Feuilleton USA

Die 68er

Photo: Ric Manning, CC BY 3.0

Wie mich Woodstock zum Konservativen machte

Irgendwie, wer weiß warum, ging der ganze 68er Zauber ohne dramatische Veränderungen an mir vorbei,  jedoch auch nicht völlig bedeutungslos….

Von meinem Alter her war ich der ideale Kandidat und schlenderte förmlich bequem in diese Bewegung, ohne den aufgeregten Generationskonflikt, der das ‚Mitmarschieren’ für die meisten Studenten zu einer Flucht von Zuhause machte. Es begann mit Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, wo auch Flugzetteln verteilt wurden, die zu Versammlungen auf der Universität einluden, auf denen das herrschende System von oft genialen Rednern demontiert wurde, vor begeisterten Zuhörern, die in der Revolution die einzige Lösung der aktuellen Probleme sahen.

Ich ging gern zu diesen Veranstaltungen und lauschte mit einer gewissen Faszination den nervös-hektisch argumentierenden Studentenführern, die mit eindrucksvollem, marxistischen Vokabular die neu nach dem Krieg gebildete Demokratie zerlegten und nach Veränderungen schrien. Ein paar Mal besuchte ich auch die verschiedenen marxistischen Gruppen, die damals enormen Zulauf hatten, wie die Maoisten, Trotzkisten und die Studentenorganisation der KPÖ.

Die Zerstörung eines Nachkriegs-Systems, das durch alte Nazis aufgebaut worden war, ohne dass die Personen abgelöst und ersetzt wurden, konnte ich noch nachvollziehen. Warum allerdings die Nazi-Verbrecher durch Kommunisten, ob nun Moskau- oder Peking-treu ersetzt werden sollten, war ich weniger bereit zu verstehen.

Mein in den verschiedenen Gruppen geäußertes Unverständnis gegenüber der Verharmlosung der Verbrechen in den kommunistischen Diktaturen kam bei den Genossen nicht gut an. Wenn ich mich dann noch mit dem Hinweis verteidigte, meine Eltern seien begeisterte Kommunisten gewesen, bis sie nach der Aufdeckung der Schandtaten von Stalin und Mao genug davon hatten und ihre Parteibücher zurückgaben, half auch diese Rechtfertigung wenig und beschleunigte eher meinen Ausschluss als Sohn von ‚Verrätern’ und Feind der Revolution. Wie es manche der heutigen Grünen einst in diesen sektenartig organisierten faschistoiden Vereinigungen  zu wichtigen Funktionen schafften, werde ich allerdings nie verstehen.

Doch der kulturelle Aspekt der ganzen Bewegung erfasste auch mich und so fuhr ich in die USA. Ich wollte die echte ‚Flower-Power’ erleben und Woodstock sehen und kaufte mir nach einem Monat Arbeit in einer Fabrik in London, in der die Basis für Nivea hergestellt wurde, ein Flugticket nach New York und ein Greyhound-Busticket.

In Toronto besuchte ich einen Freund, der in Wien mit mir die HTL für Biochemie besucht hatte, jedoch auf ein weiteres Studium verzichtete und nun vom Drogenhandel lebte. Auch er erklärte mir, das alte System sei tot und bis zur Revolution könne man die Gegenwart nur im Rauschzustand überleben. Der absolute Hammer, meinte er, ohne seinen Wiener Dialekt verloren zu haben, sei die Einnahme von LSD und der Besuch des Planetariums, um dann in Rückenlage die kreisenden Sterne zu beobachten.

Er gab mir einen Löffel voll mit Kakaopulver, ich schluckte es brav, und eine Stunde später saßen wir laut singend mit zwei seiner Freundinnen im Auto in Richtung Planetarium. Nach etwa 15 Minuten hörte ich ein Polizeisignal hinter uns, mein Freund fuhr rechts an den Straßenrand, wartete nervös auf den Polizisten und kurbelte das Fenster neben sich herunter.

»Wissen sie, wie schnell sie unterwegs waren?«, fragte der Polizist. Da maximal 55 Meilen erlaubt waren, versuchte es der Freund mit sechzig, doch der Polizist schüttelte den Kopf. Vielleicht siebzig? Wieder ein nein des Polizisten. Fünfundsiebzig vielleicht?

»Fünfundzwanzig, du Idiot!«, schrie der Mann in Uniform und warnte meinen Freund, falls das Auto nicht schneller fahren könne, müsse er den High-Way verlassen, da er den Verkehr behindere.

