällt. Bedingung war, dass zu Beginn der Studie jeder Teilnehmer aufschreiben musste, wie er sich an die einzelnen Tage und am Ende der Studie fühlen würde. Es stellte sich heraus, dass es unmöglich war, ein zukünftiges Glücksgefühl vorauszusagen. Manche reagierten mit Begeisterung und wurden richtig süchtig nach Eis, andere wollten nach ein oder zwei Tagen eine andere Sorte und konnten auch die Musik nicht mehr hören. Interessant an dem Experiment war jedoch die Tatsache, dass die einzelnen Teilnehmer ihr Verhalten nicht voraussagen konnten und sich meist irrten mit ihren Prophezeiungen. 

Glück ist nicht vorhersehbar

Wenn schon beim einfachen Eis essen, fragte sich Kahneman – obwohl den einzelnen Teilnehmern bekannt war, welche Sorte sie mögen und welche nicht – unmöglich sei vorauszusagen, ob man sich glücklich fühlen würde oder nicht, wie ist es dann mit anderen Lebensplänen? Wenn selbst der Geschmacksinn aufgrund von Erfahrungen nicht planbar ist, wie steht es mit anderen körperlichen Reaktionen des gesunden, aber auch des kranken Körpers, mit dem Seelenleben, der psychischen Struktur?

In einem anderen Versuch mussten Studenten festhalten, wie zwei Personen – einer von ihnen durch einen Unfall querschnittsgelähmt und ein anderer, der in der Lotterie gewonnen hatte – sich einen Monat und ein Jahr nach dem Ereignis, das ihr Leben veränderte, verhalten würden. Die Studenten sollten aufschreiben, wie viele Stunden in einer Woche – ein Jahr und einen Monat später – die beiden glücklich, neutral oder unglücklich sein würden. Die Ergebnisse unterschieden sich gewaltig, und jeder Teilnehmer hatte seine eigenen Vorstellungen. Die Analyse der Resultate zeigte eine Abhängigkeit von individuellen Erlebnissen der Teilnehmer, ob einer jemanden aus der einen oder anderen Gruppe kannte, etwas darüber gelesen, oder andere Erinnerungen hatte.

Kahneman definierte den unterschiedlichen Adaptions-Prozess des Individuums – des Querschnittsgelähmten und des Lotteriegewinners – als große Unbekannte. Niemand könne sich vorstellen, wie Menschen in verschiedenen Situationen reagieren würden, und es sei unmöglich, ihre Entwicklung vorauszusagen. Das betreffe auch jeden Einzelnen selbst, wenn er versuche, seine Zukunft zu planen, und Bedingungen einzurichten, die ein erhofftes Glück garantieren. 

Einer der wichtigsten Faktoren, der das Glücksgefühl der Menschen beeinflusst, ist der materielle Wohlstand, wie Einkommen, Autos, Wohnungen, Urlaube, Schmuck und teure Uhren und andere »Dinge«, die der Mensch sucht, in der Hoffnung, glücklich zu sein. Wobei in den meisten Fällen der Unterschied zu anderen Menschen als Maßstab für Zufriedenheit und Glückserlebnisse herangezogen wird, und selten das Produkt selbst einen Effekt hat. Sein eigenes Auto wird mit dem des Nachbarn, des Arbeitskollegen und des Freundes verglichen. Das Haus ebenso wie die Urlaube, die mehr in der quantitativen Relation zu anderen beschrieben werden als in Form von unabhängigen Erlebnissen. Wir definieren uns durch eine ökonomische Identität in der Gesellschaft, reihen uns in eine ökonomische Schicht oder Klasse, in der wir konkurrieren und versuchen, andere zu übertrumpfen. 

