Großbritannien

Arme Briten?

Foto: Andrew Parsons/ i-Images, CC BY-ND 2.0

Boris Johnson und das Elend des deutschen Journalismus

Sie können einem wirklich leid tun, die Briten. Obwohl in den Wochen vor der Wahl deutsche Zeitungen und Kommentatoren in anderen Medien immer wieder gewarnt hatten, dem Lügner und Betrüger Boris Johnson nicht zu trauen, hörte dort kaum jemand auf die gutgemeinten Ratschläge.

Nach Brasilien, Ungarn, Österreich, den USA jetzt auch noch Großbritannien, das den Empfehlungen deutscher Demokratie-Experten nicht folgte. Dementsprechend die zum Teil enttäuschten, aber auch verärgerten, aggressiven und bösartigen Reaktionen in den Deutschen Medien, die – wie meist in solchen Konflikten – mehr über die Psyche der ›Bellenden‹ aussagen, als über die ›Angebellten‹.

Kurz nach dem Wahlsieg der Konservativen schrieb zum Beispiel ›Der Spiegel‹:

Boris Johnson hat die Wahl haushoch und geradezu triumphal gewonnen, er kann jetzt durchregieren. Man muss nicht Sozial- oder Liberaldemokrat sein, um von diesem Erdrutsch, der sich da in England ereignet hat, schockiert zu sein. Denn die eigentlichen Verlierer dieser Wahl sind nicht die Labour-Partei und die vielen Stimmen der Vernunft auf allen Seiten des politischen Spektrums. Die eigentlichen Verlierer sind Anstand, Aufrichtigkeit und Integrität.

Wen oder was meinte der Journalist mit »eigentlichen« Verlierern? Und wer oder was sind die »eigentlichen« Sieger? Haben die Briten mehrheitlich unanständig, unaufrichtig und unehrlich gewählt, oder das Unanständige, Unaufrichtige und Unehrliche? Die Diktion der meisten Kommentatoren/Innen erinnert an eine Direktorin einer Mädchenschule aus den fünfziger Jahren, die am Eingang der Schule steht und die Rocklänge der Schülerinnen kontrolliert.

Die ZDF-Korrespondentin sagte im Live-Interview nach den ersten Hochrechnungen, die Briten hätten einen Lügner gewählt; und schon vor den Wahlen, als britische Zeitungen einen hohen Wahlsieg der Konservativen voraussagten, konnten Leser deutscher Blätter über eine ganz andere Realität lesen, wie im ›General-Anzeiger‹ in Bonn: »Johnson und Corbyn liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen.« Selbst der London-Korrespondent der FAZ meldete, der Wahlausgang stehe »auf Messers Schneide«, und die Deutsche Presse-Agentur (dpa) meinte: »Parlamentswahlen: Zitterpartie in Großbritannien.« Scheinbar prophezeiten nur die unwissenden britischen Medien einen klaren Sieg der Konservativen.

In der österreichischen Zeitung ›Der Standard‹ schrieb eine Journalistin über »brexitfanatische Boulevardzeitungen«, die die britischen Wähler in die Irre geführt hätten. Ein Vergleich des alpenländischen ›Standards‹ mit britischen Blättern wie ›Times‹ und ›Telegraph‹, die Brexit unterstützten, lässt allerdings den ›Standard‹ wie eine schlecht gemachte Schülerzeitung aussehen. Im selben Kommentar weiß die Schreiberin von »Labour-Wechselwählern, die mit zusammengebissenen Zähnen ihr Kreuz bei den Tories gemacht haben«. Die verantwortliche Journalistin saß zwar in Wien vor ihrem Computer und hatte wahrscheinlich nie in ihrem Leben einen »ehemaligen Labour-Wähler« getroffen, doch was soll’s, sie hatte es sich halt so vorgestellt.

Stimmungsmache

In all den Berichten und Kommentaren nur wenige Worte über das katastrophale Abschneiden der Labour-Party mit dem schlechtesten Ergebnis seit 1935 und einem linksradikalen Parteichef, der sich noch einige Tage vor der Wahl weigerte, sich für die antisemitischen Attacken, Kommentare und Bemerkungen seiner Parteigenossen zu entschuldigen. Wo waren die Analysen nach der Wahl, warum Tories in einigen Wahlkreise gewonnen hatten, wo seit über hundert Jahren immer ein Labour-Kandidat gewählt worden war?

Doch die Stimmungsmache in Deutschland begann lange vor der Wahl. Fast zeitgleich mit Mays Rücktrittserklärung veröffentlichte ›Spiegel Online‹ bereits eine Geschichte, nach der ein britischer Geschäftsmann eine Klage gegen den ehemaligen Londoner Bürgermeister angestrengt habe. Johnson hätte im Vorfeld des Brexit-Referendums 2016 fälschlicherweise behauptet, Großbritannien überweise wöchentlich 350 Millionen Pfund an die EU. Man braucht nicht Jurist zu sein, um zu erkennen, dass die Klage keinerlei Aussicht auf Erfolg hat. Aber selbst ein unwahrscheinlicher Prozess würde mit einem Freispruch des Angeklagten enden, weil Wahlkampflügen eben nicht strafbar sind. Das ist in Großbritannien nicht anders als in Deutschland. Der ›Spiegel‹ wusste das. Ihm ging es auch nicht darum, realitätsbezogen zu berichten, sondern mit der Titelzeile »Boris Johnson droht Prozess« das Narrativ in die Köpfe der Deutschen zu hämmern, hier mache sich ein von der Justiz Verfolgter auf, neuer Premierminister Großbritanniens zu werden. 

