USA

Schuld an Pittsburgh

Photo: Governor Tom Wolf, CC BY 2.0

Trump, Israel und die Juden

Am 27. Oktober 2018 ermordete Robert Bowers in Pittsburgh elf Juden, weil sie Juden waren. Es war der größte antisemitische Anschlag in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Doch die Trauer um die Opfer und eine überfällige Debatte über den auch in Amerika erstarkenden Antisemitismus werden überlagert von einer Propagandaschlacht um die Deutungshoheit über das Verbrechen.

Die Tree of Life Synagoge befindet sich in Pittsburghs jüdisch geprägtem Stadtviertel Squirrel Hill und ist ein weitläufiges Gebäude, in der auch die Dor Hadash und New Light Gemeinden ihre Gottesdienste abhalten. So fanden am Morgen dieses Shabbat drei Gottesdienste in verschiedenen Räumen statt, als Bowers um 9.45 Uhr in die Synagoge eindrang, bewaffnet mit einem AR15-Sturmgewehr und drei Glock-Pistolen, »All Jews must die!« schrie und zu feuern begann. Um 10.15 Uhr wurde er beim Verlassen des Gebäudes von der Polizei gestoppt, er schoss vier Beamte nieder, wurde selbst getroffen und ergab sich wenig später.

Die Opfer

Joyce Fienberg, Psychologin und Mutter von zwei Söhnen, forschte vor ihrer Pensionierung am Learning Research and Development Center der University of Pittsburgh. Ihre Kollegen beschreiben sie als großzügigen, fürsorglichen und zutiefst nachdenklichen Menschen. Sie wurde 75 Jahre alt.

Richard Gottfried, 65, verschenkte zu Halloween an die Kinder in der Nachbarschaft Zahnbürsten statt Süßigkeiten. Gemeinsam mit seiner Frau Margaret Durachko führte er eine Zahnartpraxis. Sie galten als unzertrennlich.

Rose Mallinger war 97, als sie ermordet wurde. Jeder in der Nachbarschaft kannte die kleine, quirlige alte Dame, die es liebte, in ihrem Heimatbezirk spazieren zu gehen. In all den Jahrzehnten hatte sie kaum einen Gottesdienst in der Synagoge versäumt.

Jerry Rabinowitz, 66, erfreute sich als hingebungsvoller Arzt großer Beliebtheit. »Er war einer der nettesten und liebevollsten Menschen, die ich je getroffen habe«, sagt einer seiner Patienten, denen er nicht nur Doktor, sondern Freund war, fassungslos über den Verlust.

Cecil (59) und David Rosenthal (54) lebten gemeinsam in einer Wohnung in Squirrel Hill. Die beiden Brüder meisterten ihr Leben trotz geistiger Behinderung humorvoll und waren bei allen beliebt und respektiert.

Bernice (84) und Sylvan Simon (87) galten als freundliches, hilfsbereites Ehepaar, deren Tür immer offenstand. Die beiden verbrachten ihr ganzes Leben zusammen. Sie starben in derselben Synagoge, in der sie 1956 geheiratet hatten.

Daniel Stein war vor Jahren Präsident der New Light Gemeinde. Der frischgebackene Großvater war für seinen trockenen Humor und seine Hilfsbereitschaft bekannt. Er wurde 71 Jahre alt.

Irving Younger hatte zwei große Leidenschaften: seine Familie und seinen Glauben. Seiner Tochter und seinem Enkelsohn sei er der wundervollste Vater und Großvater gewesen, nie hätte er über irgendwen ein böses Wort verloren, beschreibt ihn eine Nachbarin. Younger, der früher ein kleines Immobilienbüro betrieben hatte, wurde 69 Jahre alt.

Melvin Wax, 87, war eine der Säulen der New Light Gemeinde, die 2017 ins Haus der Tree of Life Synagoge übersiedelt war, weil sich ihre ungefähr hundert, meist älteren Mitglieder keine eigenen Räumlichkeiten mehr leisten konnten. Melvin Wax kam immer als Erster und verließ die Synagoge als Letzter. Auch an diesem Tag.

Vier Polizisten und zwei weitere Besucher der Synagoge wurden verletzt, darunter Rose Mallingers Tochter Andrea.

Schuldig: Trump, Israel und die Juden

Das Blut der Opfer war noch nicht vom Boden gewischt, begann auch schon das Ausschlachten des Massakers für die jeweilige politische Agenda.

Donald Trump eröffnete eine Debatte über Sicherheit und kritisierte das Fehlen einer bewaffneten Security. Im Gegenzug machten alle Trump-Kritiker direkt oder indirekt den Präsidenten persönlich für das Attentat verantwortlich, schließlich würde er permanent Gewalt und antisemitischen Verschwörungstheorien die Schleusen öffnen.

Die bekannte Journalistin Julia Ioffe beschuldigte die Juden in den USA und in Israel: »Und ein Wort zu meinen jüdischen amerikanischen Mitbürgern: Dieser Präsident macht es möglich. Hier. Wo Du wohnst. Ich hoffe, die Übersiedlung der Botschaft dorthin, wo Du nicht wohnst, war es wert.« Und in Großbritannien fragte Jenny Tonge, Mitglied des House of Lords mit einer langen antisemitischen Vorgeschichte, ob »Bibi« und der aktuellen israelischen Regierung jemals der Gedanke gekommen sei, dass es ihre Aktionen gegen die Palästinenser wären, die den Antisemitismus wieder entzündeten.

Nichts davon ist plausibel.

Dass bewaffnete Security den Täter stoppen hätte können, ist zweifelhaft, zumal der Attentäter vier Polizisten niedergeschossen hat, bevor er sich ergab. Außerdem mag es in Europa zwar zum gewohnten Bild gehören, dass Juden nur schwer bewacht beten können, aber eine solche Normalität wünscht sich in den Vereinigten Staaten niemand.

