Österreich

Graz ist überall

Die Kunst, als Vorurteil zu leben

An meinem ersten Schultag wartete der Direktor vor der Volksschule, einem hässlich grauen Gebäude im 12. Bezirk in Wien, nur wenige Minuten von unserem Reihenhaus entfernt, und fragte jede Mutter nach dem Namen des Kindes, das ihre Hand hielt. Väter kamen keine. Ich stand ohne meine Mutter vor dem Direktor und sagte, mein Name sei Peter, worauf er mich anschnauzte: »Und? Familienname?«

Er schickte mich in die Klasse 1C im ersten Stock. Dort waren die vorderen Bänke bereits besetzt, also suchte ich mir einen Platz weiter hinten. Ein Mann im Steireranzug kam herein, schickte die Mütter hinaus, setzte sich auf den Stuhl hinter dem Tisch vor der Tafel und schlug ein großes Buch auf, holte aus dem Sakko eine Füllfeder, die er langsam und behutsam aufschraubte, und befahl uns, eine Reihe zu bilden. Einer nach dem anderen sollte nach vorn treten und die Anmeldung überreichen. Ich kramte nach dem gefalteten Zettel in meiner Hosentasche, den meine Mutter mir gegeben hatte, und stellte mich mit den anderen an. Jeder wollte der erste sein, es gab ein Stoßen und Rempeln bis der Lehrer »Ruhe« brüllte und wir uns schweigend hintereinander aufreihten.

Ein Kind nach dem anderen trat vor, der Lehrer nahm den Zettel, las laut den Namen und fragte: »Religionsbekenntnis?« Worauf die meisten »römisch-katholisch« antworteten und einige wenige, sie seien »evangelisch«. Ich stand etwa in der Mitte der Wartenden und dachte, wovon reden die alle? Was sollte das »römisch-katholisch« und »evangelisch«? Darauf hatten mich meine Eltern nicht vorbereitet. 

Ich rückte langsam nach hinten, ließ die anderen vor, bemühte mich, die Schnürsenkel neu zu binden, bis ich der Letzte war. Doch auch der kam an die Reihe, und als mich der Lehrer fragte, was mein Religionsbekenntnis sei, antwortete ich einfach: »Gar nichts«. Er sprach leise vor sich hin: »Also ohne religiöses Bekenntnis«, und schrieb es in sein dickes Buch. 

Zu Hause berichtete ich meinen Eltern, dass ich nun »gar nichts« sei im Vergleich zu den anderen, und mein Vater sagte, das sei schon in Ordnung und die richtige Antwort gewesen. Während der Jahre meiner Kindheit erlebte ich meine Eltern und ihre Freunde, die entweder das Konzentrationslager überlebt hatten oder wie meine Eltern nach der Flucht aus Wien zurückgekehrt waren, als ängstlich und unsicher bezüglich Religion und Herkunft. Man hatte überlebt, das reichte für die kommenden Jahre, vor allem für Juden, die nicht besonders religiös waren.

Ich erinnerte mich an diese Episode, als ich die aufgeregten Reaktionen nach der Attacke eines Syrers in Graz gegen den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde las. In den Tagen danach meldeten sich Repräsentanten der Juden mit Statistiken, die einen enormen Anstieg antisemitischer Angriffe in den letzten Jahren zeigten. 

Obwohl der Vertreter der Grazer Gemeinde die Angelegenheit eher nüchtern beschrieb, er habe den Angreifer konfrontiert, der mit einem Stein in der Hand vor der Synagoge stand und auf ihn losgegangen war, wetteiferten Kommentatoren mit der Schuldfrage und benutzten das Ereignis, um ihre eigenen Vorurteile zu rechtfertigen. In Talk-Shows, Interviews und Beiträgen in den Medien formulierten Fachleute für Antisemitismus ihre Bedenken und Befürchtungen, ob es nicht ein Erstarken der Rechten symbolisiere im ideologischen Dunstkreis der türkis-grünen Regierung, während andere den Sozialdemokraten und Grünen vorwarfen, den Antisemitismus der Linken zu verharmlosen, der sich hinter der Kritik an Israel verstecke, und eine dritte Gruppe vom importiertem Judenhass durch Flüchtlinge aus den arabischen Ländern sprach. Neu gesellten sich die Unterstützer von Verschwörungstheorien dazu, die in bekannten jüdischen Persönlichkeiten wie ›Soros‹ und ›Rothschild‹ Verbreiter und Profiteure des Corona-Virus sahen. 

