Meine FPÖ-Jahre Österreich

Der Höhepunkt des Erfolgs und denkwürdige Reisen

Photo: Jacqueline Godany (edited), © Alle Rechte vorbehalten

Meine Jahre mit Haider (6)

Die Nationalratswahl im Oktober 1999 kann rückblickend sicherlich als der Höhepunkt Jörg Haiders politischer Karriere betrachtet werden. Schon die Öffnung der Kandidatenliste für die EU-Wahl 1996 mit liberalen Kandidaten wurde von den Wählern, die sich laut politischer Konkurrenz angeblich nur in einem »rechts-extremen« Lager wohl fühlten, mit einem Stimmenzuwachs belohnt. Bei der Nationalratswahl 1999 erreichte die FPÖ jedoch zum ersten Mal in ihrer Geschichte den zweiten Platz hinter der SPÖ.

Auch persönlich erlebte ich Haider zwischen 1996 und 2000 als konzentrierten, intelligenten, ruhig und strategisch denkenden Menschen, für den die wichtigsten Themen die Modernisierung Österreichs und die Zerschlagung der verkrusteten Strukturen der Großen Koalition waren. Vor allem die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung der USA interessierte ihn. Er besuchte Seminare auf der Universität Harvard, nannte mir immer wieder Bücher von amerikanischen Wirtschaftsfachleuten, die ihn beeindruckten, und fühlte sich in Amerika besonders wohl. Ich begleitete ihn auf mehreren Reisen in die USA und es war interessant zu beobachten, wie gut er mit seiner offenen, neugierigen Art mit den Amerikanern zurechtkam.

Dennoch, trotz aller Erfolge und der Öffnung zur Mitte des politischen Spektrums war der Wahlkampf 1999 auch ein Rückschritt in die offen rassistische und aggressive Terminologie der letzten Jahre, wie das Plakat über die »Echten Österreicher« und die Bemerkungen von Thomas Prinzhorn über Ausländer. Haider versuchte den Spagat zwischen der Motivation der »alten« Unterstützer aus dem rechten Lager und dem Versuch, neue Wählerschichten aus dem konservativ-liberalen Segment und der Arbeiterschaft anzusprechen. Er erwähnte in mehreren privaten Gesprächen, dass eine Partei, die sich nur auf das rechte Lager konzentriere, keine Chancen hätte, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Doch immer wieder kontrollierte ihn der rechte Kern der eigenen Persönlichkeit, der im Widerspruch zu seiner strategischen Intellektualität stand. Seine Sprache, sein Denken und seine spontanen Reaktionen kollidierten mit der neuen Identität, und so schossen oft völlig unerwartete Wortmeldungen aus ihm hervor, die er später bereute. Wir reisten viel, und einige Reisen blieben mir besonders in Erinnerung.

Kanada

Auf einem Flug nach Kanada, der weder offiziell bekanntgegeben wurde, noch mit der Österreichischen Botschaft vorbereitet worden war, saßen wir im vorderen Teil einer Austrian Airline Maschine von Wien nach Toronto. In den Reihen weiter hinten im Flugzeug saß eine Gruppe orthodoxer Juden mit langen Pejes über den Ohren, in schwarzen Mänteln und Hüten auf dem Kopf. Bevor das Flugzeug startete, standen sie auf und begannen laut zu beten. Haider beobachtete sie und fragte mich, was sie tun würden. Ich erklärte es ihm, und er meinte, er würde gerne einmal über die jüdische Religion reden, er wisse nichts über das Judentum. 

