Österreich Wissenschaft

Vergangenheit ist auch Gegenwart und Zukunft

Maria Theresia, Martin van Meytens, 18. Jhdt.

»Das Haus der Geschichte« – Beginnt Geschichte in Österreich wirklich erst im Jahr 1918?

Google ist zum Finden von »reiner Wahrheit« zwar nicht geeignet, doch allemal aufschlussreich ist dort die Zahl der Einträge zu bestimmten Themen. Und da sieht es für das Feld Geschichte  im Schulkontext nicht rosig aus. Mathematik kann aktuell auf stolze 34 Mio. Einträge verweisen, Deutsch als Fremdsprache  auf immerhin 10,5 Mio., Geschichte dagegen nur auf blasse 3,3 Mio. Einträge.

Dies verwundert, ist doch die Frage, ob man aus der Geschichte lernen soll und kann, eine immer wiederkehrende. Gerade in diesen Tagen – Corona, Migrationsthemen, kulturell-religiös-ethnisch-politisch geprägte »Besitzstandsfragen« etwa in Favoriten – können Blicke in die Geschichte erklärend und damit hilfreich, weil aggressionsminimierend sein.

Selten, aber doch immer wieder werden Klagen darüber laut, dass Österreich mit seinen historischen Quellen – namentlich mit jenen, die die Entwicklung der Habsburgermonarchie betreffen – einen Umgang pflegt, der die Nutzung dieser Quellen schwierig macht. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Anschauung, dass man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen könnte, offenbar nicht mehrheitsfähig ist. 

Unter dem Begriff Zukunft verzeichnet Google aktuell satte 182 Mio., für Vergangenheit  hingegen schmale 56 Mio. Eintragungen. In Anbetracht des Faktums, dass Vergangenheit milliardenfach erlebt worden ist, wir von der Zukunft aber genau gar nichts mit Sicherheit wissen, ist dies ein eklatantes Missverhältnis! Der Begriff Staatsreform  bringt es bei Google auf immerhin auf 126 Mio. Einträge. Dies ist als Hinweis darauf zu werten, dass offenbar nicht nur in Österreich das staatliche Reformieren ein Dauerthema ist.

Das politische Reformieren ist eine Materie, bei der sich Blicke in die Vergangenheit durchaus lohnen. Die Befassung mit dieser kann uns die Augen öffnen für Mentalitäten und Traditionen, die vor Jahrhunderten grundgelegt worden sind und die unser Fühlen(!), Denken und Handeln teils heute noch prägen. So sind etwa im oberösterreichischen Mühlviertel die Bauernkriege des 16. Und 17. Jahrhunderts im Bewusstsein vieler Bewohner noch höchst lebendig. Regionen, in denen die Gegenreformation besonders heftig gewirkt hat, fühlen sich auch heute noch von diesen Ereignissen geprägt. Vergangenheit ist eben niemals »nur« Vergangenheit, sondern stets auch Gegenwart und Zukunft. 

Wie sieht die Politik die Rolle der Geschichte für die Gegenwart und für die Zukunft? Die an der Universität Edinburgh lehrende und forschende Österreicherin Anna Pultar hat namhafte heimische Politiker über ihr Verhältnis zur Vergangenheit befragt. »Wir blicken lieber in die Zukunft« hat die häufigste Antwort gelautet. Vergangenheit? Geschichte? In der Einschätzung Vieler offenbar nur etwas für blutleere Archivwürmer und Erzkonservative!

Reformieren wie Maria Theresia, Kaunitz & Felbiger?

Die tiefgreifendste, auch nach modernen Maßstäben erfolgreichste Staatsreform der österreichischen Geschichte ist der von Maria Theresia angestoßene, in großen Teilen von Staatskanzler Kaunitz durchgeführte Umbau der Verwaltungsstruktur des Habsburgerreiches gewesen, in dessen Folge 1774 auch die Unterrichtspflicht – de facto die Schulpflicht – eingeführt worden ist. Auch diese Maßnahme ist aus heutiger Sicht besonders in Anbetracht der Ausdehnung der Habsburgermonarchie und der prekären damaligen Kommunikationssituation eine Respekt gebietende Erfolgsgeschichte gewesen. Natürlich hat es teils Jahrzehnte gebraucht, bis Verordnungen auch im letzten Winkel der Monarchie wirksam geworden sind.

Doch dies ist heute – allerdings unnötigerweise – nicht so viel anders. Aus Anlass der für Österreich »medaillenbefreit« verlaufenen Olympischen Sommerspiele in London im Jahr 2006 »gibt« es nun seit über einem Jahrzehnt formal die »tägliche Turnstunde« an allen Schulen, doch sie findet in der gesetzlich vorgesehenen Form so gut wie nirgends auch wirklich statt. Und nicht nur die Kinder werden währenddessen immer bewegungsärmer und übergewichtiger und – wie man heute gesichert weiß – dadurch auch in ihren kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt. Die steigenden Probleme beim Lesen, Schreiben und Rechnen lassen grüßen!

