DER IGGÖ-PRÄSIDENT UND DIE MUSLIMBRUDERSCHAFT

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Text: Heiko Heinisch, Foto: DITIP-Konferenz in Köln

»Der Dschihad ist unser Weg«

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs (IGGÖ), Ümit Vural, bemüht sich um ein liberales, weltoffenes Image. Auf Journalistenfragen nach seiner bisherigen Tätigkeit im Vorstand der Islamischen Föderation Wien, dem österreichischen Ableger der islamistischen, neo-osmanischen Millî Görüş-Bewegung antwortet er ausweichend: Bei Millî Görüş denke er nur an seinen Vater, der, wie er sagt, ihn mit sechs Jahren in die nächste Moschee mitgenommen habe, weil ihm das ehrenamtliche Engagement wichtig gewesen sei. Das habe ihn geprägt, aber mehr sei nicht gewesen. Niemand fragte genauer nach, obwohl die islamistischen und zum Teil antisemitischen Positionen von Millî Görüş, die ideologisch und personell eng mit der Muslimbruderschaft in Europa verbunden ist, bekannt sein sollten. Millî Görüş wird in Deutschland nicht ohne Grund vom Verfassungsschutz beobachtet.

Warum die Muslimbruderschaft gefährlich ist

Eine Reise nach Köln bringt das Bild, das Ümit Vural von sich zeichnet, nun gehörig ins Wanken. Erdoğans staatliche türkische Religionsbehörde Diyanet veranstaltete unter der Leitung ihres Präsidenten Ali Erbaş vom 2. bis 4. Jänner eine Konferenz in der Kölner Zentrale des Moscheeverbands DITIB, wie die österreichische ATIB ein Ableger der türkischen Religionsbehörde. Mehr als 150 Teilnehmer aus 17 Ländern debattierten dort über »Die Zukunft der Muslime in Europa«.

Addendum liegt die offizielle Teilnehmerliste vor. Aus Österreich finden sich darauf unter anderem: IGGÖ-Präsident Ümit Vural, sein Vize Seyfi Recalar, das Mitglied des Obersten Rates der IGGÖ, Muhammed al-Khoutani und der »Islamophobieforscher« Farid Hafez.

Die Verantwortlichen der Stadt Köln zeigten sich verwundert, trotz der federführenden Organisation durch eine staatliche türkische Behörde und der Teilnahme eines leitenden türkischen Beamten im Vorfeld nichts von der mehrtägigen Veranstaltung in der großen Kölner Zentralmoschee erfahren zu haben. Die Rechercheplattform islamism-map verbreitete, noch während die Veranstaltung lief, auf Twitter Fotos der anwesenden Teilnehmer. Diese zeigen, dass die Geheimniskrämerei gute Gründe hatte, gaben sich doch einige führende Köpfe der europäischen Muslimbruderschaft ein Stelldichein, darunter Ibrahim el-Zayat, Hussein Halawa und Khaled Hanafy.

Ibrahim el-Zayat ist eine der zentralen Figuren der Muslimbrüder in Europa. Wer sich mit den Strukturen der Muslimbruderschaft beschäftigt, stößt zwangsläufig immer wieder auf ihn. Hussein Halawa ist der Generalsekretär des European Council for Fatwa and Research, Khaled Hanafy sein Vize. Dieser europäische Fatwa-Rat, dem auch der Mufti der IGGÖ, Mustafa Mullaoǧlu, angehört, ist eine der wichtigsten Organisation der Muslimbruderschaft in Europa. Ansässig in Dublin, mit einem Ableger in Frankfurt, hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Anwendung islamischer Normen auf europäische Verhältnisse zu übertragen, also hier lebenden Muslimen Ratschläge zu erteilen und Fatwas, religiöse Rechtsgutachten, zu erstellen.

Gründer und Vorsitzender des Fatwa-Rats ist der in Katar lebende Yusuf al-Qaradawi, der aktuelle Vordenker der Muslimbruderschaft. In Europa wurde al-Qaradawi vor allem dadurch bekannt, dass er die Todesstrafe für den Abfall vom Islam, 100 Peitschenhiebe als Strafe für Homosexuelle fordert und Selbstmordattentate von Palästinensern befürwortet. Den Holocaust hält er für eine Strafe Gottes und Hitler für den Mann, dem es gelungen sei, die Juden zurechtzuweisen.

Der Ideologie der Muslimbruderschaft folgend vertritt der Fatwa-Rat eindeutig islamistische Positionen. Die von ihm veröffentlichten religiösen Gutachten zielen in erster Linie auf Segregation der Muslime vom Rest der Gesellschaft und legen besonderen Wert auf die Verschiedenheit von Muslimen und »Ungläubigen«. So wird etwa betont, dass die strikte Einhaltung der Speisegesetze nicht allein der Einhaltung der religiösen Regeln diene, sondern auch die deutliche Unterscheidung zu Andersgläubigen markiere. Vom Geist der Segregation wird auch das Abschlussdokument der Kölner Konferenz getragen.

