Ohne »Kulturverliebtheit« verspielt Österreich seine wirtschaftliche Zukunft

O

Der vom Bundeskanzler in die Coronadebatte geworfene Begriff ›Kulturverliebtheit‹ sollte das Wort des Jahres 2020 werden. Denn der Zustand der kulturellen Bildung des Landes ist blamabel. 

UNESCO-Weltkonferenz 2010 in Seoul: Michele und Robert Roots-Bernstein von der State University of Michigan stellen ihre Studie über das Freizeitverhalten aller bis 2005 gekürten 510 Nobelpreisträger vor und vergleichen dieses mit jenem von 7306 Wissenschaftlern, die keinen Nobelpreis erhalten haben. Das Ergebnis? Tatsächlich sind Nobelpreisträger aller Disziplinen kulturverliebt, und das in höchstem Maße: Doppelt so viele Nobelpreisträger wie ›No-Name-Wissenschaftler‹ sind künstlerisch in der Fotografie tätig, musizieren viermal so oft, verwirklichen sich fünfzehn Mal häufiger im Bereich des kreativen Handwerks, beschäftigen sich siebzehnmal häufiger aktiv mit Bildender Kunst, sind zweiundzwanzigmal so oft als ›Performer‹, etwa als Schauspieler, Zauberer und Entertainer, auf Bühnen tätig und arbeiten fünfundzwanzigmal häufiger abseits ihrer Profession im Bereich der Literatur – Lyrik, Science Fiktion, Essays, also kreativ.

Herbst 2020. PISA-Chef Andreas Schleicher referiert zur besten Sendezeit in Ö 1 die Ergebnisse des PISA-Tests 2018, der die Leistungsfähigkeit der Bildungssysteme der Mitgliedsstaaten der OECD untersucht. Neben wenig Erfreulichem – die PISA-Gesamtkurve geht seit 2000 bis heute konsequent nach unten – gibt es auch Lob für Österreich: Wir investieren schülerkopfbezogen so viel Finanzmittel wie kaum ein anderes Land. Doch wir bringen es nur zu durchschnittlichen Ergebnissen, was uns in den Rankings in die Nachbarschaft von Schwellenländern bringt. Und – hier wurde der stets kühle und beherrschte PISA-Chef emotional und verwies auf Österreichs traditionelles Selbstverständnis als weltweit führende Kulturnation mit dem Flaggschiff Wien – der Test outete Österreich als Schlusslicht bei der künstlerisch-musisch-kreativ-handwerklichen Ausbildung!

Eine Rundfrage bei Musik- und Kunsterziehern bestätigt diesen Befund: »Das verwundert nicht! Seit Jahrzehnten wird die künstlerische Bildung an den Rand gedrängt!« 

Die Website eines Gymnasiums vermerkt, dass es ihr wegen der großen systemischen Unruhe im Schulalltag und wegen fehlender Ressourcen nicht möglich ist, den verpflichtenden Kunstunterricht wie gesetzlich vorgesehen abzuhalten, und dass man daher zu freiwilligen Angeboten übergegangen ist. Erhard Busek beklagt in seiner Eigenschaft als langjähriger Präsident des Gustav Mahler Jugendorchesters, dass in diesem von unserer Bundesregierung massiv subventionierten internationalen Klangkörper der Anteil österreichischer Jungmusiker seit Jahren sinkt, und dass diese immer seltener zu den Leistungsträgern zählen. Viele Schulen rufen die ihnen zustehenden Budgets für die Ausstattung der Kunst- und Werkräume gar nicht ab – »das interessiert heute kaum jemanden, scheinbar ist alles andere wichtiger, auch fehlen geprüfte Pädagogen.« Die Zahl der Schulorchester sinkt. Der vernichtende PISA-Befund zum Zustand der künstlerischen Bildung erfährt nahezu ausschließlich Bestätigung.

Doch der eigentliche Hammer kommt jetzt. Eine kulturaffine Tageszeitung widmete diesem erschütternden PISA-Ergebnis einen nicht zu übersehenden Vierspalter. Das Warten auf themabezogene Leserbriefe und Gastkommentare – vergebens. Der Verfasser des redaktionellen Beitrages: »Es ist keine einzige Reaktion eingelangt. Aber dies ist bei Kulturthemen mittlerweile die traurige Norm.«

Wie bitte? Wo bleiben die Chefs der großen Kulturtanker wie Staatsoper und Burgtheater, wo die Intendanten von Musikverein und Konzerthaus, wo die Verantwortlichen der Bundesländerbühnen, wo die Berufsverbände der Kunstschaffenden, wo die Gestalter der freien Szene, die Rektoren der Kunst- und Musikuniversitäten, wo die Philosophen und Kulturwissenschaftler, die Vorstände der weltberühmten Wiener Orchester – und wo bleibt die Politik? Schweigen. Rundum. 

