Feuilleton

Verinnerung

Photo: Dorin Popa, CC-BY-NC-SA 2.0

Erinnern zwischen Traum und Wirklichkeit

Am letzten Sonntag, den 27. Jänner, um etwa zehn Uhr Vormittag läutete mein Telefon und holte mich aus dem Tiefschlaf und einem Traum, an den ich mich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern konnte.

»Hallo, Herr Sichrovsky?« Hörte ich eine Stimme, während ich verzweifelt versuchte, den Traum zu rekonstruieren.

»Ja, bitte«, antwortete ich.

»Wo sind sie?« Fragte eine Stimme, die ich nicht kannte.

»Hier in meinem Schlafzimmer«, antwortete ich.

»Wir stehen am Flughafen und warten auf sie. Sie sollten vor einer halben Stunde gelandet sein, der Flug war pünktlich, und alle anderen Passagiere ihrer Maschine haben bereits den Flughafen verlassen«, sagte die unbekannte Stimme.

»Verdammt, ich glaube, ich habe den Wecker nicht gehört«, sagte ich leise, fast schüchtern, wie ich als Kind immer sprach, wenn man mich bei einer Missetat erwischt hatte.

»Ja, wie stellen sie sich das vor? Sie sind ja für heute Nachmittag angekündigt!« Jetzt klang die Stimme erregt und weniger freundlich.

»Wo bin ich angekündigt, helfen sie mir, ich weiß im Moment nicht, wovon sie sprechen«, antwortete ich ihm.

»Das können sie nicht mit uns machen, das ist einfach unverantwortlich!« Hörte ich jetzt eine weibliche Stimme, die ich ebenfalls nicht kannte. Offensichtlich hatte sie das Telefon ergriffen, um mir direkt zu sprechen.

»Gib mir doch das Telefon zurück«, sagte der unbekannte Mann und sprach dann weiter mit mir.

»Sie sind heute Nachmittag zu einem Vortrag eingeladen. Es geht um den Holocaust-Gedenktag, der Befreiung von Auschwitz. Wir haben ihnen die Einladung schon vor Wochen geschickt, und sie hatten zugesagt. Ihr Flug wurde gebucht und ein Hotel reserviert!« Er klang jetzt nervös und sprach hektisch.

Ich kramte in meinem Gedächtnis, doch da war nichts. Keine Einladung, keine Zusage, keine Reiseplanung. Wir konnte ich das vergessen?

»Das tut aber leid jetzt…«, stammelte ich und suchte nach einer Entschuldigung.

»Was heißt, das tut ihnen leid! Wie stellen sie sich das vor? Der Saal wird voll sein und der, der fehlt, werden sie sein. Wie sollen wir jetzt diesen Tag gestalten, dieses tragische Ereignis? Sie wären der Höhepunkt der Erinnerung gewesen. Ihr Fernbleiben ruiniert die ganze Veranstaltung!« Unterbrach er mich.

»Ich kann mir gut vorstellen, dass ihre Planung jetzt schwer beeinträchtigt ist, aber es wird doch eine Alternative geben, um diesen Tag gebührend zu begehen«, versuchte ich einen Ausweg.

»Nein, eben nicht!« Schrie die Frau jetzt ins Telefon, scheinbar war es auf Speaker eingestellt.

Irgendwie vergaß ich jetzt meine Höflichkeit.

»Heißt das jetzt, dass sich keiner dem Ereignis entsprechend erinnern wird?« Fragte ich.

Für einen Moment hörte ich nichts mehr, die beiden schienen nachzudenken.

»Wie meinen sie das?« Fragte die männliche Stimme.

»Also, wenn ich sie richtig verstehe, werden die Zuhörer sich an nichts erinnern, wenn ich sie nicht mit meiner Rede erinnere?« Fragte ich.

»Das ist doch eine Frechheit diese Frage«, mischte sich wieder die Frau ins Gespräch und sprach weiter, dass doch alle hier sich der Verantwortung bewusst wären, dass es eine Pflicht zur Erinnerung gäbe.

»Wo ist dann das Problem, wenn ich dort nicht auftrete?« Fragte ich.

»Sie wären der wichtigste Redner unserer Feier gewesen. Ein Nachkomme der Opfer, der einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung geleistet hätte. Ein Symbol der Erinnerung sozusagen«, sagte der Mann. Er schien sich beruhigt zu haben und klang eher traurig.

»Ja, das sehe ich ein, und es tut mir auch leid. Aber nur weil ich vergaß, den Wecker lauter zu stellen, werden doch die Zuhörer den Grund der Veranstaltung nicht vergessen. Und darum geht es doch«, sagte ich.

»Vergessen, vergessen… es geht nicht um das Vergessen, das ist nicht das Problem, sondern das richtige Erinnern!« Jetzt wurde er wieder lauter.

»Wenn einer nichts vergessen hat, dann braucht man ihn auch nicht erinnern, auch nicht richtig erinnern!« Jetzt wurde auch ich lauter.

»Wollen sie etwa behaupten, das Erinnern an den Holocaust habe keinen Sinn?« Sagte die weibliche Stimme ziemlich gereizt.

»Wahrscheinlich nicht, denn jene, die sich nicht erinnern wollen, werden auch nicht zu ihrer Veranstaltung kommen und mir zuhören, wie ich versuche, sie ans Erinnern zu erinnern«, sagte ich und versuchte ruhig zu bleiben.

»Ich glaube, sie nehmen die Sache nicht sehr ernst, da bin ich fast froh, dass sie nicht gekommen sind«, sagte der Mann.

»Na bitte, dann ist doch alles in Ordnung. Ich bin ohnehin der Falsche, jene zu erinnern, die keine Erinnerung brauchen, weil sie nie vergessen werden, woran andere nicht erinnert werden wollen, und mit all ihrer Vergesslichkeit mir nicht zuhören würden«, antworte ich ihm.

»Was? Ich verstehe sie nicht, was meinen sie?« Kreischte jetzt wieder die weibliche Stimme und sagte dann zu ihrem Begleiter, er sollte einfach auflegen, sie müssten sich ja nicht von mir beleidigen lassen.

‚»Wir lassen uns diesen wichtigen Tag nicht von ihnen kaputt machen, nicht von ihnen, von niemandem!« Schrie der Mann jetzt ins Telefon und auch im Hintergrund hörte ich die Frau immer wieder schreien: »Nicht von ihnen!«

Dann wachte ich auf. Der Wecker hatte geläutet. Ich sah auf die Uhr, es war sechs Uhr morgens. Ich musste zum Flughafen, um am Nachmittag einen Vortrag über den Holocaust-Gedenktag zu halten. Ich dachte über meinen Traum nach. Dann griff ich zum Telefon und sagte den Vortrag ab.

 

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