Österreich

In die Volksschule verbannt

Foto: BKA / Andy Wenzel

Wir wollen nicht wie Kinder behandelt werden

Gesundheitsminister Rudolf Anschober war lange Zeit beliebtestes Mitglied der Regierung, bis ein paar problematische Entscheidungen die Begeisterung etwas bröckeln ließen und seine ›Anti-Virus-Show‹ in den politischen Alltag eines Ministers zurückgeholt wurde. In den Wochen der Angst und Ungewissheit mit drohenden Worten einzelner Regierungsmitglieder, man werde demnächst sowohl die liebenswerte, jedoch bereits betagte Omi als auch den Onkel Joschi verlieren, reagierte man mit Dankbarkeit, dass die Todesfälle in der eigenen Umgebung großteils verhindert, und die wenigen, die es erwischt hatte, in einem perfektem Gesundheitssystem betreut wurden. 

Ganz anders natürlich in Ländern, die keine verantwortungsvolle Regierung hatten, wie Schweden, die USA und Großbritannien zum Beispiel, und wo die Omas und Opas wie uns mehrmals versichert wurde ›wie die Fliegen starben‹, wobei mir der Vergleich nie ganz klar war, da rund um mich Fliegen eher selten sterben und ich sie kaum erwische. Doch der Unterschied und das daraus abgeleitete ›Wir sind besser‹ schien ein notwendiger Bestandteil der Selbstdarstellung zu sein.

Absolut bewundernswert sind die Selbstsicherheit und das Selbstvertrauen, mit der die Einschränkungen des täglichen Lebens durch das Regierungsmitglied mit der Ausbildung als Volksschullehrer kommuniziert wurden und werden. Wenn es um ›wir müssen uns zusammenreißen‹ geht und in den Interviews immer wieder von ›Disziplin‹ gesprochen wird, zeigt es eine Position des Gesundheit-Ministers gegenüber der Bevölkerung, die an sein Verhalten gegenüber Schülerinnen und Schülern in der Volksschule erinnern könnte. 

Sprachlosigkeit statt Information                           

Diese zum Teil absurde Sprachlosigkeit der Regierenden zeigt sich in den zwei Ebenen der Durchsetzung der Maßnahmen: Wir sind potentielle Gesetzesbrecher und potentielle Mörder. Anstelle von Aufklärung und Information mit nachvollziehbaren Argumenten dominiert die Drohung. Die Logik hinter dieser Polemik entspricht der Denkweise der Verantwortlichen: Nur wer sich fürchtet, wird die Anordnungen einhalten.

Den Höhepunkt der Verblödung lieferte die Gemeinde Wien mit einem Video, in dem die Bevölkerung aufgefordert wurde, ›brav‹ zu sein. Ein als Kaiser verkleideter Komödiant ermahnte mit erhobenem Zeigefinger, sich anständig zu benehmen und den Anordnungen der Politiker zu folgen. ›Brav‹ im Sinne der Wiener Regierung ist nicht nur ein Kind, das wort- und widerspruchslos gehorcht, sondern eine ganze Bevölkerung von 1 bis 99, die wie ein disziplinierter Kindergarten auf strenge Erzieher/Innen hört. In der ZIB2 sprach eine Journalisten von der Bevölkerung, die sich einst wie ›Musterschüler‹ verhalten hätte und dann wieder nicht mehr – was die Verschärfung der Vorschriften notwendig machte. Auch hier die Reduktion in der Beschreibung der Erwachsenen auf ‚schlimme‘ oder brave’ Kinder.

Um die Veränderung der Kommunikation zu verdeutlichen, erinnere man sich an die Einführung der Sicherheitsgurte in Autos. Diese notwendige Einrichtung wurde mit Statistiken und Modellen unterstützt, und kein Clown in Kaisers Uniform ermahnte in vertrottelter Manier die Bevölkerung, ›brav‹ zu sein und den Gurt anzulegen.

Seit ein paar Wochen geht es nun um die sogenannte 2. Welle. Wieder traten Gesundheitsminister und Kanzler vor die Bevölkerung und warnten, wenn die Lockerungen unverantwortlich ausgenützt würden, müsse man sie zurücknehmen. Beeindruckend auch diesmal das schulmeisterliche Gehabe. Der Kanzler meinte sogar, er hätte die Verschärfungen weitaus früher bekanntgegeben, sei jedoch als ›Direktor‹ der alpenländischen Volksschule von einigen ›Lehrern‹ daran gehindert worden. Einst klopften sich die Regierenden lobend gegenseitig auf die Schultern, wie gut sie im Gegensatz zu anderen Ländern die Seuche kontrollierten. Nun klappt es nicht so recht mit der zweiten Welle, weil es laut Vizekanzler Kogler zu viele ›Hirnlose‹ gäbe. Richtig verärgert haben wir unsere Erzieher, die nun strafverschärfend neue einschränkende Maßnahmen erlassen müssten.