Von Toronto aus fuhr ich kreuz und quer durch die USA und Kanada und lernte eine andere 68er-Bewegung als jene in Wien kennen. Da sprach keiner über Theorien von Mao oder Trotzki, und der Generationskonflikt der Kinder der Nazis spielte Gott sei Dank auch keine Rolle. Es bildeten sich Gruppen von Reisenden, die einander an ihren langen Haaren und der bunten Kleidung erkannten, und den Busfahrer, wenn sie einstiegen mit dem Peace-Fingerzeichen begrüßten. Es ging um Kleidung, Essen, Musik, Autorität, Gemeinschaft und natürlich um Sex. In Jugendherbergen praktizierten die Neu-Befreiten die freie Liebe, solange es nicht die eigene Freundin betraf und Eifersucht wurde per Dekret abgeschafft.

Wichtigstes Thema war natürlich der Vietnam-Krieg, doch in einer anderen Dimension als bei den Demonstranten auf der Ringstraße. Fast jeder hatte einen Freund oder Verwandten, der in Vietnam als Soldat kämpfte oder unter den Gefallenen war.

Ich wurde aus den Quatsch-Vereinen auf der Uni-Wien in eine Realität gestoßen, in der die politische Situation eine bedrohliche Bedeutung hatte. Nicht nur für die Soldaten in Vietnam, sondern auch für Demonstranten gegen den Krieg, von denen einige erschossen wurden, und all die jungen Männer, die den Brief des Militärs zur Einberufung fürchteten.

Woodstock habe ich bis heute eher wie eine Reise in einen Traum in Erinnerung als eine normale Konzertveranstaltung. Schon auf dem Weg nach Woodstock rund um mich junge, schöne, fröhliche Menschen, hunderttausende. Endlich angekommen konnte man kaum die Bühne mit den Musikern sehen. Der utopische Kommunismus, den die Wiener Kaffeehaus-Revoluzzer predigten, wurde hier praktiziert und gelebt. Jeder half jedem, teilte sein Wasser, sein Essen, Medikamente oder Kleidung. Man redete und lachte und fragte jeden, wo sie herkämen und erzählte seine eigene Geschichte, versuchte irgendwo ein paar Stunden zu schlafen, auf feuchtem Gras nach dem Regen oder unter einem der wenigen Bäume, und alle waren sich sicher, dass die Stunde Null gekommen sein musste, denn nichts könnte nach diesem Ereignis so weitergehen wie bisher.

Am letzten Tag, als viele schon abgereist waren, erreichte ich die Bühne. Joe Cocker war der erste an diesem Tag, doch als allerletzter trat Jimi Hendrix auf, der wahrscheinlich im Rauschzustand wie alle anderen plötzlich zum Abschluss die amerikanische Hymne mit seiner Gitarre verzerrte und mich mit diesen schrillen Tönen nach Hause schickte, die sich bis heute in meinem Kopf festgebissen haben.

Zurück in Wien mit Jimi Hendrix im Kopf beschloss ich, die Seiten zu wechseln. Entsprechend der Logik der Intellektuellen der Bewegung – sich von seinen reaktionären Eltern zu lösen – musste ich mich als Sohn ehemaliger Kommunisten den Konservativen anschließen.

Bei einer Studentenversammlung, zu der die RFS-Fraktion (Ring Freiheitlicher Studenten) der Hochschülerschaft der Pharmazeuten (ich studierte Pharmazie und Chemie) eingeladen hatte, wurde mit Mehrheit der Anwesenden die ÖSU-Vertretung (Österreichische Studenten Union) abgesetzt und eine Neuwahl erzwungen. Während der weitaus diskussionslosen Veranstaltung fiel ich als Einziger mit ein paar störenden Fragen auf, sodass der eben abgesetzte Studenten-Vertreter der ÖSU mich später fragte, ob ich nicht kandidieren würde. Ich stimmte zu, unter der Bedingung, dass ich als Unabhängiger auf der ÖVP-nahen ÖSU-Liste kandidieren könne, und gewann die Wahl.

Meine ehemaligen Genossen in den marxistischen Zirkeln hatten mir diesen Schritt nie verziehen, wie später so manche andere meiner Entscheidungen, obwohl sie mich längst aus ihren Vereinen hinausgeworfen hatten. Doch ich blieb bei der Überzeugung, und wenn mich später jemand fragte, wie ich mich als Sohn von Linken schon in jungen Jahren für die Konservativen entscheiden konnte, antwortete ich manchmal, Jimi Hendrix sei schuld.

 

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