Reformieren heute – bitte geschichtsbewusst!

Völlig zu Unrecht wird Maria Theresia in den heutigen Bildungsdebatten so gut wie immer in negativen Kontexten zitiert: »Heute ist in den Schulen alles wie zu Maria Theresias Zeiten!«- kasernenähnliche Schulgebäude, Pausenglocke, Frontalunterricht – was immer auch darunter verstanden wird.

Die gelungene Implementierung der Schulpflicht ab 1774 ist darin begründet gewesen, dass alle Grundlagen für dieses Riesenprojekts, also a) der Inhalt (die Pädagogik), b) die Verwaltung (auch die Kommunikation), c) die Ressourcen (die Finanzierung) und d) die klare Beauftragung einer umfassend verantwortlichen Persönlichkeit – der vom Erzfeind Preußen abgeworbene, »mit allerhöchsten Vollmachten« ausgestattete Schulreformer Johann Ignaz von Felbiger – zeitgleich, synchron aufeinander abgestimmt und unter realistischen allgemeinen Annahmen entwickelt worden sind.

Aus heutiger Sicht war die erfolgreiche Einführung der Schulpflicht ein überzeugendes Beispiel für ein gelungenes, durchaus modern anmutendes »Change Management«, an dem sowohl Maria Theresia, als auch Staatskanzler Kaunitz – er war es übrigens, der die bis heute üblichen »Ressort-Ministerien« geschaffen hat – und der die volle Rückendeckung der Monarchin genießende Schulreformbeauftragte Felbiger, aber auch zigtausende Helfer in den »unteren Rängen« beteiligt gewesen sind.

Doch genau diese beispielhafte Synchronität aller erforderlichen Faktoren und Aspekte und die klar personell verortete Verantwortlichkeit (!) sucht man bei heutigen politischen Reformversuchen zu oft vergeblich.

Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen: Dass die im 18. Jahrhundert in einem auch für heute beispielhaften Reformprozess entwickelte multihierarchische Verwaltungsstruktur in ihren wesentlichen Merkmalen im Schulbereich noch heute besteht, ist mehr als verhängnisvoll. Darüber kann auch die (zu) oft zitierte »Schönheit unserer Bundesverfassung« nicht hinwegtäuschen. 

Die aktuelle Struktur im Schulsystem ist einerseits dem monarchischen Staatssicherheitsdenken – Zensur, Spitzelwesen, die sogenannte »geheime Qualifikation« (die für die Betroffenen nicht einsehbare berufliche und private Beurteilung aller Staatsbediensteten) – geschuldet gewesen, andererseits haben diese vielen »Hierarchiestationen« (Monarch, Hofkanzlei, Länder-Provinzen, Kreise-Bezirke, Gemeinden, kirchliche Instanzen) aufgrund der beschränkten Kommunikationsmittel als damals nötige »Verteiler- und Relaisstationen« fungiert. Diese sind heute nach wie vor größtenteils vorhanden, aber allerspätestens seit der digitalen Kommunikation völlig unnötig, weil sie bremsend und damit behindernd wirken.

Nach einer internationalen Vergleichsstudie ist Österreichs föderales Schulverwaltungssystem quantitativ, strukturell und vom Finanzaufwand her für ein Volk mit 66 Mio. Einwohnern ausgelegt. Die Monarchie der Habsburger hatte maximal 56 Mio. Einwohner – man hat also in den letzten 100 Jahren noch kräftig an Komplexität zugelegt! Der letzte, verhängnisvolle Komplexitätsschub im Schulsystem ist 2017 mit der Schaffung der Bildungsdirektionen und weiterer untergeordneter Strukturen aufgrund von geradezu skurrilen Missverständnissen passiert. Die fatale Unüberblickbarkeit des derzeitigen Schulföderalismus lässt ein weiteres Mal grüßen!

Was wäre, wenn…?

Dies ist natürlich Spekulation: Maria Theresia hatte unter schwierigsten inneren Bedingungen und unter massiven außenpolitischen Bedrohungen im riesigen Habsburgerreich eine umfassende Staatsreform verwirklicht. Sie würde vermutlich im jetzigen österreichischen Zwergstaat – Österreich zählt heute lediglich rund ein Fünftel der Einwohner des Großraumes Tokio – recht rasch geeignete Wege finden, um das heutige, von ihr geerbte multihierarchische föderale und mittlerweile dysfunktionale Schulverwaltungssystem zu entsorgen und durch ein zeit- und zukunftsgerechtes zu ersetzen. 

Der Gedanke »was würde Maria Theresia tun«, sollte jedenfalls zum Zweck der Inspiration gestattet sein. Als fruchtbringend wird sich dieser Gedanke allerdings erst präsentieren, wenn er auf der Grundlage soliden historischen Wissens und eines ebensolchen Bewusstseins gepflegt wird.