Bei Klassentreffen viele Jahre nach der Matura oder Abschluss des Studiums geht es darum, wer was erreicht hat im Vergleich zum anderen und wer wieviel verdient, ebenfalls vergleichend. Das Scheitern anderer gibt uns ein besonderes Glücksgefühl, weil wir erst dann die Zufriedenheit erleben, etwas »geschafft« zu haben, wenn es andere eben nicht schafften. Auf den Vergleich mit »Erfolgreicheren« reagieren wir mit Relativierung deren möglichen Glücksgefühls, der/die sei vielleicht reich geworden und erfolgreich, dafür habe er/sie nicht so viele Kinder oder seine Frau/ihr Mann betrüge sie oder ihn angeblich. Irgend etwas fällt einem immer ein.

Im Bereich der materiellen Versorgung nennt Kahneman das Problem der Armut als definitiven Faktor des Unglücklich-Seins und der Unzufriedenheit, erinnert jedoch an die durch viele Studien bewiesene Tatsache, dass nach dem Erreichen einer Mindest-Versorgung von ca. 70-80.000 USD pro Jahr Menschen durch mehr Geld nicht glücklicher oder zufriedener werden.

Zufriedenheit statt Glück

In zahlreichen Interviews musste Kahneman trotz der vielen Studien und Experimente eingestehen, dass er keine Antwort habe auf die Frage »Warum Menschen glücklich sind oder was sie tun könnten, um glücklich zu werden«. Er weicht direkten Fragen eher aus und verweist auf die Unberechenbarkeit des menschlichen Verhaltens und der Erwartungen. Er beobachte jedoch ein immer größeres Interesse an dem Thema.

Sein Kollege Prof. Tal Ben-Shahar in Harvard musste seine Vorlesung unter dem Thema »Happiness und Leadership« durch Sicherheitskräfte sperren lassen, weil so viele Studenten seine Vorträge stürmten. Sie gilt bis heute als die bestbesuchte Vorlesung in der Geschichte von Harvard.  Eine ähnliche Vorlesung auf der Universität Yale erlebte den gleichen Ansturm und erreichte ein Vielfaches der Hörer anderer Veranstaltungen.

Das »Secret of Happiness« bleibe weiter ein Geheimnis, behauptete einer der Journalisten, der Kahneman stundenlang interviewte und danach schrieb, dass er eigentlich nur die Zeit mit ihm genossen habe, ohne konkret etwas gelernt zu haben. Kahneman habe ihn gefragt, ob er sich an eine Zeit erinnern könnte, in der er wirklich glücklich gewesen sei, und der Reporter beschrieb zwei Situationen. Das eine Mal sei er in Paris drei Stunden in einem Café gesessen und habe nur die Menschen beobachtet, und das andere Mal sei er stundenlang durch Berlin zu Fuß gegangen, ohne dass er sich erinnern könne, wo er gewesen sei. Als Kahneman ihn fragte, warum diese beiden Erlebnisse ihn so glücklich gemacht hätten, konnte der Journalist keine Begründung nennen, er habe es eben so in Erinnerung und bestätigte damit Kahnemans Theorie, dass es nicht um die Momente gehe, sondern um die Erinnerung an bestimmte Momente.

Kahneman zieht es vor, von einem Zustand der Zufriedenheit zu sprechen, als von der verzweifelten Suche nach Glücklich-Sein. Die Überschrift seines letzten Interviews mit Ratschlägen für das Jahr 2019 lautet: »Want to live well? Try not to be happy!«

Er sieht in »Live Well« eher ein Leben in Zufriedenheit und Sicherheit mit Gesundheit, Familie und Freunden bei einer ökonomischen Mindestsicherung. Alles andere würde eher in der Verzweiflung enden, nicht so glücklich zu sein wie andere, oder wie man vermutet, dass andere seien. 

Der Zustand des »Nicht-Unglück-Seins« werde unterschätzt, und der des »Glücklich-Seins« überschätzt, mit dem Ergebnis der ständigen Suche nach Befriedigung von Bedürfnissen, die sich auf Erinnerungen stützen an Ereignisse, die so nie stattgefunden haben.

 

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