Russland WM-Tagebuch

Wozu Fußball-WM?

Photo: Serega2363, CC BY-SA 4.0

WM-Tagebuch, 17. Juni

In einem Restaurant in Samara, etwa 2 Stunden mit dem Flugzeug westlich von Moskau direkt an der Wolga, in dem Spezialitäten aus Georgien serviert werden, steht der Mann, der neben uns an einem Tisch sitzt, plötzlich auf und dreht den Fernseher ab. Das Spiel Kroatien gegen Nigeria wird übertragen.

»Entschuldige«, sagt er zu uns. »Aber ich kann’s nicht mehr hören und nicht mehr sehen. Genug! Seit Monaten werden wir täglich mit der Fußball WM belagert, wie bei der Berichterstattung über die Erfüllung des Fünf–Jahres Plan unter Breschnjew«. Er lacht über seinen Witz.

Wir sagen nichts, essen weiter und nicken nur. Was sollten wir auch antworten… Er setzt sich wieder, schaut immer wieder zu unserem Tisch, also ob er sich schuldig fühlen würde wegen der TV Übertragung, und fragt uns plötzlich, woher wir kommen würden.

Erst jetzt beginne ich, ihn mir näher anzusehen. Der Mann ist vielleicht 50, trägt einen dunkelbraunen Anzug mit viel zu weiten Hosen und ein weißes Hemd mit dunklen Punkten, die vielleicht violett sind. Dazu eine blaue breite Krawatte mit hellen Streifen. Sein wahrscheinlich graues Haar ist schwarz gefärbt, und sein ganzer Haarschopf sieht aus, als ob er ein Glas Tusche über seinen Kopf geleert hätte.

»Wir kommen aus Österreich, leben jedoch in London«, antworten ich ihm. »Ah Wien! Schöne Musik! Und? Wie geht es eurem Team?«, fragt er. »Österreich hat die Qualifikation nicht geschafft. Wir sind nur hier, um ein paar Spiele zu sehen.« Er schüttelt den Kopf und fragt: »Wozu?«

Ich zucke mit den Achseln. »Wir mögen Fußball und es ist eine tolle Atmosphäre hier.«

»Na ja, vielleicht für euch, wenn ihr mit euren Dollars kommt. Für uns ist das ganze Theater nur eine Belastung, es ist ohnehin alles schwierig genug«, sagt er leise in perfektem Englisch und blickt dabei in seinen Teller. »Was machen Sie hier?«, frage ich ihn.

»Ich komme aus (ich konnte den Namen des Ortes nicht verstehen) und verkaufe Obst von unserer Landwirtschaft. War früher eine Kolchose, ein paar Stunden im Norden, nicht so weit von hier. Jetzt gehört sie einem Mann in Moskau, den wir nicht einmal kennen. Aber wir haben herrliches Obst, Äpfel, Birnen, Marillen, Pfirsiche, und auch Gemüse. Wir liefern sie an die Supermarkt–Ketten in den Großstädten und die verteilen es an die Geschäfte.«

»Und der Fußball? Das interessiert niemanden?«, frage ich ihn.

»Natürlich, wenn wir spielen schauen alle. Aber Kroatien gegen Nigeria? Meine Leute würden Nigeria nicht einmal auf der Landkarte finden. Das ganze Theater ist ein Schauspiel für 5 Prozent der Bevölkerung. Ihr im Westen glaubt immer Moskau und St. Petersburg, das ist Russland. Kommt doch in meine Stadt. Da sieht es ganz anders aus. Ein Drittel der Hütten hat keinen Wasseranschluss mehr und keine funktionierenden Toiletten. Auf den Strassen sind Löcher, dass man im Slalom fahren muss und im Winter bricht man immer wieder ein mit dem Wagen, weil der Schnee alles zudeckt wie ein Teppich. Wir arbeiten 10 Stunden am Tag, ich habe seit 5 Jahren keinen Urlaub genommen. Für meinen Monatsgehalt könnte ich nicht einmal Karten für ein Spiel für meine Familie kaufen. Es ist eine Show für… na ja, sie wissen schon für wen…«

Er stochert in seinem Essen herum. Wir schweigen eine Zeit lang bis er seinen Monolog fortsetzt:

»Ich sollte ja dankbar sein, wir haben eine kleine Wohnung und sogar ein Auto, zwei meiner Söhne gehen hier in Samara auf die Universität. Die beklagen sich jedes Mal, wenn sie nach Hause kommen, dass wir Alten nichts unternommen haben beim Sturz der Kommunisten, und es zugelassen hätten, dass Putin mit seinen Oligarchen das Land übernehmen konnte. Was hätten wir denn tun sollen. Unsere Kolchose wurde auf die Bauern aufgeteilt, jeder hatte plötzlich ein paar Prozente. Dann kamen Geschäftsleute in schönen Anzügen und boten uns Bargeld für unsere Anteile. Keiner wusste, was sie wirklich wert waren. Die, die nein sagten, deren Hütten sind manchmal abgebrannt oder es wurde eingebrochen und alles gestohlen. Irgendwann hat jeder einfach aufgegeben und verkauft. Jetzt haben wir einen Direktor, der vorher der Parteisekretär der Kolchose war, der fährt einen Mercedes und versucht, unsere Gehälter zu drücken. Den Besitzer haben wir, wie gesagt, noch nie gesehen.«

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und wartete einfach, bis er weiterredete.

