Antisemitismus Deutschland

Gesperrt!

Facebook und die Weltpresse messen mit zweierlei Maß

»Yair Netanyahu bei Facebook gesperrt« – Diese Schlagzeile machte am 17. Dezember des eben erst vergangenen Jahres in der einen oder anderen Form die Runde durch die deutsche Presse und die sozialen Medien. Wegen eines angeblich antimuslimischen Posts wurde das Facebook-Konto von Yair Netanyahu, der inzwischen 27-jährige Sohn des israelischen Premiers Benjamin Netanyahu, für 24 Stunden stillgelegt.

Der Spiegel berichtete an diesem Tag, basierend auf einer AFP-Meldung und nicht etwa auf der Fantasie eines Claas Relotius, Yair Netanyahu »sei dafür, dass alle Muslime Israel verlassen« und weiter, »Der 27-jährige Politikersohn hatte am Donnerstag in einem Facebook-Beitrag alle Muslime zum Verlassen Israels aufgefordert.«

Wie zur erwarten, blieben die Reaktionen der Israelhasser im Netz nicht aus. Da war von »ethnischer Säuberung« die Rede, zumal der Apfel ja nicht weit vom Stamm fiele, bis hin zum faschistischen Gedankengut der israelischen Regierung. 

Der israelischen Regierung? An dieser Stelle müsste man sich eigentlich zwei Fragen stellen. Erstens: Wer ist Yair Netanyahu? und Zweitens: Was hat er tatsächlich geschrieben?

Die erste Frage ist schnell beantwortet. Yair Netanyahu ist einer der beiden Söhne von Benjamin Netanyahu.  Er scheint zudem jemand zu sein, der gerne im Rampenlicht steht, und stand in Israel bereits mehrfach wegen völlig überzogener öffentlicher Auftritte, verbalen Angriffen auf israelische Persönlichkeiten und Politiker sowie allen möglichen persönlichen Eskapaden in der gesellschaftlichen Kritik. 

Man könnte Yair Netanyahu beinahe für die israelische Sparversion eines jungen Prinz Harry halten, ihn dabei sogar sympathisch finden und ernst nehmen, oder eben nicht.  In jedem Fall ist er ein gefundenes Fressen für die israelische Klatschpresse. Mit der israelischen Regierung hat er allerdings genauso viel oder wenig zu tun wie die Kinder deutscher Politiker mit der Regierung Deutschlands. Und genau so viel vermag seine persönliche Haltung auch über die politische Haltung Israels auszusagen. Nämlich nichts.

Umso überraschender, dass er es mit seinem Post und seiner 24-Stunden Sperre sogar bis nach Deutschland geschafft hat. Und das bringt uns zur Frage, was er nun eigentlich geschrieben hatte. Besagter Post, geschrieben kurz nach einem tödlichen Anschlag auf zwei israelische Soldaten, lautete wörtlich übersetzt: 
»Es wird hier keinen Frieden geben bis:
1. alle Juden Israel verlassen haben.
2. alle Muslime Israel verlassen haben. 
Ich ziehe die zweite Variante vor.«

Dieses Statement ist allerdings beileibe keine Erfindung von Yair Netanyahu. Seit vielen Jahrzehnten gibt es viele Menschen, die genau diese Ansicht teilen. Ob zu Recht oder zu Unrecht, darüber kann und sollte man diskutieren. Aber es ist nicht zu leugnen, dass es in der israelischen Gesellschaft Stimmen gab und gibt, die nicht oder nicht mehr an eine friedliche Koexistenz zwischen Israelis und Arabern glauben, und die denken, eine dauerhafte Lösung könne nur durch eine klare Trennung der beiden Völker erzielt werden.

Dies ist übrigens auch keine exklusiv israelische Meinung. Wenn es auf arabischer Seite heißt »From the (Jordan) river to the (Mediterranean) sea, Palestine shall be free«, dann bedeutet das nichts anderes als ein Palästina ohne Israelis. So, wie Mahmoud Abbas selbst es immer wieder hat verlautbaren lassen. Und somit nichts anderes als das, was der kürzlich erst verstorbene israelische Schriftsteller und Nobelpreisträger Amos Oz dereinst in seinem Werk »Eine Geschichte von Liebe und Finsternis« so beschrieben hatte:

Da draußen in der Welt, überall waren die Wände voller Graffiti: ›Juden, geht zurück nach Palästina‹, und so kehrten wir zurück nach Palästina, und nun schreit der Großteil der Welt uns an: ›Juden, raus aus Palästina.‹

Amos Oz, Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Der Gedanke, dass das Gebiet Palästina nur einem der beiden streitenden Völker gehören soll, ist also weder neu noch allein israelisch. Neu daran ist allerdings, dass man darin, dass jemand diesen Gedanken zum Ausdruck bringt und dann mitteilt, welche Variante er persönlich bevorzugen würde, eine antimuslimische Aufforderung an alle Muslime sieht, Israel zu verlassen. Yair Netanyahu hat in seinen Augen eine Tatsache festgestellt. Die Ansicht mag man, wie gesagt, teilen oder nicht. Mit keinem Wort hat er die arabische Seite diffamiert, beschuldigt und für den von ihm empfundenen Zustand verantwortlich gemacht. Und noch viel weniger hat er irgendeine Person aufgefordert, Israel zu verlassen.

Dem Spiegel sowie all den Kritikern im Netz scheint dies allerdings völlig egal. Denn interessanterweise gibt der Spiegel das Zitat tatsächlich in seiner ganzen Form wieder, sieht sich allerdings dennoch nicht daran gehindert, Yair Netanyahu zu unterstellen Dinge gesagt zu haben, die im vom Spiegel selbst zitierten Text einfach nicht stehen.

Jeden Tag sehen Juden und Israelis sich im Netz, auch bei Facebook, klar antisemitischen Auswüchsen ausgesetzt. Die Liste solch klar antisemitischer und persönlicher Angriffe, welche Facebook unter Berufung auf Gemeinschaftsstandards, die geheimer anmuten als die Rezeptur für Coca Cola, nicht löscht, ist lang und wird täglich länger. Von einer Blockierung der Urheber ganz zu schweigen.

So erhielt ich zum Beispiel erst vor ein paar Tagen die Mitteilung, dass folgender Text nicht zu beanstanden sei: »Soweit wir wissen haben die Israelis palästina von der Landkarte getilgt. Soweit wir wissen ist Israel der einzige rassenstaat der Erde, der einzige staat der im.21. Jahrhundert noch auf hitler hört und Lebensraum für seine ›rasse‹ erobert. Aber jahwe und iran sei dank wird dieses Problem bald kein problem mehr sein« (sic).

Und so kann man hier leider nur zu diesem Schluss kommen: Wäre der Post in gleichem Wortlaut nicht dem Kopf eines Yair Netanyahu sondern zum Beispiel dem von Hanin Zoabi entsprungen, hätte Facebook den Post wohl nicht gelöscht. Unter diesen Umständen hätte auch niemand in Deutschland je davon erfahren.

Ich hätte es vorgezogen, wenn dem nicht so wäre.

 

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