Feuilleton Großbritannien

Tiger School

Photo: © Michaela Community School 

Die ‚Tiger-Schule‘ Großbritanniens

Es läutet in der ‚Michaela Community School‘ im Nordwesten von London. Die Schüler packen ihre Taschen und gehen hinaus auf den Gang. Sie müssen die Klassen wechseln und gehen langsam, schweigend hintereinander an der Wand entlang in eine Richtung. Die anderen kommen ihnen entgegen, ebenfalls an der Wand in einer Reihe hintereinander. Sie lächeln einander zu, scherzen leise über die kommende Stunde oder verabreden sich für den gemeinsamen Heimweg nach der Schule. Niemand stößt, keiner rempelt, niemand schreit oder macht blöde Witze über einen anderen Schüler oder eine Schülerin. Trotz der Hunderten Schüler, die durch die Gänge gehen, ist es völlig ruhig.

Dort, wo der Gang breiter wird und zu den Stiegen führt, steht Katharine Birbalsingh, die Direktorin der Schule und im ganzen Land als die ‚Strengste Lehrerin von Großbritannien‘ bekannt. Sie lächelt den Kinder zu, diese lachen zurück, und eines der Mädchen meint, sie habe eine ganz besondere Idee für das Mittagessen. Sie freue sich und sei schon neugierig, antwortete die Direktorin.

Beim Mittagessen sitzen Schüler und Schülerinnen an langen Tischen und man glaubt sich in einer modernen Inszenierung eines Harry Potter Films. Ein Schüler steht auf und trägt ein Gedicht vor. Die Kinder klatschen zweimal. Katharine Birbalsingh ruft das Mädchen auf, das sich vorher auf dem Gang bei ihr gemeldet hatte, und fragt sie, was sie erzählen möchte.

‚Ich möchte heute ein besonders Lob meiner Mutter aussprechen. Ich hatte verschlafen, doch sie bemühte sich, mich dennoch rechtzeitig zur Schule zu bringen‘, sagte die Schülern. Die Schüler und Schülerinnen im Saal klatschen wieder, gleichzeitig zweimal.

‚Das war zu wenig, Du bist nicht aufrecht gestanden, deine Stimme war zu leise und es klang alles nicht sehr überzeugend‘, sagt die Direktorin und einige in der Gruppe der Gäste, die den Tag der ‚Offenen Tür‘ nutzten, um die Schule zu besuchen, zucken zusammen. Doch unter den Schülern entsteht keine Unruhe. Das Mädchen setzt sich, und alle essen weiter.

Ein Schüler meldet sich, und die Direktorin bittet ihn, aufzustehen und nach vorne zu kommen.

‚Ich hatte heute in Problem mit einer Mathematikaufgabe. Ich konnte nicht weiter und bat den Lehrer, mir zu helfen. Er unterbrach den Unterricht, setzte sich neben mich und erklärte mir die Lösung der Aufgabe‘, erzählt der Schüler. Wieder klatschen alle gemeinsam zweimal.

Das sei viel besser gewesen, konzentriert, mit einer klaren Botschaft, und dafür würde er die heutige Belobigung bekommen, sagt die Direktorin und erklärt den Gästen, dass jeden Tag während des Mittagessens eine sogenannte Belobigung für die Präsentation eines interessanten Ereignisses vergeben werde.

Katharine Birbalsingh, Tochter eines Lehrers und einer Krankenschwester aus Jamaica, ist eine der wenigen Farbigen, die es bis zur Schul-Direktorin brachten. Bekannt wurde sie das erste Mal, als sie während des Partei-Kongresses der Conservative Party 2010 das katastrophale Niveau der Britischen Schulen kritisierte. Sie beschrieb eine Entwicklung, in der Lehrer immer mehr davon ausgingen, dass die Vermittlung von Wissen keine erzieherische Bedeutung habe, sondern dass neue Theorien den Kindern die Verantwortung gäben, sich selbst in ihrem eigenen Rhythmus zu entwickeln. Moderne Lehrer würden den Kindern Angebote machen und diese könnten entscheiden, wann und was sie anzunehmen bereit wären. So würde man der nächsten Generation jede Chance auf Weiterbildung nehmen, anstatt sie für das Leben vorzubereiten.

2014 übernahm Katharine Birbalsingh die Michaela Schule und änderte innerhalb weniger Monate das gesamte Lehr- und Erziehungssystem. Ihr erster Eingriff war in das Problem des Zu-Spät-Kommens. Es seien meist die Eltern gewesen, denen es völlig egal war, wann die Kinder die Schule erreicht hätten. Eine Verspätung um 20 Minuten und mehr und die dementsprechende Störung der ersten Stunde sei von den meisten Eltern nicht als Problem gesehen worden.

