Naher Osten

Zurück ins Meer

Photo: Garry Knight (edited), CC BY 2.0

Geht zurück ins Meer!

„Was können wir tun, damit Frieden ist? Was können wir Euch anbieten?“, fragte ich.
„Gar nichts. Geht zurück ins Meer! Oder sucht Euch ein anderes Land!“, antwortete sie.

Von diesem Dialog erzählte mir die Fragestellerin, eine jüdische Bekannte. Die Antwort gab eine junge, westlich gekleidete Dame am Rande einer pro-palästinensischen Demonstration gegen eine Militäroperation Israels in Gaza. Die junge Palästinenserin hatte nichts Persönliches gegen die Wiener Jüdin. Sie wollte nur, dass die Juden aus Israel zurück ins Meer getrieben werden. „Sie wohnen in Wien? Dagegen haben wir nichts“, meinte sie im Laufe des Gesprächs. Fast schon großzügig, in gewisser Weise, schließlich war das in dieser Stadt nicht immer so. Meine Bekannte war fassungslos über den bedingungslosen Hass, der nur mit Vernichtung oder Vertreibung zu stillen ist. Sie hatte irgendwelche maximalen politischen Forderungen erwartet, aber nicht „zurück ins Meer“. Sie fragte mich, ob ich wüsste, wie man damit umgehen könne. Aber wer weiß das schon.

Im Schatten zweier Weltkriege kennen wir keine Feinde mehr, nur Interessenskonflikte, die man in Verhandlungen löst, indem man Kompromisse schließt. Und weil wir unsere eigenen zivilisatorischen Normen und Moralvorstellungen auf andere projizieren, scheitern wir im Umgang mit Despoten, Diktatoren und gewalttätigen Rassisten. In einem denkwürdigen SPIEGEL-Interview mit Margot Käßmann wird das offensichtlich.

„Spiegel: Frau Käßmann, war es ein gerechter Krieg, als die Alliierten Deutschland von der Herrschaft der Nazis befreiten?

Käßmann: Es war sicherlich ein Krieg mit einer guten Intention und am Ende die Befreiung vom Naziterror. Aber mir fällt es schwer, Kriege zu rechtfertigen. Es gibt nur einen gerechten Frieden. Wenn es zu einem Krieg kommt, ist das immer ein Versagen, weil es nicht schon viel früher Versuche gegeben hat, Waffengewalt zu verhindern.

Spiegel: Sie meinen, man hätte Adolf Hitler nur gut zureden müssen, dann wäre er schon friedlich geblieben und hätte keinen Krieg angezettelt.

Käßmann: So naiv bin ich nun auch nicht. Aber es gab frühe Warnungen, und auch die Alliierten sind nicht ohne jede Schuld geblieben, wenn Städte voller Flüchtlinge bombardiert und Frauen vergewaltigt wurden. Können Sie mir nur einen Krieg in den letzten 60 Jahren nennen, den man mit vernünftigen Gründen rechtfertigen kann?

Spiegel: Uns fallen vor allem Beispiele dafür ein, dass die Völkergemeinschaft durch ihr Wegsehen Massenmord zugelassen hat. 1994 zum Beispiel, als die Hutu in Ruanda mindestens 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu töteten. Oder 1995 in Srebrenica, als die Serben eine Uno-Schutzzone überrannten und ein Massaker unter den bosnischen Muslimen anrichteten.

Käßmann: Es ist interessant, dass Sie immer vom Ende her denken, wenn es keine gewaltfreie Lösung mehr zu geben scheint. Heute existieren viele Friedensforschungsinstitute, die Strategien entwickelt haben, um Konflikte zu vermeiden oder zu schlichten. Man muss es eben nur wollen. Aber am Willen hapert es. Das sehen Sie schon daran, dass Deutschland pro Jahr über 30 Milliarden Euro für Militär ausgibt, aber nur 29 Millionen für den Friedensdienst. Das ist eine schlimme Diskrepanz.