Etwa eine Stunde nach dem Start kam plötzlich einer der Juden, ein etwa 50-jähriger Mann, zu uns nach vor, entschuldigte sich und fragte in fließendem Deutsch mit typischem Jiddischen Akzent, ob er Herr Haider sei. Ich wollte ihn eigentlich zurückschicken, da ich befürchtete, es würde zu einer wilden Streiterei kommen, doch Haider hielt mich zurück und antwortete, ja er sei der Herr Haider. Dann begannen die beiden ein Gespräch, als würden sie sich seit Jahren gut kennen. Der Mann erzählte, sein Vater sei noch vor dem Krieg aus Wien nach Israel ausgewandert, beschrieb dann sein Leben in Jerusalem und seine Familie, und fragte Haider, ob er Kinder habe. Beide sprachen über private Dinge, dann über die Seen in Kärnten, die Berge in Tirol und die Oper in Wien, und Haider erwähnte, dass er noch nie in Israel gewesen sei. Kein Wort über Politik. Als sich der Mann aus Israel verabschiedete, sagte er, er sei froh, dass er mit Haider reden konnte. Er habe bisher nur Negatives über ihn gelesen, aber hinter jeder politischen Meinung stünde ein einfacher Mensch mit den gleichen Problemen und Sorgen wie alle anderen. Haider reagierte ziemlich verblüfft und ratlos, mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet.

Die Reise nach Kanada wurde in den Medien als Scheitern Haiders beschrieben, weil er angeblich an einer jüdischen Hochzeit teilzunehmen wollte, deren Veranstalter ihn wieder ausgeladen hätten. Doch schon am Weg nach Toronto sagte Haider, er möchte ein ruhiges Zimmer im Hotel mit einer Arbeitsmöglichkeit. Dort schloss er sich stundenlang ein und kam oft erst am späten Vormittag zum gemeinsamen Frühstück. Es waren die Tage vor der Einigung für die blau/schwarze Koalition, und er sagte, er könne sich in Österreich nicht konzentrieren, da er ständig unterbrochen werde. Hier würde sich niemand für ihn interessieren, es gäbe keinen Alltag mit Terminen und Sitzungen, und keine Journalisten würden vor der Tür warten. Mit dem Zeitunterschied zu Wien verbrachte er Nachmittage und Nächte am Telefon und bat mich, das Gerücht mit der Hochzeit ruhig weiter zu verbreiten, damit man ihn noch eine Zeitlang in Ruhe ließe.  

Während dieser Reise hatten wir ein langes Gespräch über Antisemitismus und sein Verhalten gegenüber der Jüdischen Gemeinde in Wien und Israel. Ich versuchte ihn damals zu bewegen, ähnlich wie der ehemalige Chef der Neo-Faschisten, der italienische Politiker Gianfranco Fini, einen Weg zu finden, den Konflikt mit einer Entschuldigung bei den Jüdischen Organisationen zu beenden. Doch Haider lehnte diesen Vorschlag ab, den er als unnötigen »Kniefall« bezeichnete.

Chicago

Der »Board of Directors« der Chicago Tribune, damals noch eine der mächtigsten Zeitungen in den USA und voll in den Händen der Demokraten, lud Jörg Haider zu einer Diskussion ein. Wenige Wochen vor seinem Besuch erschien ein bösartiger Artikel über mich in derselben Zeitung, da ich damals, kurz nach der EU-Wahl, immer noch in Chicago lebte und von dort aus jeden Monat nach Brüssel, Strasbourg und Wien reiste.

Die Manager und Journalisten nahmen sich kein Blatt vor dem Mund und konfrontierten Haider mit all den Vorwürfen, die sie in den Medien finden konnten. Doch er weigerte sich, von der Vergangenheit zu sprechen, überraschte seine Gesprächspartner mit der Bemerkung, er habe zu oft über die gleichen Dinge reden müssen, ob es sie nicht mehr interessiere, was seine politischen Pläne seien. Er beschrieb eine Vision von einer neuen Strukturierung und Verwaltung Österreichs, einer Entbürokratisierung mit einem lebendigen Wirtschaftsleben, Universitäten nach dem Vorbild der besten Unis Amerikas, und nannte immer wieder Zukunftsmodelle, die in Harvard während der Seminare, die er dort besucht hatte, diskutiert worden waren. 

