Feuilleton

Touristen, bleibt zuhause

Tourists go away!

In einem Dorf in Südfrankreich, nicht weit von der Küste über eine enge Straße mit scharfen, steilen Kurven erreichbar und mit einem Hauptplatz wie in einem Touristen-Prospekt, mit einem kleinen Café und einem Obst- und Lebensmittelgeschäft, steht ein offenes Cabriolet im Halteverbot, aus dem ein Deutsches Ehepaar mit seinen beiden Kindern herausklettert.

‚Wir müssen bis zum Ende des Platzes und nach rechts über eine Wiese, dann kommt man zu der kleinen Plattform mit der besten Aussicht, so hat es Otto beschrieben, der voriges Jahr hier war’, sagte der Vater der Familie, und alle vier machten sich auf den Weg. Als sie nach einer Stunde auf den Hauptplatz zurückkamen und zielstrebig das Café ansteuerten, rief der zehnjährige Sohn plötzlich: ‚Schau Papa, da ist jemand in unserem Auto!’

Der Vater rannte zu seinem Wagen, in dem zwei Frauen saßen, die im offenen Handschuhfach herumkramten. Er schrie die beiden mit seinen begrenzten Französisch-Kenntnissen an und schaute sich gleichzeitig nach einem Polizisten um.

‚Sie können ruhig Deutsch mit uns sprechen. Mich wundert’s, dass Sie uns nicht wiedererkennen’, sagte eine der beiden Frauen. Der Autobesitzer blieb einen Moment stehen und schien zu überlegen und sagte stotternd: ‚Sie sind die beiden… dort auf der Wiese!’

‚Ja’, sagte die andere Frau. ‚Wir sind die beiden in dem Haus hinter der Wiese mit dem Blick auf den Fluss und das Dorf. Wir sind die beiden, die Sie ersuchten, nicht durch unser Grundstück zu gehen, nicht einfach das Tor zu öffnen und einen Platz auf unserer Wiese zu suchen, wo Sie die besten Fotos machen können. Sie machten sich lustig über unseren Ärger und zwar auf Deutsch, weil wir Sie auf Französisch ansprachen und Sie dachten, es könne Sie niemand verstehen. Jetzt haben wir es uns in Ihrem Auto bequem gemacht und stöbern ein wenig in Ihren Sachen. Wie geht es Ihnen dabei, wenn man Ihre Privatsphäre einfach ignoriert?’

Ich saß damals in dem Café am Hauptplatz und beobachtete alles aus sicherer Entfernung, nicht ohne mich dabei zu amüsieren. In dem Dorf leben Freunde von mir, die mir die Veränderungen der letzten Jahre in Bezug auf Tourismus beschrieben. Als sie hierher kamen vor mehr als 20 Jahren, lange bevor sie ihr Haus kauften, war die Bevölkerung freundlich und hieß Fremde willkommen. Reisende wurden manchmal in die Häuser der Bewohner eingeladen, und man plauderte mit ihnen in den Restaurants, fragte wo sie herkämen und wie es ihnen hier gefallen würde.

Das sei alles vorbei. Der massenhafte Ansturm der letzten Jahre und das präpotente und unsensible Verhalten vieler Touristen hätten die Atmosphäre völlig verändert. Die meisten Bewohner wären froh, wenn endlich die Sommermonate vorbei seien und ein normaler Alltag wieder einkehre.

Hier geht es nur um ein kleines Dorf in Süd-Frankreich. Viel dramatischer sind die Entwicklungen in den großen Zentren des Tourismus. Die lokale Bevölkerung in Venedig, Mallorca, Dubrovnik und manchen Stränden in Thailand rufen zur Limitierung des Tourismus auf, da es ihre Lebensqualität  extrem negativ beeinflusse.

