Deutschland

Wut auf die Falschen

Foto: Screenshot aus dem Trailer »Rohwedder, Einigkeit und Mord und Freiheit«, Netflix

Typisch deutsch oder einfach nur menschlich?

Auf Netflix läuft gerade die spannende, wirklich gut gemachte Dokumentation »Rohwedder« über die Ermordung des Chefs der Treuhand Anstalt, Detlev Karsten Rohwedder, im Jahr 1991. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt. Die Mini-Serie ist absolut sehenswert, auch wenn ein paar ziemlich wüste Verschwörungstheorien präsentiert werden. Mir war bisher gar nicht bewusst, in welchem Ausmaß der Sicherheitsapparat der Bundesrepublik damals versagt hat. 

Der Film zeigt viele Szenen aus der Zeit der Abwicklung der DDR. Ich hatte in den 1990ern oft in Ländern des ehemaligen Ostblocks zu tun. Viele deutsche Manager erkannte man an einer besonderen Mischung aus Arroganz und schlechtem Benehmen (was wohl mit ein Grund dafür war, warum Österreicher geschäftlich dort ziemlich erfolgreich waren, sie verhielten sich einfach freundlicher und respektvoller). Manager aus der zweiten oder dritten Ebene, wohlhabend nur aufgrund der Währungsdifferenz und wohlgelitten nur wegen des Unternehmens, in dessen Sold sie stehen, hielten jedes Café für ein Bordell und pickten ihr bisschen Trinkgeld der Kellnerin an den Hintern. Notgeile »Herrenmenschen«, ohne Respekt und ohne Manieren.

In den »neuen Bundesländern« hatte ich nie zu tun, aber ich glaube mir vorstellen zu können, wie ein ähnliches Verhalten bei der dortigen Bevölkerung angekommen sein musste. Und sicher sind auch im Großen viele Fehler begangen worden, wie sollte es anders sein. 

Ursache und Wirkung

Die DDR war komplett pleite. Die Industrie war in keiner Weise konkurrenzfähig. Die Infrastruktur war desolat, die Umweltverschmutzung immens. An keinem der immer zahlreicheren Arbeitslosen waren die »Wessies« schuld, die Treuhandanstalt oder der Kapitalismus. Der völlige Zusammenbruch der DDR war eine Folge von Diktatur, Misswirtschaft und Korruption. Die Verantwortung dafür trugen das eigene Regime und dessen tausende große und kleine Günstlinge und Mitläufer. Doch der Zorn der Massen richtete sich nicht gegen die alte Führung, sondern gegen die neue Ordnung. 

Nach 40 Jahren in einer Diktatur, die Oppositionelle in den Kerker warf, und Menschen, die das Land verlassen wollten, ermordete, beklagte man allen Ernstes vor der Kamera, nun »Bürger zweiter Klasse« zu sein. Und kein Reporter fragt nach, was man denn bisher gewesen sei. Die Dokumentation endet mit einem Insert, das zeigt, dass 94% der Betriebe von westdeutschen oder internationalen Unternehmen übernommen worden seien und nur 6% von Ostdeutschen. 

Ein nicht unwesentlicher Teil dieser 6 Prozent dürfte mit Geld der SED finanziert worden sein. Rund 160 Unternehmensbeteiligungen habe die SED angekurbelt und darüber hinaus Darlehen für Firmengründungen an ihre Genossen vergeben; viele der ehemals 40.000 hauptamtlichen SED-Beschäftigten hätten von der Partei eine Starthilfe erhalten, berichtet der MDR. Die Schergen des alten Regimes haben sich gut in der neuen Ordnung eingerichtet.

Im Gegensatz zum »ausländischen« Kapital scheint das zuvor dem Volk gestohlene selbiges nicht zu stören. Die SED, von deren Milliardenvermögen hunderte Millionen bis heute noch nicht aufgetaucht sind, ist zumindest auf Landesebene schon wieder regierungsfähig. Der Zorn der Menschen richtet sich nicht auf diejenigen, die sie um ihr Leben betrogen haben, sondern wahlweise auf den Westen, den Kapitalismus oder »das System«. 

Die Wut auf die Falschen ist kein Alleinstellungsmerkmal der neuen Bundesländer. Auch anlässlich der alljährlichen Gedenkrituale zur Bombardierung Dresdens dringen jedesmal Stimmen an die Oberfläche, die Churchill und Harris Kriegsverbrecher schimpfen, anstatt den wahren Schuldigen zu benennen: das verbrecherische deutsche Regime, das – anstatt einen verlorenen Krieg durch Kapitulation zu beenden – sogar noch Kinder und Greise in die längst aussichtslose Schlacht geworfen hat. Und am anderen Ende des politischen Spektrums protestiert man gegen den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki, während Japan, dessen fanatische Führung wie die deutsche den Untergang der Kapitulation vorzog, außen vor bleibt. Wo Ursache und Wirkung so konsequent verwechselt werden, wundert es auch nicht, wenn eine Flutkatastrophe als Atomunglück in Erinnerung bleibt.

Vielleicht ist es einfach nur menschlich, vielleicht auch »typisch deutsch«. Die Trefferquote ist jedenfalls frappierend, mit der in Deutschland immer wieder genau die Falschen verantwortlich gemacht werden. 

 

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