Israel und/oder die Juden für den Antisemitismus verantwortlich zu machen, ist seit jeher eine beliebte Strategie aller Antisemiten von links bis rechts. Diese Täter-Opfer Umkehr ist dermaßen grotesk, dass man an dieser Stelle nicht darauf eingehen muss. Aussagen wie jene von Ioffe oder Tonge richten sich von selbst.

Und Trump? Dass er sich von den plärrenden Antisemiten in Charlottesville nicht distanziert hat, wirf man ihm zurecht vor, und »White Supremacists« und andere Rassisten mögen sich durch seine Rhetorik beflügelt fühlen. Doch dass Antisemiten seinetwegen beginnen würden, Juden zu ermorden, ist zu weit hergeholt. Zumal der Attentäter alles andere als ein Anhänger Trumps war, den er für eine Marionette hielt, die von den Juden gesteuert werde, um »die Weißen zu beherrschen«. Bowers Hass richtete sich zuletzt vor allem gegen HIAS (»Hebrew Immigrant Aid Society«), eine Hilfsorganisation für jüdische Immigranten. In seiner Weltsicht gehörte Trump zu den »Globalisten«, die Schuld daran hätten, dass Amerika »mit Juden verseucht« sei, und solange diese Leute an der Regierung wären, »könne man Amerika nicht wieder groß machen«. In der amerikanischen Geschichte gab es jede Menge Massenmörder, Attentäter und Amokläufer, unabhängig vom gerade vorherrschenden gesellschaftlichen Klima und unbeeinflusst von Stil und Rhetorik des jeweiligen Präsidenten.

»Der 27. Oktober, ein Tag von Massaker und Massenmord, der Tag des schlimmsten Massenmordes an Juden in der Geschichte der USA, wurde systematisch gekidnappt, um alles andere zum Thema zu machen, nur nicht die Opfer«, fasste Seth J. Franzman in der Jerusalem Post die Reaktionen bitter zusammen: »Dies war die Antwort auf das schlimmste Massaker an Juden in der Geschichte der USA. Beschuldigt Israel. Beschuldigt Juden. Beschuldigt Trump.«

Antisemitismus in Amerika

Die vorschnellen Schuldzuweisungen verstellen den Blick auf das Erstarken des Antisemitismus in Amerika von beiden Seiten des politischen Spektrums. So wie Trump auch um die Stimmen der Evangelikalen und Rechtsextremen buhlt, kämpfen die Demokraten um jene von islamischen Extremisten wie Louis Farrakhan, über den die Anti-Defamation League schrieb, dass sein Name gleichsam zu einem »Synonym für Antisemitismus« geworden sei. Der Führer der Nation of Islam ist gut vernetzt mit Bewegungen wie Black Lives Matter oder antisemitischen Organisatorinnen des Women’s March on Washington gegen Trump, deren Unterstützer zur Wählerbasis der Demokraten zählen.

Besonders erschreckend ist, dass der Anstieg des Antisemitismus nicht vor den Universitäten des Landes halt macht, sondern sogar von ihnen ausgeht. »Der Antisemitismus in Amerika wird aggressiver«, beklagte Hannes Stein schon 2015 in der WELT und beschrieb ein Experiment des Filmemachers Ami Horowitz, der freundlichen Zuspruch erntete, als er am Campus der University of California in Berkeley die Flagge des IS schwenkte und den amerikanischen Imperialismus geißelte, während er für das Schwenken der israelischen Fahne wüst beschimpft wurde. Ähnliche Geschichten berichtete Stein von der Cornell University und einem College in New York. »Freilich sagen die Betroffenen, nämlich die jüdischen Studenten, dass die Feindseligkeit, die ihnen an den Universitäten und Colleges entgegenschlägt, viel offener geworden sei, auch aggressiver. Dass es mittlerweile zum guten akademischen Ton gehöre, Israel in Bausch und Bogen zu verdammen. (Nicht: Israel zu kritisieren, sondern ihm den Tod zu wünschen.) Dass die Tendenz bestehe, jeden jüdischen Studenten für einen Agenten Israels, also des Teufels zu halten. Dass das Märchen, Juden hätten den Handel mit schwarzen Sklaven organisiert, mittlerweile allgemein geglaubt werde.«

Im Februar dieses Jahres berichtete die Anti-Defamation League, die Anzahl der antisemitischen Vorfälle sei 2017 um fast 60 Prozent höher als 2016 gewesen – was der größte Anstieg innerhalb eines Jahres sei und die zweithöchste Zahl seit Beginn der Erfassung der Vorfalldaten in den 70er Jahren. Der starke Anstieg sei zum Teil auf Schulen und Hochschulen zurückzuführen, an denen sich die Vorfälle im zweiten Jahr in Folge fast verdoppelt hätten.

»Trump versteht nicht, wie Antisemitismus funktioniert. Die meisten Amerikaner auch nicht«, übertitelte die Washington Post einen Kommentar des Historikers Jeffrey Herf, der mit den Worten schließt: »Es ist Zeit für uns alle, einschließlich unserer politischen Führer, ein wenig Zeit damit zu verbringen, zu untersuchen, woher der Hass auf die Juden kommt, und wie er besiegt werden kann und muss – wieder einmal. Es ist längst Zeit, die amerikanische Ahnungslosigkeit über die Geschichte, die Natur und die gegenwärtigen Gefahren des Antisemitismus zu beenden.« Dem ist an dieser Stelle nichts hinzuzufügen.

Zuerst erschienen auf mena-watch

 

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