Letztes Jahr wurde in Barcelona ein Bus mit offenem Dach und Britischen Touristen von einer Gruppe überfallen, die sich ‚Arran’ nannte und sich auf Reisende spezialisiert hatte, um sie zu verscheuchen. Die Reifen des Busses wurden aufgeschnitten, die Fenster zertrümmert und die Außenwände mit Parolen vollgepflastert.

In Venedig marschierten Hunderte vor erstaunten Touristen mit Transparenten und den Aufschriften: Tourists go away! You are destryoing this area!

Mato Frankovic, der Bürgermeister von Dubrovnik, will ein Ticket-System einführen, das die Menge der Besucher begrenzt. Er beklagte sich auch über das Niveau der Touristen, die eigentlich nur auf Facebook nachweisen wollen, dass sie die Stadt von ‚Game of Thrones’ besucht hätten. Sonst interessiere sie nichts, weder Museen noch andere historische Sehenswürdigkeiten der Stadt. Das einzige, was Touristen heute fotografierten, seien Speisen in den Restaurants und sich selbst.

In New Zealand organisierten sich die Bauern rund um Mount Ngauruhoe, der als Mount Doom in ‚Lord of the Rings’ auftaucht, da Besucher die Straßen blockierten, über die Felder trampelten und die Schafe irritierten.  Auf den im Internet empfohlenen Trampelpfaden, die an den Film erinnern,  würden mehr als 100.000 Reisende pro Jahr auf und ab wandern.

Anti-Tourismus-Gruppen riefen auf Mallorca dieses Jahr zum ‚Summer of Protest’ auf und verlangen von der Regierung eine Regulierung des Massenansturms. Palma ist auch die erste Stadt in Spanien, die eine Vermietung der Wohnungen über Airbnb verboten hatte. Die Protest-Gruppe veröffentlichte Fotos von betrunkenen, randalierenden Touristen, die Sex im Hinterhof von Restaurants und auf den Stränden hätten, Restaurants demolierten, Frauen attackierten oder auf öffentlichen Plätzen ihre Notdurft verrichteten.

Maya Bay in Thailand, berühmt geworden durch den Film ‚The Beach’ mit Leonardo DiCaprio, hat für dieses Jahr die Bucht komplett für Besucher gesperrt. Eine Reisejournalistin beschrieb die Situation letzten Jahres wie einen Alptraum, als täglich hunderte von kleinen Booten die Touristen wie die Lemminge an den Strand brachten, die dort ein paar Stunden herumstanden und scheinbar darauf warteten, dass Leonardo plötzlich auftauche.

Doch es nicht nur die  Millionen Allein- und Gruppenreisenden, die alles zerstören. In riesigen Schiffen, die mehr Dreck ausblasen als Kleinstädte, werden Tausende mit Vollpension und Unterhaltungsprogram durch die Welt gefahren. Wenn immer sie in einem Hafen ankern, verändert sich die Stadt für ein paar Stunden zu einem Disneyland und Shopping Center, egal wo in der Welt sich diese Stadt befindet.

Die aufstrebende Mittelklasse in China und Indien brachte ein paar Millionen mehr, die unterwegs sind, und hat die Situation noch verschlimmert. Doch auch in der westlichen Gesellschaft wird die Beweglichkeit zum ultimativen Beweis eines ‚aktiven Lebens’ – was immer das sein soll. Mit dem immer größer werdenden finanziellen Unterschied zwischen ‚Alt und Jung’ versuchen sich vor allem  die ‚Alten’ zu beweisen, wie ‚jung’ sie noch sind, in dem sie sich untereinander stolz erzählen, wo sie wann wie oft gewesen sind, und welch vergessenen Ort sie letztes Jahr entdeckten.

Reisen ist heute meist weder Erholung noch Erlebnis, sondern ein reines Statussymbol und wird stolz auf Social Media als qualitative Messlatte der eigenen Identität präsentiert.

Ob Qualtinger einst ahnte, wie zeitlos sein Satz ist:
‚Ich weiß zwar nicht, wo ich hin will, aber dafür bin ich schneller dort!’

 

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