Mehr Beschützer als zu Beschützende

Übrig blieben die Juden, um die es bald nicht mehr ging. Eine Menschenkette in Graz beschütze das Gebäude, doch zum Freitag-Abend Gebet sah man keinen Politiker in einer Synagoge. Niemand kündigte einen Besuch des Jüdischen Altersheims an, oder einer Jüdischen Schule, um den jungen Juden Mut zu machen, dass sie hier eine Zukunft hätten. Die Polemik war ihnen wichtiger, bis es bald mehr Beschützer als zu Beschützende gab. Im Sinne der wahllos benutzbaren Verallgemeinerung fanden Antisemitismus-Spezialisten Beispiele, die für sie typisch für eine Ideologie, eine politische Partei, oder Religion wären – oder nur Einzelfälle, die Ausnahmen eben. 

Manche Medien wählten je nach Fall unterschiedliche Formen der Empörung. Während es nach der Veröffentlichung eines antisemitischen Liedes einen kollektiven Aufschrei gab, mit Recherchen über die Verantwortlichen, ihres Umfelds und Sympathisanten, reagierten sie nach dem Anschlag des Syrers mit bewundernswerter Zurückhaltung. Ein Einzeltäter eben. 

Medien, die stolz als Aufdecker und Kontrollorgane der Demokratie auftreten, fanden plötzlich nichts ›Verdecktes«, um es aufzudecken, schickten keine Reporter nach Graz, um zu recherchieren, in welchem Umfeld der Attentäter sich bewegte, wer seine Freunde, Mittäter und Sympathisanten sein könnten, in welcher Moschee er möglicherweise radikalisiert wurde, und inwieweit die Verharmlosung der Gewalt gegen Juden durch radikale Muslime eine Mitverantwortung bedeute; nichts, absolut nichts interessierte irgendwen.

Diese selektiv situative Empör-Kultur veränderte in den letzten Jahren den Alltag der Juden und offensichtlich will das keiner zur Kenntnis nehmen. Jüdische Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Altersheime und Synagogen gleichen mehr und mehr Kasernen. Die Sicherheitseinrichtungen wurden entscheidend verstärkt und ausgebaut, im Gegensatz zu anderen religiösen Einrichtungen wie Moscheen und islamischen Schulen, vor denen keine bewaffnete Polizisten stehen, und vor christlichen Institutionen keine privaten Sicherheitsdienste, um ihre Mitglieder zu beschützen.

Der Alltag der Juden lässt sich nicht mit Statistiken beschreiben, sondern durch die verlorene Leichtigkeit des Daseins. Im Zweiten Bezirk in Wien, dem ehemaligen Zentrum der Juden, öffnen zwar mehr und mehr jüdische Restaurants und Supermärkte, gleichzeitig verschwindet das jüdische Leben aus anderen Teilen der Stadt. Eltern nehmen ihre Kinder aus öffentlichen Schulen und Kindergärten, melden sie in privaten oder jüdischen Institutionen an und schicken sie nach der Matura zum Studium ins Ausland. 

In einem Drittel der Wiener Bezirke wäre ein Leben als ›erkennbarer‹ Jude nicht mehr möglich. Favoriten, Simmering, Fünfhaus, Ottakring, Floridsdorf und Donaustadt sind für orthodoxe Juden ›No Go‹ Zonen. Es geht nicht um verstärkten Polizeischutz, der die Sicherheit garantieren könnte, sondern um den sorglosen, unbekümmerten Alltag, der vielen Juden gestohlen wurde. 

Ist der Ratschlag meiner Eltern, das Judentum einfach zu verstecken, wieder aktuell? Wäre es besser, sich nicht in Diskussionen über Israel einzumischen, den Davidstern unter dem Hemd und in der Öffentlichkeit keine Kippa zu tragen? Sollten Juden sich in einen Bezirk zurückziehen? 

Nach dem Holocaust haben viele Überlebende ihre Ängste auf ihre eigenen Kinder übertragen. Die Enkel-Generation entwickelte bereits ein anderes Selbstverständnis. Sicher, Schutz ist wichtig, und die Einschränkungen werden akzeptiert wie die Kontrolle durch den Sicherheitsdienst vor den Synagogen und die schusssichere Doppelkammer vor dem Betreten des jüdischen Altersheims. Doch die junge Generation tritt heute selbstbewusst und kritisch auf und will sich nicht auf mitleidsheischende und schutzbedürftige Opfer reduzieren lassen. 

Es wird in der Verantwortung der nicht-jüdischen Mehrheit liegen, Juden eine Alltags-Normalität und nicht nur Sicherheit zu garantieren. Sonst werden viele gehen, um irgendwo die alltäglichen Banalitäten einfach zu genießen, und mit ihrem Verständnis von Herkunft und Religiosität ohne bewaffnete Beschützer leben zu können.

Zuerst erschienen in NEWS. 

 

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