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SCHLAGLICHTER

Play Strindberg

Szene aus Play Strindberg

Foto: © Arno Declair / Deutsches Theater Berlin

Ein bitterböser Rosenkrieg auf hohem Kulturniveau

Darf Hass so viel Freude bereiten? In Form einer szenischen Lesung am Deutschen Theater Berlin schon. Ein Haus, das aus der deutschsprachigen Theaterlandschaft nicht mehr wegzudenken ist, widmet sich einem Klassiker mit Sprengstoff.

Die Abgründe und die Komik einer Ehe, die zur Hölle wurde, kann in normalen Zeiten bieder inszeniert werden und in Pandemiezeiten grandios gegen die Wand fahren. Nichts dergleichen passiert in der Art, wie das Deutsche Theater Berlin »Play Strindberg« von Friedrich Dürrenmatt anpackt.

Alice, gespielt von Sophie Rois, und Edgar, gespielt von Ulrich Matthes, können nicht miteinander –seit 25 Jahren. Auf Tinder-Deutsch würde man sagen: das Matching war unpassend. In einer vergangenen Welt wurde ein lebenslanges Bündnis daraus, weil die Konventionen es so wollten. Es ist aber keine Eiseskälte mit der sie sich begegnen, sondern es sind ausgelebte Gefühle – nur eben solche der gegenseitigen Ablehnung.

Dürrenmatts Straffung des ursprünglichen Stückes »Totentanz« von Strindberg, dramaturgisch originell als Boxkampf in zwölf Runden aufgebaut, ist an sich schon genial – in der Les- beziehungsweise Spielart von Matthes und Rois, gemeinsam mit Manuel Harder als Cousin Kurt, der zu Besuch kommt, wird es brilliant auf die Bühne gebracht … so sehr, dass man sich als Zuschauer dabei ertappt, den Schlagabtausch der Eheleute anzufeuern und das obwohl es ein Teufelskreis ist.

Das Format der szenischen Lesung ist hier besonders klug gewählt, denn durch die Maßnahmen in Zeiten einer Pandemie verlagert sie die Unmöglichkeit, sich auf der Bühne näher zu kommen, auf das Spielerische in einer Lesung. Man blendet für dieses Stück die Pandemie aus: es ist egal, dass sich die Charaktere nicht berühren können, da es gar nicht Teil einer szenischen Lesung wäre. Ablenkung auf hohem künstlerischen Niveau.

Die Realität setzt dann aber doch ein, und so schön diese bitterbösen Aspekte von »Play Strindberg« sind: wer einmal unwiderstehliche und harmonische Anziehungskraft, und im Vergleich dazu Kraft raubende Beziehungen ohne auch nur das kleinste Licht am Ende des Tunnels, erlebt hat, kann niemandem ernsthaft das Letztere wünschen. Ganz besonders nicht in diesen Zeiten, wo die Fluchtmöglichkeiten begrenzt sind.

Daran erinnert dieser Kulturgenuss im Deutschen Theater auch – im Nachgang zu einem herrlichen Abend voller amouröser Streitigkeiten.


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Saba Farzan

Saba Farzan schreibt für zahlreiche europäische und internationale Publikationen über den Nahen Osten und transatlantische Nahostpolitik. Sie hat Theaterwissenschaften, Amerikanische Literaturwissenschaft und Soziologie an der Universität Bayreuth studiert mit Forschungsaufenthalten an der Kurt Weil Foundation for Music in New York und der Yale Music Library. Sie hat die Strategie - Denkfabrik Foreign Policy Circle gegründet, die sich der transatlantischen Partnerschaft, der Wahrung der Menschenrechte und der Bekämpfung des Antisemitismus verschrieben hat. Saba Farzan lebt in Berlin, weil sie nicht auf drei Opernhäuser vor der Haustür verzichten möchte - sie liebt generell Kultur und kritisiert jeglichen Kulturaustausch mit den Diktaturen dieser Welt.

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