‚No-Excuse‘

Die neue Direktorin führte ein Bestrafungssystem mit Nachsitzen nach dem Unterricht ein, und eine ‚no excuse‘-Politik. Bereits eine Minute Zu-Spät-Kommen wird bestraft, ebenso das Nicht-Bringen von Hausaufgaben, das Umdrehen und Sprechen während des Unterrichts, freche Antworten gegenüber den Lehrern oder Aggressivität gegen andere Mitschüler. Selbst das Vergessen des Kugelschreibers führt zu einer halben Stunde Verlängerung des Unterrichts, nachdem alle anderen bereits die Schule verlassen durften.

2016 richtete sie einen eigenen Raum ein, in dem Schüler zu Mittag essen mussten, deren Eltern das Essen nicht bezahlten. Auf den Sturm der Entrüstung, der folgte, reagierte die Direktorin mit der Erklärung, sie sehe nicht ein, warum jene, die bezahlten, gleich behandelt werden sollten wie jene, die nicht bezahlten. Es gehe nicht um Armut oder finanzielle Möglichkeiten, es habe sich jedoch in anderen Schulen ein System verselbständigt, wo Eltern ohne entsprechende Konsequenzen das Essen einfach nicht bezahlen würden.

Den nächsten Skandal gab es, als sie sich weigerte, den muslimischen Schülern und Schülerinnen einen Gebetsraum einzurichten. Es gab einen Aufschrei unter manchen Eltern und Vertretern der verschiedenen muslimischen Gemeinden, doch sie blieb bei ihrem Entschluss. Es sei jedem Mädchen freigestellt, eine Kopfbedeckung zu tragen, doch es werde für keine Religion besondere Einrichtungen geben, erklärte sie der Elternversammlung. Einige Eltern nahmen ihre Kinder aus der Schule, was wieder andere, selbst Kinder aus muslimischen Familien, freute, da es eine Warteliste für die Schule gibt, die länger ist als alle anderen in ganzen Bezirk zusammen.

Drei Erfolgs-Prinzipien

Katharine Birbalsingh erklärt der Besuchergruppe warum ihre Schulphilosophie so erfolgreich sei.

Der erste und wichtigste Grund sei die Zufriedenheit der Kinder. Die Schüler und Schülerinnen seien begeistert. Die Schule könne bei allen Vergleichen mit anderen Schulen die höchste Zufriedenheit der Kinder nachweisen. Die strenge Disziplin gäbe ihnen Sicherheit und die Möglichkeit, sich auf das Lernen zu konzentrieren. Niemand würde hier Angst haben, auf die Toilette zu gehen oder in Pausen gehänselt, schikaniert, gestoßen oder misshandelt zu werden.

Ein Mädchen erklärt den Besuchern, sie habe hier in der Schule die Möglichkeit zu lernen. Zu Hause ginge das nicht, sie habe kein eigenes Zimmer, der Fernseher liefe den ganzen Tag, und es gäbe ständig Streit mit den Geschwistern.

Der zweite Unterschied zu anderen Schulen sei die Unterrichtsmethode. Die Direktorin gehe davon aus, dass Lehrer mehr wissen als Schüler und es deren Job und Verantwortung sei, dieses Wissen weiterzugeben. ‚Unsere Lehrer stehen vor den Schülern und diese haben zuzuhören und aufzupassen. Unsere Lehrer sind Autoritäten, nicht weil sie mächtiger sind als die Schüler, sondern weil sie mehr wissen und mehr können‘, erklärt sie.

Das dritte Prinzip, das sie nennt, widerspricht fast den anderen beiden. Katharine Birbalsingh erklärt, dass es neben dem Erlernen von Wissen einen ebenso wichtigen Lernprozess im Bereich Nächstenliebe, Freundschaft und Respekt gäbe.

‚Wir wollen eine positive Atomsphäre in der Schule, unter den Schülern und auch den Lehrern gegenüber. Niemand wird hier vergessen oder vernachlässigt. Unsere Lehrer kämpfen um jeden Schüler, dass er den Unterricht und einen guten Abschluss schafft, und erfolgreich seine Ausbildung auf einer Universität fortsetzen kann. Dazu brauchen wir den engen Kontakt zwischen Lehrern, Schülern und auch Eltern‘, erläutert sie den Besuchern.