Kratzt denn dieses für eine Kulturnation so blamable Ergebnis tatsächlich niemanden? Oder gehören die heutigen Kulturverantwortlichen bereits jener Generation an, die in der Schule nicht mehr lernt, einen zusammenhängenden Text zu verfassen, die die Werke der Weltliteratur höchstens häppchenweise konsumiert und stattdessen mit unsäglichen ›Textsorten‹ hantiert? Recherchen zum schulischen Stellenwert des Lesens bringen teils Erschütterndes zutage. Die Schülervertreterin einer Bundesschule bekannte freimütig: »Literaturunterricht haben wir – ein wenig. Gelesen wird da nicht mehr, wir arbeiten ausschließlich mit Hörbüchern.«

Die bereits zwei Jahrzehnte währende PISA-Talfahrt in den Grundkompetenzen – primär das Lesen, Schreiben und Rechnen – ist synchron verlaufen mit der Entwertung der künstlerischen Unterrichtsgegenstände, beginnend mit Stundenkürzungen in den 1990ern. Heute halten wir bei 66% nicht berufsfähig schreib-, rechen- und lesefähigen Lehrstellensuchern in Wien, die Universitäten beklagen massive Defizite der Studierenden beim sinnerfassenden Lesen, bei den Grundrechnungsarten(!) und beim smartphonefreien Erfassen des Zahlenraumes bis 100. Der teils drückende Fachkräftemangel, der Österreichs wirtschaftliche Zukunft bedroht, ist eine Folge dieser Fakten.

Der Tendenz nach sind Unterrichtsstunden von den künstlerischen Fächern hin zu kognitiv orientierten verlagert worden – mit dem Erfolg, dass es in allen Bereichen bergab geht. London investiert gerade in Brennpunktschulen erfolgreich in künstlerischen Unterricht, an den schwierigsten ist »Drama Teaching« ein Hauptgegenstand. 

Nochmals UNESCO-Weltkonferenz 2010: Eine ganz besondere Kunstschule in Seoul – alle Kunstsparten, bestens ausgestattete Werkstätten und Ateliers, Konzertsaal, Theater – erwies sich als Teil eines Jugendgefängnisses: Rückfallquote unter 1%.

Die OECD unterbreitet anlässlich jedes PISA-Tests länderspezifische Hinweise, wie Schwächen in den nationalen Bildungssystemen abgebaut und Positiva gestärkt werden sollten. Für Österreich sind dies im langjährigen Rückblick die Forderung nach 1. der Optimierung des Unterrichts und des Lernens, 2. die Vereinfachung der hochkomplexen, bremsenden Schulverwaltung (der derzeitige Föderalismus lässt grüßen) und 3. das Optimieren des Verhältnisses der Lehrpersonen zu den Eltern. 

Doch was macht Österreich? Das berüchtigte, nachweislich unwirksame »Schräubchendrehen« und Dauertesten! »Ein Rennpferd wird nicht dadurch rascher, indem man immer die öfter die Rundenzeiten misst, sondern wenn es gutes, werthaltiges Futter erhält und es regelmäßig trainiert wird.« So der Befund eines renommierten Lernpsychologen.

Zurück zu den kulturverliebten, oftmals »spielenden« Nobelpreisträgern. Natürlichen hat Kunst viel mit »Spielen« und mit Freiräumen zu tun, mit einer geglückten Form des lebenslangen »Kindseins«. Der Nobelpreisträger Albert Einstein hat dies mehrfach auf sehr eindrückliche Weise formuliert. Kunst versagt sich zeitgeistigen Postulaten nach der Maximierung von Effektivität und Effizienz und umfassender, kurzfristiger Nützlichkeit. Kunst braucht Zeit – Zeit, die sich Stundenplänen und Stechuhren verweigert. Diese Zeit kann die Schule nicht bieten – wohl aber Anstöße, dass junge Menschen sich für Kunst zu interessieren beginnen, ihr in ihrer Freizeit Raum geben, sich in Kunst verlieben – ja, Kulturverliebtheit braucht es künftig mehr als je zuvor! 

Je mehr Kulturverliebte es gibt – der Begriff wurde jüngst vom Bundeskanzler im Zusammenhang mit dem Kultur-Lockdown geprägt – desto besser ist es für den Einzelnen und für die Gemeinschaft. Die rundum kulturverliebten Nobelpreisträger aller wissenschaftlichen Disziplinen beweisen dies mit Nachdruck. 

Österreich erhebt den Anspruch, technologisch und wirtschaftlich künftig in der obersten Liga der weltweit erfolgreichsten Staaten mitzuspielen. Das ist realistisch, wenn es uns gelingt, möglichst viele Menschen zu »Kulturverliebten« zu machen. Tun wir es!


Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Dann unterstützen Sie bitte die SCHLAGLICHTER


Über den Autor / die Autorin

Ernst Smole

Prof. Ernst Smole ist Leiter des NIKOLAUS HARNONCOURT FORUMS WIEN. Er hat Musik in Graz, Lugano und Weimar studiert (Dirigieren, Cello, Musikpädagogik) und war Berater der Unterrichts- und Kunstminister Sinowatz, Moritz und Zilk. In der auslaufenden Legislaturperiode wurde Prof. Smole mehrfach als unabhängiger Referent in Ausschüsse des Parlaments berufen (Bildungsfinanzierung, Schulautonomie, Inklusion, Politische Bildung). Seit den 1990ern befasst er sich intensiv mit Bildungssystemen unterschiedlicher Epochen und Kulturkreise, insbesondere mit dem jüdischen.
Aktuell koordiniert Prof. Smole die Arbeit eines 50köpfigen multidisziplinären Teams am BILDUNGSPLAN/ UNTERRICHTS:SOZIAL : ARBEITS & STRUKTUR:PLAN FÜR ÖSTERREICH 2015 - 2030.

Von Ernst Smole