Einfach zum Nachdenken Feuilleton

Wahlweise

Wahlweise

Martinshorn

Kaum war die Last der nicht zu gewinnenden Wahl von ihm abgefallen, blies sich der Martin gewaltig auf und ins oppositionelle Horn bzw. der Kanzlerin den Marsch. Man dachte: „Hätte der Martin so Wahlkampf gemacht, wär’s vielleicht nicht derart aussichtslos gewesen“, und kurz darauf: „Gottseidank hat er‘s nicht“, weil da in ihm die Schimäre des beleidigten und beleidigenden wilhelminischen Untertanen wiederauferstand. Allein die Vorstellung, so ein personifizierter Fettnapf à la Diederich Heßling würde Kanzler oder Außenminister, ist gruselig. Aber wird er ja nicht, alles gut, und lang wird er auch nicht mehr Parteivorsitzender sein.

Alles gut?

Das sofortige Köpferollen ist ausgefallen, stimmt. Schulz bleibt SPD-Chef, wenn auch nur auf Zeit, und die CDU ist weiter „voll muttiviert“: krude Wortschöpfung der Wertschätzung der vierten Kanzlerschaft Merkels seitens ihrer Anhänger. Doch auch die Uhr der Kanzlerin tickt. Das Schwert des politischen Scharfrichters schwang ja schon vor der Wahl unsichtbar durch die Lüfte. Am Wahlbend holte er zum finalen Streich aus – die beiden fühlen es, wollen es aber nicht wahrhaben. Doch das dürfte höchstens ein, zwei Jahre lang gelingen…

Lindners Combo

Zu den seltenen Überraschungen des Wahlabends gehörte der Moment, als Christian Lindner nach der Prognose vors versammelte Parteivolk trat. Denn das tat er nicht allein, sondern es hatten sich neben ihm auch ein paar Leute aufgestellt, die allesamt keine Bodyguards oder so waren. Doch was dann? Freunde, Verwandte, verirrte Berlin-Touristen? Bis auf Kubicki, das fröhliche Ralf-Stegner-Double der FDP, kannte man so recht keinen… Ein Verdacht keimte auf: Sollte die FDP-Combo am Ende aus mehr Leuten bestehen als bloß aus Lindner und seinem Background-Musiker Kubicki? Aber wer genau sind diese Unbekannten? Werden sie gar zu Ministern?

Alternative Bezüge

Ja, liebe Grüne mit Hamburger und Berliner Wurzeln, es tut bestimmt mächtig weh, dass eure frühere „Grün-Alternative Liste“ bzw. „Alternative Liste“ in der „Alternative für Deutschland“ nicht nur namentlich einen Nachfolger gefunden hat. Doch-doch, das ganze „Scheiß auf die Konventionen“ haben wir bei euch schon gesehen: Provokation war euer Handwerk, „legal, illegal, scheißegal“ euer Bezugspunkt! Jetzt gebt ihr euch zwar staatstragend, aber die verwandtschaftlichen Bezüge liegen offen zutage. Dass ihr selbst sie nicht sehen wollt, ist allerdings verständlich. Eltern erkennen sich in ihren Kindern nur selten wieder, wenn die genauso werden wie sie, aber umgekehrt reden. Euch ging’s mit euren Eltern ja genauso.

Alternative Züge

Halt, einen Unterschied gibt’s natürlich doch! Und zwar zerlegt sich die AfD viel schneller als ihr damals. Ihr habt es viel länger hingekriegt, radikalste Elemente in euren Reihen zu wissen, wenn nicht zu feiern, und eure Nähe zu RAF-Leuten zu vertuschen, immer den Bahnhof zukünftiger Regierungsbeteiligung im Blick – nur hat euch das langsam gemacht. Die AfD nimmt bedeutend schneller Fahrt auf; nicht mal einen Tag nach der Wahl erklärt Frauke Petry schon den Ausstieg aus der Fraktion. Damit sind ab sofort zwei AfD-Züge unterwegs. Was der Ein-Frau-Zug vorhat, ist klar: alle Passagiere aufnehmen, die aus dem nationalistisch lärmenden Gauland-Weidel-Express lieber aussteigen wollen! Da werden bei knapp hundert Abgeordneten innerhalb kürzerer Zeit etliche zusammenkommen, die eine eigene Fraktion gründen könnten, sozusagen die Realos der AfD, die in spätestens vier Jahren koalitionsfähig wären.

Links marsch

Vergessen wir zum Abschluss die kreidefressende SED-Nachfolgepartei nicht! Dabei ist diese angebliche Linkspartei ebenso radikal grundiert wie die AfD und fischt auch bei derselben Klientel. Sie findet außerdem gleich viel Gefallen an Putins Russland und schafft es im großen Anti-AfD-Bashing trotzdem, sich zur demokratischen Bastion aufzuwerfen. Fehlt zum finalen Triumph der Blödheit nur noch, dass die CDU einen möglichen Koalitionspartner in ihr sieht.

Sprengsatz der Zeit

Wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, den Wahlkampf und Wahlabend erzeugt haben, werden sich alle dort erklärten Absichten und Zukunftspläne bald als Pulverfass erweisen bzw. ihrerseits pulverisiert sein, bevor es dazu kommt, sich an die Arbeit zu machen. Denn die Wahl 2017 war eine rückwärts orientierte Wahl, die um das rang, was man unterließ, als noch Zeit dafür war. Nun, da die Zeit abgelaufen ist, werden sich in rascher Abfolge neue Probleme auftürmen, die das Zeug dazu haben, die gewohnten Verhältnisse regelrecht zu sprengen. Die bemühten, in Wahrheit ratlosen Gesichter am Wahlabend sprachen Bände.

 

1 Kommentar

  • „Fehlt zum finalen Triumph der Blödheit nur noch, dass die CDU einen möglichen Koalitionspartner in ihr sieht.“
    Korrekt. Allerdings habe ich bislang den grenzdebilen Spruch „voll muttiviert“ für ebensolchen gehalten…

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