Die ‚Tiger-Teacher‘

Die Gemeinschaft der Lehrer gab ein Buch heraus unter dem Titel ‚Eine Hymne auf die Tiger Teacher‘ in Anspielung auf das erfolgreiche Buch ‚Eine Hymne auf die Tiger Mutter‘, das die autoritären Erziehungsmethoden chinesischer Eltern im Gegensatz zur den eher Laissez-faire-Methoden der westlichen Familien analysiert. In dem Buch beschreiben Lehrer, wie sie ihren Unterrichtsstil ändern mussten und mit den disziplinären Maßnahmen zu Beginn oft nicht zurechtkamen.

Doch der Erfolg motivierte sie. Ein Englischlehrer berichtet begeistert, dass er mit seinen Schülern nun Shakespeare diskutiere, und die Schriften von Homer und Sophokles. Wo er zuvor arbeitete, hätte ihm während der Stunde niemand zugehört. Wenn er einzelne Störer unter den Schülern ermahnte, würden am nächsten Tag die Beschwerden der Eltern kommen, er habe ihren Sohn kritisiert und dazu hätte er kein Recht.

Ein anderer Lehrer lobt das Verhalten der Schüler, die immer versuchen würden, im Dialog mit ihm konzentriert und aufmerksam zu arbeiten. Gäbe es dennoch eine gewisse Unruhe oder Aufregung, würden alle Schüler auf ein Zeichen des Lehrers ihre Arme verschränken, sich zurücklehnen und ein paar Minuten ruhig bleiben. Dann erst würde er mit dem Unterricht fortfahren.

Selbst in der Inneneinrichtung geht die Schule ihren eigenen Weg. Toiletten haben keine Spiegel. Schminke ist verboten. Auf den Korridoren sind Linien aufgemalt, nach denen sich Schüler richten können, wenn sie sich in der Schule bewegen oder herumgehen. In jedem Klassenzimmer sind Haken für Mäntel und Jacken und Kästen für die Schultaschen. Das gesamte Schulmaterial wie Bleistifte, Kugelschreiber und Hefte wird von der Schule verteilt. Nur diese dürfen verwendet werden. Außer Freitag, wo es Fisch gibt, wird nur vegetarisches Essen angeboten. Trotz der Vielfalt an Religionen, Muttersprachen und Herkunftsländern ist besonders der Respekt vor Großbritannien wichtig. Der Geburtstag der Königin wird besonders gefeiert, und am Erinnerungstag der gefallenen Soldaten werden Erlebnisse und Erzählungen vorgelesen.

Auf die Frage eines Besuchers, ob all diese Maßnahmen in einer reichen Gegend von London auch notwendig wären, reagiert die Direktorin mit einem Lächeln und antwortet:

‚Wahrscheinlich nicht. Wir haben Kinder, die mit 11 Jahren zu uns kommen und weder schreiben noch lesen können. Wir haben Kinder aus zerrütteten Familien, Kinder, die zu Hause geschlagen werden und nie ein normales Essen bekommen. Es kommen Kinder, die gewalttätig und aggressiv sind und nie gelernt hatten, sich auch anders durchzusetzen und in jedem Mitschüler einen Feind sehen. Wir versuchen durch Strenge, aber auch Lob und Unterstützung, diesen Kindern zu helfen und in den meisten Fällen funktioniert es auch.‘

Zur ‚Michaela Community School‘ kommen Besuchergruppen aus der ganzen Welt. Schuldirektoren, Beamte aus Unterrichtsministerien und Vertreter von Schulbehörden studieren die Methoden der Schule und versuchen sie zu übernehmen. Mehrere Schulen in Großbritannien haben das System kopiert und kooperieren mit der Michaela School. Mit ihren revolutionären Methoden schaffte es die Direktorin, dass die Absolventen dieser Schule in einer völlig verarmten Gegend mit den Schülern aus den teuersten Privatschule bei den besten Universitäten konkurrieren.

Das sei ihr Erfolg, meint sie zum Abschluss der Besuchertour, und daher seien ihr auch die Dutzenden Hate-Mails, die sie täglich bekomme, völlig egal.

 

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1 Kommentar

  • Wunderbar, daß es solche oder ähnliche Schulen gibt. Viele, sehr viele solche Schulen – das wäre noch wunderbarer. Und wenn alle Schulen so wären, dann wäre das fast wie im Paradies. Nur ohne Schlange.
    lg
    caruso
    eine Hexe aus Urzeiten