Wenn nötig mit Gewalt

Das Ziel der Muslimbruderschaft ist eine unter einem Kalifat geeinte ideale islamische Weltgemeinschaft – die »Herrschaft Gottes in der ganzen Welt«, wie es in einem Strategiepapier der Bruderschaft heißt. Im Vordergrund steht dabei die Dawa, die Missionierung. In den Worten al-Qaradawis:

Ich erwarte, dass der Islam Europa erobern wird, ohne zum Schwert oder zum Kampf greifen zu müssen – mittels Dawa und durch die Ideologie. Die Muslime müssen zu handeln beginnen, um diese Welt zu erobern.

Yusuf al-Qaradawi

Gewalt als Mittel der Politik schließt die Muslimbruderschaft jedoch nicht aus, davon zeugt ihr bis heute unveränderter Wahlspruch: »Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Dschihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch.«

›Der Coup‹

Für ihre Ziele greifen Teile der Muslimbruderschaft immer wieder zu Gewalt und Terror. Das zeigt sich beispielsweise bei der Hamas, dem palästinensischen Zweig der Bruderschaft. Ob sie gewaltfrei oder gewalttätig agiert, ist für die Muslimbruderschaft stets nur eine Frage der orts- und situationsangepassten Taktik.

Amar Lasfar, Präsident einer französischen Organisation im Netzwerk der Bruderschaft, fand sich ebenfalls auf der Kölner Konferenz ein. In einer seiner früheren Reden sagte er, eine Option zur Islamisierung und zur Verbreitung der »Botschaft Allahs«, bestünde in Demokratien darin, auf allen Ebenen, von der Gemeinde bis zur Nation mittels politischer Arbeit die Parlamente zu infiltrieren und letztlich auf diesem Weg die Macht zu übernehmen. Er bezeichnete diese Option als »Coup«. Eine andere Option wiederum sei Gewalt. Diese müsse allerdings zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt werden, um der Sache des Islam nicht zu schaden.

Legalistischer Islamismus

Die Muslimbruderschaft ist schon lange im Visier des deutschen Verfassungsschutzes. Dieser rechnet die europäischen Ableger der Bruderschaft dem Spektrum des legalistischen Islamismus zu, dessen Anhänger bestrebt seien, »auf islamistischer Ideologie basierende Vorstellungen des gesellschaftlichen und individuellen Lebens auf legalem Weg durchzusetzen. […] Sie nutzen dabei intensiv die Möglichkeiten des […] Rechtsstaates (›Gang durch die Instanzen‹). Nach innen sollen für die Mitglieder umfassende und dauerhafte Freiräume für ein scharia-konformes Leben geschaffen werden.«

Absage an europäischen Islam

Nach den Anschlägen des 11. September 2001 fanden in ganz Europa Hausdurchsuchungen bei bekannten Islamisten statt, darunter auch bei Youssef Nada, einem in der Schweiz lebenden einflussreichen Anführer der Muslimbruderschaft. Dort fand man ein 12-seitiges Papier mit dem Titel »Der Weg zu einer weltweiten Strategie für islamische Politik«. Interessant ist: Die Abschlusserklärung der Kölner Konferenz liest sich streckenweise wie eine Weiterentwicklung dieses Strategiepapiers. In beiden wird ein enger Zusammenschluss jener Muslime gefordert, die als Gemeinschaft ihre Unterschiede gegenüber dem Rest der Gesellschaft bewahren, gemeinsame Handlungsfähigkeit entwickeln und »gemäß kollektivem Bewusstsein« handeln sollen.

Neuer Koordinierungsrat

Dafür müssten, so heißt es, nach genauer Analyse der Situation in Europa die notwendigen Institutionen geschaffen werden. In Köln wurde daher nun beschlossen, einen gemeinsamen europäischen Koordinierungsrat zu gründen, der von der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet geleitet werden soll. Dieser Rat, so die Abschlusserklärung, solle »einen Beitrag für die Koordination auf regionaler und globaler Ebene für gemeinsames Handeln leisten und Ansprechpartner für andere zivilgesellschaftliche Organisationen und öffentliche Ämter und Institutionen sein sowie die erforderlichen Planungen für gemeinsame Tätigkeiten durchführen.« Der ansonsten vielbeschworenen Diversität des Islam wird im Papier ein einheitlicher Islam entgegengestellt, »auf der ganzen Welt dieselben universalen Werte verteidigt«. Einem »europäischen Islam« wird eine dezidierte Absage erteilt.

Europäische Islamverbände: Im Griff Radikaler?