„Man muss es eben nur wollen.“

Gestern jährte sich die Reichspogromnacht, bei vielen besser als „Reichskristallnacht“ bekannt. Ein Begriff, von dem man inzwischen Abstand genommen hat, weil er als verharmlosend wahrgenommen wurde. In dieser Nacht vom 9. auf 10. November 1938 brannten die Synagogen in Deutschland, Österreich und Tschechien. In einer von Reinhard Heydrich koordinierten Aktion plünderten und zerstörten die Nationalsozialisten jüdische Einrichtungen, Geschäfte, Wohnungen und Büros. An die 30.000 meist junge, wohlhabende Juden wurden in die Konzentrationslager nach Sachsenhausen, Buchenwald und Dachau verschleppt, um sie zur Deportation zu zwingen und ihr Vermögen zu arisieren. Man schätzt, dass allein in dieser Nacht 400 Menschen ermordet wurden oder sich das Leben nahmen. Hunderte wurden in den Tagen darauf in den KZs erschossen oder starben an den Folgen von Misshandlung und Zwangsarbeit. Diese Nacht war der Startschuss zum größten Völkermord der Geschichte, der zugleich der größte Raubzug war, den die Welt je gesehen hat.

Hat der Holocaust am Ende nur stattgefunden, weil es damals noch nicht genug Friedensforschungsinstitute gab? „Man muss es eben nur wollen.“ Aber wer ist „man“? Hat es den Juden wirklich „am Willen gehapert“, den Holocaust zu verhindern? Und wie hätte ein Angebot aussehen können, „um den Konflikt zu vermeiden oder zu schlichten“? Wir geben euch freiwillig alles was wir haben und verschwinden aus dem Land, in dem wir geboren und aufgewachsen sind, dafür seid ihr so freundlich, uns nicht tot zu prügeln, zu erschießen und ins Gas zu treiben?

In Wirklichkeit gab es natürlich nichts, was die Juden ihren Mördern anbieten hätten können. So wie es nichts gab, was die Tutsis mit den Hutus zu verhandeln hatten oder die Muslime von Srebrenica mit den Serben.

Es mag Zufall sein, dass gerade in Deutschland Meinungen wie jene von Frau Käßmann populär sind, wahrscheinlicher ist etwas anderes: Wenn Schuld sich immer gleich verteilt, relativiert das die eigene. Wenn „man nur wollen muss“, tragen die Opfer die gleiche Verantwortung wie die Täter, sie hätten ja nur wirklich wollen müssen, dann wäre es schon nicht so schlimm gekommen. Wir sind alle mit dem Satz aufgewachsen, dass zum Streiten immer zwei gehören. Zum Streiten schon, aber für den Entschluss zu rauben und zu morden, braucht es nur einen.

„Lieber Frosch, nimmst du mich auf deinem Rücken mit zur anderen Uferseite? Ich kann nicht schwimmen.“ Der Frosch erwidert: „Nein, das werde ich nicht tun. Sobald wir in der Mitte des Flusses angekommen sind wirst du mich mit deinem Giftstachel stechen und wir werden beide sterben.“ „Warum sollte ich das tun? Wenn ich dich steche, so werde auch ich ertrinken und ich hätte nichts dabei gewonnen…“

Der Frosch überlegt kurz und entschließt sich letztlich den Skorpion doch mit zur anderen Flussseite zu nehmen. In der Mitte des Flusses angekommen, holt der Skorpion mit seinem Stachel aus und sticht den Frosch in den Rücken. Mit den letzten Atemzügen fragt der Frosch: „Warum hast du mich gestochen? Jetzt sterben wir beide…“
„Ich bin ein Skorpion, es ist meine Natur, ich kann nicht anders…“

Vielleicht liegt in dieser Fabel die Antwort auf die Frage meiner Bekannten. Wir müssen die Natur der Angreifer verstehen, wenn wir Frieden wollen.

Im Gegensatz zu Fröschen und Skorpionen ist die menschliche Natur veränderbar. Das Deutschland von heute wurde auf den Trümmern des verlorenen Krieges errichtet, materiell und ideell. Erst die totale Niederlage öffnete den Weg zur Rückkehr in die Zivilisation. Und erst, wenn ein „judenreiner“ Naher Osten genauso fern ist wie der Endsieg der Deutschen im August 1945, ist Frieden in Sicht. Denn die Natur des „Nahostkonflikts“ (als ob es nur diesen einen gäbe) liegt nicht im mangelnden Willen der Parteien, sondern im Antisemitismus der Feinde Israels.

„Zurück ins Meer“, hoffen die Antisemiten, wenn ausgerechnet der deutsche Außenminister Mahmoud Abbas seinen Freund nennt. „Zurück ins Meer“, hoffen sie, wenn sich ausgerechnet der deutsche Bundespräsident vor dem Grab von Jassir Arafat verneigt.

In diesen Tagen gedenkt das offizielle Deutschland der Reichspogromnacht, jener Nacht, in der alles angefangen hat. Ich denke heute an „zurück ins Meer.“ Denn mit diesem Satz fängt alles an.

Zuerst erschienen auf mena-watch

 

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