Sie waren beeindruckt, auch von seinem Wissen und seiner Allgemeinbildung. Einer fragte, ob es nicht ungewöhnlich sei, dass ein aktiver Politiker in den Sommerferien nach Harvard studieren gehe. Haider lachte und antwortete, dass fast alles, was er tue, eher ungewöhnlich sei.

Zu einem Abendessen luden wir verschiedene VIPs von Chicago ein, und sie kamen alle, neugierig und interessiert, diskutierten und scherzten mit ihm, und weit weg von Österreich und Europa schien plötzlich alles vergessen, die Vorwürfe, der Boykott, die Aggressivität gegen ihn und von ihm kommend, seine verbalen Attacken. Der bekannteste »Rechtsaußen« der europäischen Politik veränderte sich wie ein Chamäleon zu einem charmanten, interessanten Unterhalter, um den sich die Menschen drängten und ihn bewunderten.

Im Vatikan

Im Dezember 2000 lud Jörg Haider mich ein, ihn nach Rom zu begleiten, wo er den Papst Johannes Paul II. treffen würde. Ganz Kärnten war damals in Aufregung. Das Bundesland Kärnten spendete in diesem Jahr den Weihnachtsbaum für den Petersplatz.

Die Vertreter der Kirche von Kärnten versuchten noch in Rom, Jörg Haider zu überreden, dass jemand anderer als Mitglied der Delegation teilnehmen sollte, da nur wenige Besucher den Papst persönlich begrüßen durften. Doch Haider blieb stur. Er lud nicht nur mich ein, sondern auch Colleen, meine katholische Frau. Ich sprach mit ihm im Hotel und meinte, ich hätte kein Problem, im Hotel zu warten, wenn es anderen so wichtig wäre, den Papst zu sehen. Er lehnte ab und sagte, die müssten sich daran gewöhnen, dass es in der Partei jetzt auch Menschen wie mich gäbe, mit anderen Religionen und anderen Traditionen.

In dem Saal im Vatikan, wo das Treffen mit dem Papst stattfand, saßen wir in der ersten Reihe neben der Familie Haider. In den Reihen hinter uns weinten mehrere Frauen, die in Kärntner Nationaltracht gekommen waren. Der Papst wurde von zwei Männern gestützt als er eintrat. Er konnte nur noch schwer gehen. Sie halfen ihm in den Stuhl, der vor uns in der Mitte des Saales stand. Nur die Besucher, die in der ersten Reihe saßen, durften ihn persönlich begrüßen. Neben dem Papst stand der Vertreter der Kirche von Kärnten und stellte ihm jeden einzelnen vor. Nach Jörg Haider und seiner Frau gingen Colleen und ich zu ihm nach vor. Colleen hielt ein paar Andenken in einer Hand, die sie ihren Verwandten versprochen hatte, und wollte ihn bitten, diese zu segnen. Der Kirchenvertreter Kärntens hatte uns vorher erklärt, dass wir jeder nur ein oder zwei Minuten Zeit hätten. 

Wir sollten uns niederknien und warten, was der Papst zu uns sagen würde. Als wir an der Reihe waren, gingen wir nach vor, und Colleen kniete nieder. Ich blieb stehen. Der katholische Vertreter Kärntens sah mich an, als wäre ich der Teufel persönlich. Der Papst sah die kleinen Souvenirs in Colleens Hand und lächelte. Dann nannte der Bischof unsere Namen, und ich sagte zum Papst, ich sei Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Wien, aber meine Frau sei katholisch. Bevor ich noch weitersprechen konnte, sagte der Papst in perfektem Deutsch zu mir, er freue sich ganz besonders, dass ich meine Frau begleitet hätte, und segnete die Andenken in der Hand von Colleen.