Die Kölner Konferenz offenbart eine Entwicklung, die sich seit vielen Jahren abzeichnet. In der Türkei hat Präsident Erdoğan die staatliche Religionsbehörde Diyanet nach und nach auf die ideologische Linie der Millî Görüş-Bewegung gebracht, der sowohl er selbst als auch der derzeitige Präsident der Religionsbehörde, Ali Erbaş, entstammen. Parallel hat er die von ihm angeführte islamistische Bewegung der Türkei immer näher an die Muslimbruderschaft herangeführt – oder vielmehr andersherum: Nach dem Militärputsch 2013 und der anschließenden Verfolgung der Muslimbrüder in Ägypten wurde die Türkei neben Katar zum zweiten Zentrum der Muslimbruderschaft.

In der Abschlusserklärung der Kölner Konferenz wurde nun der organisatorische Zusammenschluss von Diyanet und Muslimbruderschaft für Europa unter der Führung der Diyanet beschlossen. Massive Auswirkungen auf die jetzt schon von Diyanet und Muslimbruderschaft dominierten Islamverbände in Europa sind damit vorprogrammiert. Es macht den Eindruck, als würden die europäischen Islamverbände auf die Linie der Muslimbruderschaft eingeschworen.

DITIB unter Beobachtung?

Bei deutschen Verfassungsschutzämtern läuten bereits die Alarmglocken, politisch Verantwortliche sind aufgeschreckt. Wegen Einladung radikaler Islamisten zur Kölner Konferenz drohen mehrere deutsche Innenminister damit, den größten Moscheeverband Deutschlands, DITIB, in dessen Räumen die Konferenz stattfand, durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen.

Während die Konferenz in Deutschland für Ärger sorgt und nahezu alle Medien darüber berichten, wurde hierzulande die österreichische Beteiligung bislang nicht zur Kenntnis genommen. Die Teilnahme des Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Ümit Vural, und seines Vize Seyfi Recalar deutet daraufhin, dass unter der Präsidentschaft Vurals auch die IGGÖ auf den in Köln beschlossenen Kurs gebracht werden soll.

IGGÖ distanziert sich nicht von Muslimbrüdern

Die IGGÖ versucht zu beschwichtigen. Der Pressesprecher begründet Vurals Teilnahme auf Nachfrage folgendermaßen: »Der Kampf gegen den anti-muslimischen Rassismus wird alleine nicht zu schaffen sein. Daher ist es erforderlich, europaweit, innermuslimisch, aber auch gesamtgesellschaftlich Solidarität und Zusammenarbeit zu forcieren.«

Auf die Frage, ob sich auch die IGGÖ gemeinsam mit der Muslimbruderschaft an dem in Köln beschlossenen Koordinierungsrat der europäischen Muslime beteiligen werde, reagierte der Pressesprecher ebenso ausweichend, wie Ümit Vural auf die Fragen nach seiner Vergangenheit bei der islamistischen Millî Görüş-Bewegung: »In der Teilnehmerliste besagter Veranstaltung taucht kein Eintrag unter der Bezeichnung ‚›Muslimbruderschaft‹ auf.«

Das ist wenig glaubhaft, handelte es sich doch um ausgewiesene Führungskader derselben. Aber selbst wenn Ümit Vural, weil es auf der Teilnehmerliste nicht explizit vermerkt war, nicht gewusst hätte, wer mit ihm im Raum saß, sollte er es in den letzten vier Wochen aufgrund der zahlreichen deutschen Medienberichte erfahren haben. Die Antwort seines Pressesprechers klingt jedoch weder danach, dass dies nachträglich zu Irritationen in der Führung der IGGÖ geführt hätte, noch nach einer Distanzierung von der Muslimbruderschaft.

Ausweichende Antworten

Auch Fragen zur zitierten Abschlusserklärung der Kölner Konferenz wurden ausweichend beantwortet. Diese sei vom Veranstalter, der deutschen DITIB, verfasst und von der IGGÖ lediglich zur Kenntnis genommen worden, teilt der Pressesprecher mit. Damit ist leider weder beantwortet, ob die IGGÖ die im Abschlussdokument vertretene Absage an einen europäischen Islam mitträgt, noch, ob sich die IGGÖ an dem in Köln beschlossenen Koordinierungsrat verschiedenster Organisationen, darunter auch solche der Muslimbruderschaft, unter dem Dach der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet beteiligen wird.

Nach den Skandalen der letzten Jahre – Militärspiele mit Kindern in ATIB Moscheen, segregative Tendenzen in Moscheen, radikale Prediger, die Kopftuch-Fatwa der IGGÖ und der Verdacht des Ausspitzelns von Erdoğan-Gegnern in Österreich – waren die Erwartungen, die in die Wahl des neuen Vorstands der IGGÖ gesetzt wurden, bei vielen hoch. Ümit Vural ist dabei, sie zu enttäuschen. 

Dieser Artikel wurde zuerst auf Addendum veröffentlicht.


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