Quellen nutzbar machen, Geschichtsunterricht neu aufstellen 

Quellen über diese Phase der österreichischen Geschichte gibt es aus dem 18., 19. und dem frühen 20. Jahrhundert. Ein wesentlicher Teil davon ist allerdings dem Genre der »Habsburg-Verherrlichungsliteratur« zuzurechnen, die teils in das »Jetztzeitverständnis« übersetzt werden müsste, um heute in der nötigen Differenziertheit verständlich und damit nutzbringend zu sein.

Der FÖDERAL:BILDUNGS & VERWIRKLICHUNGSPLAN FÜR ÖSTERREICH 2030 versucht konsequent, gesamtgesellschaftliche Zukunft aus dem orientierten, reflektierten Wissen über die Vergangenheit heraus zu entwickeln. Die professionelle Befassung mit der mariatheresianischen Epoche macht uns deutlich, wie eng die Fortschritte von Wissenschaft, Technik, Kultur und Gesellschaft – und ganz besonders die Entwicklung demokratischer Systeme zwischen ca. 1750 und dem 20. Jahrhundert – mit dem Erwerb der Lese-, Rechen- und Schreibfähigkeit durch breite Bevölkerungsschichten synchron gegangen ist.

Immerhin ist der Erwerb dieser Grundkompetenzen die bedeutendste »Schule des Abstraktionskönnens«, ohne das es keine Zukunftsfähigkeit gibt, denn Zukunft ist das Abstractum an sich.

Allein dieses Faktum – rund 40% der lehrstellensuchenden 15-Jährigen bundesweit beherrschen das Lesen, Schreiben und Rechnen nicht berufsfähig – sollte Anlass für die Historikerzunft sein, der österreichischen Geschichte insgesamt und insbesondere jener der Bildung seit (spätestens) dem 18. Jahrhundert ein verstärktes Augenmerk zukommen zu lassen, um sie für die Zukunft im besten Sinne nutzbar zu machen.

Ein »Haus der Geschichte«, das mit 1918 startet?

Unter diesem Blickwinkel ist es auch völlig unverständlich, dass ein offiziöses »Haus der österreichischen Geschichte« erst mit dem Ende der Monarchie startet. Dies ist eine unakzeptable Förderung der Geschichtsvergessenheit und der zukunftsbezogenen Orientierungslosigkeit.

Der Beginn eines werthaltigen, weil vielfältige Zusammenhänge verdeutlichenden »Hauses der Geschichte« sollte der extrem bedeutende, in der heutigen Wahrnehmung aber marginalisierte Friede von Passarowitz zwischen der Habsburgmonarchie und dem Osmanischen Reich von 1718 sein – doch dies ist naturgemäß eine noch komplexere Geschichte, der zu stellen, sich mit Sicherheit lohnen würde!

Was sind die Schlüsse aus diesen Überlegungen für einen künftigen schulischen Geschichteunterricht? Ein überlegenswerter Weg wäre der Unterrichtsgegenstand »Geschichte, Gegenwartskunde und Zukunftsdenken«.

Ausgehend vom aktuellen Heute wird in die Geschichte zurückgeblickt, es wird nach Analogien gefahndet, und es wird gemeinsam etwa darüber nachgedacht, was denn die Menschen im niedergehenden Imperium Romanum in Hinsicht auf ihre Zukunft bewegt haben könnte. So könnte Zukunftsdenken, das in der realen Vergangenheit geerdet ist, tatsächlich werthaltig »geübt« werden!

Das 21. Jahrhundert – das Zeitalter der Kooperation und des Überblicks?

Zurück in das Heute! Corona hat unseren Blick mit Macht auf »Geschichtliches« gelenkt: auf die pandemische »Spanische Grippe«, die zwischen 1918 und 1920 weltweit gewütet hat. Um aus diesem Ereignis für das Heute werthaltig zu lernen, braucht es einen multidisziplinären Verbund u. a. von Medizinern, Biologen, Virologen und Umweltwissenschaftlern einerseits und Historikern unterschiedlichster Disziplinen andererseits – Allgemeingeschichte, Bildungsgeschichte, Medizingeschichte, Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte, Sozialgeschichte. Ihr gelingendes, weil disziplinenübergreifendes und damit zwangsläufig »revierhormonbefreites« Zusammenwirken könnte uns stichhaltig darüber Auskunft geben, welche Analogien zwischen Corona und der Spanischen Grippe mit Blick auf die Zukunft zutreffend sind und welche nicht.

Zu den »Revierhormonen«: Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Spezialisierung, der immer kleinräumigeren Ausdifferenzierung innerhalb einer Vielzahl von wissenschaftlichen und technischen Disziplinen gewesen. 

Unser Jahrhundert wird wohl jenes des Zusammenführens des globalen Wissens und des Ermöglichens eines (möglichst) flächendeckenden Überblicks sein müssen – anders werden kommende Pandemien, globale Wanderungen und die Auswirkungen des Klimawandels nicht friedlich administrierbar sein. Und Geschichte wird dafür eine unverzichtbare, allübergreifende Schlüsseldisziplin sein!

 

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Dann unterstützen Sie bitte die SCHLAGLICHTER!

 Über diesen Beitrag auf Facebook diskutieren