New York

Während eines Besuchs in New York wollten einige Rabbiner mit ihm sprechen und kontaktierten ihn über Hans Janitschek. Ein Treffen wurde vereinbart, dann abgesagt, da sich die Rabbiner mit anderen Kollegen beraten wollten und diese abrieten. Einen Tag später meldeten sie sich wieder und baten, man sollte sich doch sehen. Es kam zu dem Gespräch, und Haiders Gegner in Österreich hätten ihren Ohren nicht getraut, wie gut sie sich verstanden. Ich hatte keine Ahnung, wieviel Haider vom Christentum wusste, und sie plauderten über Traditionen und Geschichte der Religionen, als ob ein Priester mit einem Rabbiner die Unterschiede ihrer Glaubensgemeinschaften diskutierten. 

Nach dem Gespräch im Hotel saßen wir im Café, und Haider sprach über die Begegnung, die ihn sehr beschäftigte. Er spüre einfach eine Unsicherheit und eine gewisse Nervosität, wenn er mit Juden oder über dieses Thema spreche, sagte er. Es waren die seltenen Situationen, die ich mit ihm erlebt hatte, in denen er plötzlich ernst und offen über sich selbst sprach. »Du würdest nie solche Fehler wie ich machen«, sagte er, und als ich ihn fragte, wie er das meinte, verglich er plötzlich die Kindheit von uns beiden. 

»Ich bin mit dem Gedankengut des Nationalsozialismus aufgewachsen und musste mich mühsam davon befreien. Ganz scheint mir das nie gelungen zu sein, sonst würde ich nicht solche Bemerkungen von mir geben, oft spontan und völlig unüberlegt. Du kannst einfach wiedergeben, was du zu Hause erlebt, erfahren und gelernt hast. Alles, was meine Eltern mir mitgegeben haben, hätte ich am besten sofort wieder vergessen sollen.«

Es war der Jörg Haider, wie ich ihn kaum kannte, und es kam überraschend für mich, obwohl er dieses Thema im Laufe der Zeit mehrere Male angesprochen hat. Wir waren nicht befreundet, auch wenn das Journalisten immer wieder behaupteten. Wir gingen nicht mit einander Bergsteigen, tranken am Abend kein Bier an der Bar, und unsere Familien kannten einander nicht. Wir reduzierten unseren Kontakt auf eine sachliche Ebene, ohne einander zu nahe zu kommen. Doch jedes Gespräch mit ihm hatte diese Dimension der Spannung und Unberechenbarkeit. Er ragte aus dem Nebel des Mittelmaßes wie die Spitze eines Wolkenkratzers, und wenn man ihm bei aller Kritik ein einziges Kompliment machen würde: Es war nie langweilig mit ihm!

Bei der Vorstellung meines Buches über den Antifaschismus, »Der Antifa-Komplex«, stellte er mehr Fragen als alle anderen Zuhörer. Bei der Präsentation meines Erzählungsbandes, »Verklemmt« hörte geduldig der Lesung zu. Wir sprachen über Kultur, Religion, Politik und Geschichte, doch nie über unsere Familien, unsere Kinder und private Sorgen, als stünde eine Mauer zwischen uns, die niedrig genug war, um einander zu sehen und miteinander zu sprechen, doch auch hoch genug, um jeden direkt Kontakt zu vermeiden.

Dies ist die sechste von Peter Sichrovskys neun Erzählungen rund um die Zeit, in der er in der FPÖ aktiv war.

Teil 1: »Nur eine Frage«
Teil 2: »Dann müssen Sie halt auf mich aufpassen!«
Teil 3: »Und wenn’s schief geht, bist du schuld!«
Teil 4: Fremdheit in der eigenen Heimat
Teil 5: Brüssel, die kleine Welt der großen Eitelkeiten
Teil 7: Meine Funktion als jüdische Angelegenheit
Teil 8: Diktatoren und ein Sonderkonto. Der Absturz.
Teil 9: Gescheitert. Das Ende und die Zeit danach.

 

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