Als ahnungslose Bevölkerung verschont man uns mit der Fachsprache der Spezialisten, und bleibt beim Verständlichen. Manchmal taucht sie in den Medien in Interviews auf, aber auch dann wird nicht klar, ob diese Personen die Regierung beraten. Wer tatsächlich hinter den Entscheidungen steht, erfahren wir nicht. Vielleicht geht die Regierung davon aus, dass es uns belasten, irritieren oder verunsichern würde. 

Jede Entscheidungsfindung beginnt mit der wissenschaftlichen Untersuchung einer realen Gefahr, dann werden Maßnahmen entworfen, die gegenüber der Regierung kommuniziert werden, die diese an die Bevölkerung weitergeben. Statt jedoch den Prozess transparent und operativ darzustellen, werden Anordnungen als Regierungsbeschlüsse übermittelt, auf einem Niveau, dass die Bevölkerung auf ein infantiles Kollektiv reduziert, als Masse, in der es keine Altersunterschiede gibt. 

Die sprachliche Nivellierung orientiert sich nach unten in der Alterspyramide. Stellen wir uns Gesundheitsminister plus Kanzler in einer Mittelschule vor, wie sie Schülern und Schülerinnen die Maßnahmen erklären würden. Die Wortwahl wäre keine andere im Vergleich zu Auftritten gegenüber der Bevölkerung. Die Verantwortlichkeit der Erwachsene wird ignoriert. Sie werden trotz all den Jahren mit Ausbildung, Familiengründung, Erziehung von Kindern und Leistungen am Arbeitsplatz immer noch wie Jugendliche behandelt, die sich schlecht benehmen. 

Infantile Gesellschaft

Vielleicht ist die Generation der Erwachsenen teilweise mitverantwortlich an der Veränderung der Diktion. Für viele gibt es nur mehr Jugend und Alter, dazwischen fühlen sie sich entweder noch jung oder schon alt. Mütter sind stolz, wenn sie als Schwester der Tochter angesprochen werden, und Väter gehen auf Radtour mit dem Sohn in gleicher Sport-Bekleidung und erzählen später begeistert, wie sie das hohe Tempo durchgehalten hätten. Eltern gehen mit ihren Kindern zu Pop-Konzerten und bejubeln gemeinsam die Stars, oder demonstrieren Seite an Seite, als wäre der Generationskonflikt endgültig abgeschafft. Die Werbeindustrie hat längst darauf reagiert und definiert heute eine Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren, die mit den gleichen Produkten ansprechbar ist. 

Wenn die Gesundheit älterer Menschen besser wird, die Fünfzigjährigen sich wie Dreißig fühlen und Sechzigjährigen wie Fünfzig, müsste das nicht bedeuten, dass auch Sprache, Hobbies, Kleidung, Frisur und Einstellung zum Leben sich der körperlichen Verfassung anpassen. Die junge Generation bewundert uns nicht, wenn wir die gleichen bunten Schuhe und engen Radfahr-Hosen tragen und noch zwanzig Kilometer laufen können. Das alles erleben sie mit Gleichaltrigen. Sie erwarten von Erwachsenen Ideen, Konfliktlösungen, Erfahrungen, vielleicht die Erklärung eines Buches, das ihnen unverständlich ist, Erlebnisse und Abenteuer und manchmal Interessantes aus dem weiten Bereich der kaum mehr geschätzten Allgemeinbildung.

Zurückkommend auf die Durchsetzung von Maßnahmen würde ich gerne von der Regierung als verantwortlicher Erwachsener respektiert und informiert werden, auf einer vergleichbaren Ebene wie wahrscheinlich Mitglieder der Regierung durch Fachleute informiert werden. Das ist zumutbar. 

So wie ein Bankbeamter bei der Überziehung meines Kontos mich nicht ermahnt, ›brav‹ zu sein, sondern mit Empfehlungen eine Lösung des Problems mit mir diskutiert. Es sind die Leistungen der Erwachsenen, die eine Gesellschaft funktionieren lässt, wie Müllabfuhr, Wasserversorgung, das Schulsystem, die vollen Regale im Supermarkt, der Taxifahrer, die Zahnärztin und der Mechaniker, der das Fahrrad repariert.  Frauen und Männer, gebildet, informiert und verantwortlich, die der Gesellschaft einen weitgehend sorgenfreien Alltag garantieren.

Eine Regierung, die ihr Scheitern mit Disziplinlosigkeit der Bevölkerung erklärt, ohne ihre eigenen Entscheidungen infrage zu stellen, hat weder ihren Auftrag noch ihre Verantwortung verstanden.

Zuerst erschienen in NEWS. 

 

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