»Was sollen wir denn tun? Manchmal schau ich BBC oder CNN, wenn ich auf Reisen bin und im Hotel übernachte. Die stellen sich das alles so einfach vor, wir haben keine Opposition, wird immer kritisiert.  Das ewige Gerede von Pressefreiheit und Unterdrückung, als ob das die täglichen Probleme der Menschen hier wären. Putin, der Geheimdienst, fehlende Pressefreiheit oder die Polizei sind nicht unsere Sorgen. Viele gehen einfach am Alkohol zugrunde. Die meisten Krankenstände in meiner Abteilung sind Montag und Dienstag, weil jeder halb tot ist vom Saufen am Wochenende. Es gibt in den Provinzen keine Ärzte mehr, die ziehen in die großen Städte, die Lehrer sind verschwunden und die Universitäten fernab der Zentren können nur mehr wenige Kurse anbieten. Das ganze Land war früher aufgeteilt wie ein Schachbrett, das der König von seinem Platz aus organisiert, strukturiert und versorgt hat. Da gab es Väterchen Zar und später Väterchen Stalin, und wie sie alle hießen, und jetzt?

Den neuen König interessiert die Provinz nicht, aber das sind doch 70% des Landes. Es ging uns besser in der Kolchose, man hatte das Gefühl, es kümmert sich jemand um dich, du bist nicht allein. Wenn du ein Problem hast, konntest du zum Parteivorsitzenden gehen, aber jetzt? Zu wem sollen wir gehen? Wo können wir uns beklagen und jammern und weinen, bis sich jemand erbarmt? So war es doch immer in Russland, schon unter dem Zaren. Jetzt sind wir alleine, darauf sind wir nicht vorbereitet, da fehlen uns ein paar Generationen. Wir können mit der neuen Freiheit nichts anfangen, zumindest die meisten von uns nicht. Ein paar Wenige schaffen es und werden erfolgreich und verdienen gutes Geld, ziehen nach Moskau und kaufen sich eine schöne Wohnung, gehen Schifahren nach Österreich und im Sommer nach Italien. Aber was machen wir? All die anderen? Wir sind ein Leben, das wir selbst in deine Hand nehmen sollen, nicht gewohnt. Wir haben doch seit Jahrhunderten immer nur gewartet, dass einer eine Entscheidung fällt, die auch uns nützt. Daher trinken so viele, aus reiner Verzweiflung, und andere erhoffen sich von Putin die Rettung…«

Ich hatte längst meinen Hering, die Kartoffeln und die russische Krautsuppe aufgegessen, ich konnte nicht alles stehen und kalt werden lassen. Er entschuldigte sich plötzlich, dass er so viel geredet hatte. Ich versuchte ihn zu beruhigen und sagte, dass wir im Westen – was immer das sein soll – Russland einfach nicht verstehen würden. Dann bezahlte er plötzlich, ohne auch nur auf seinen Teller zu blicken und verließ das Restaurant.

Ach ja, da war auch noch ein Fußballspiel in Samara, wo der junge Tolstoi einst lebte und wohin Stalin das Forschungszentrum für die Entwicklung der Russischen Raketen verlegte. Stalin mochte diese Stadt und ließ ein unterirdisches Bunkersystem bauen, wo sich die Regierung im Katastrophenfall aus Moskau flüchten konnte.

In dem extra für die WM neu erbauten Stadion spielten Costa Rica gegen Serbien, das durch ein herrliches Freistoßtor das Spiel 1:0 gewann. Diesmal waren mehr Russen unter den Zusehern, die eisern die Serben unterstützen und die wenigen Zuseher aus Costa Rica lautstark überschrieen, wann immer diese versuchten, ihre Mannschaft anzufeuern. Ein gutes, spannendes Spiel mit begeisterten Zusehern.

Übrigens, nachdem der Gast, der uns Russland erklärt und das Restaurant danach fluchtartig verlassen hatte, baten auch wir den Ober um die Rechnung.

»Das ist schon erledigt. Ihr Essen hat ihr Freund bezahlt, der früher gegangen ist«, sagte er.

 

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