Eine gewisse Ulrike Guérot aus Berlin, die sich als »Vordenkerin« bezeichnet (vermutlich ohne nachzudenken), mit 23.000 Followern auf Twitter, verglich die Wahl von Boris Johnson mit der Wahl von Adolf Hitler 1933. Bisher hat sich die ›Donau-Universität Krems‹, wo sie unterrichtet, allerdings nicht gemeldet, ob ihr wegen Verharmlosung der NS-Zeit der Professor-Titel aberkannt wird.

One-man melting pot

Wieso regt also dieser Mann Journalisten und Politiker so auf? Was provoziert er in ihnen? Wo ist der versteckte Knopf, den er anscheinend gefunden hat, dass es zu diesen Hass-Ausbrüchen kommen konnte? Vielleicht deshalb, weil er ein Leben und eine Lebensart zeigt, von dem viele Deutsche und Österreicher nur träumen können, weil sie ihren selbstgebastelten Käfig nie verlassen? 

Er selbst beschrieb sich einst als »one-man melting pot« und fasste damit seine ungewöhnliche Herkunft und Geschichte zusammen, mit muslimischen, jüdischen und christlichen Wurzeln. Zu seinen Vorfahren zählt ein Vertreter des deutschen Adelsgeschlechts ›Von Württemberg‹, wie auch Ali Kemal, ein türkischer Journalist und Poet, der kurze Zeit Minister war und während des türkischen Freiheitskampfes ermordet wurde. Seine Mutter kommt aus einer alten Rabbiner-Familie aus Litauen. Auch seine Stiefmutter Jenny Sieff, die den Vater heiratete, als Boris 17 Jahre alt war, kommt aus einer prominenten britischen jüdischen Familie. 1984 arbeitete Boris Johnson in der Küche des Kibbutz ›Kfar Hanassi‹ im Norden von Israel und bezeichnete sich damals als »überzeugten Zionisten«. Später war er einer der erfolgreichsten Bürgermeister von London und schuf die politischen Voraussetzungen für den Aufstieg Londons zum globalen Finanz-Zentrum und zur Theater-Hauptstadt der Welt.

Sein unkonventionelles Auftreten, seine Rhetorik und auch sein Humor summieren sich in einem Typ Politiker, der in kein Regal der klischeehaften Vorstellungen deutscher Journalisten passt. Es ist wahrscheinlich nicht einmal der Konflikt zwischen »linken« Schreibern und »rechten« Politikern. Hier prallen Welten auf einander, wie weit über politische Grenzen hinausgehen.

Leserbriefjournalismus

Als Ausnahme unter den Journalisten verzweifelt Ulf Poschardt, Chefredakteur der ›Welt‹, immer wieder an seinen Kollegen und versucht mit seinen Kolumnen belehrend und argumentierend einen Ausgleich. 

»Wie sehr uns gerade auch dieser brillante Sinn für Selbstironie und heiteren Sarkasmus fehlen wird, kommt insbesondere in der trostlosen Verbitterung und Humorfreiheit der toitschen Besserwisser und ihrem kläglichen Niveau zur Geltung. Wir haben die Briten mit aus der EU getrieben, jetzt können wir sie auch noch als Freunde und Partner außerhalb der EU verlieren. Viele Reaktionen nach dem Sieg von Johnson sind mehr als blamabel. Die nationalmoralistischen Eliten kassieren ihre nächste Ohrfeige. Mal sehen, ob die SPD das Ergebnis richtig interpretiert«, schreibt er in einem Kommentar, doch auch aus seinen Worten ist mehr Verzweiflung als Lust am Streit zu lesen.

In den zwei Jahren, die ich bis zum Sommer 2019 in Guildford, einer Universitätsstadt südlich von London, lebte, konnte ich miterleben, wie sich die Stimmung zugunsten Brexit immer mehr verschoben hatte. Jeden Mittwoch- und Freitagvormittag spielten nur Männer im örtlichen Tennisclub, und nach dem Spiel saßen wir im Klubhaus bei einer Tasse Tee, Kaffee und einem Teller mit Keksen und redeten über Verletzungen, neue Restaurants in der Gegend, Scheidungen, tolle Urlaube, von denen man eben zurückgekommen war, und natürlich Brexit. Seit der Abstimmung 2016 veränderte sich das Verhältnis ›Remainer‹ zu ›Leaver‹ von Woche zu Woche von einer 50:50 Patt-Stellung zu einer Mehrheit, die ein Verlassen der EU vorzog. 

Einer unter uns war ein pensionierter Deutschlehrer, der immer wieder Zeitungsausschnitte brachte, sie auf englisch vorlas, und alle fragten mich dann, warum deutsche Medien in einem derart aggressiven und bösartigen Ton über Großbritannien schreiben würden. Ein ebenfalls pensionierter ehemaliger BBC Journalist fasste es in zwei Sätzen zusammen:

Diese Art des Journalismus hat die traditionelle Trennung zwischen Bericht und Kommentar aufgegeben. In deutschen Zeitungen lesen sich heute Berichte wie Kommentare, und Kommentare wie Leserbriefe.

 

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