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Russlands Agenten

Photo: Burns Library, Boston College, CC BY-NC-ND 2.0

Kim Philby, der Doppel- oder Tripleagent

Vor ein paar Tagen wurde ein Offizier des Österreichischen Bundesheeres als russischer Spion enttarnt. Er berichte Jahrzehnte lang nach Moskau und kassierte regelmäßige Honorare für seine Dienste, doch die Ehrungen, die vielen seiner Kollegen gewährt wurden, wird er durch seine Verhaftung in Wien nicht ehrfahren.

Vor ein paar Wochen noch beschimpfte der russische Präsident Putin Geheim-Agenten als »Schmutz und Dreck« und nannte den Verrat an der eigenen Heimat die größte Schandtat, die ein Mensch begehen könne. Er reagierte damit auf die Kritik eines Journalisten an der versuchten Vergiftung des Doppelagenten Sergej Skripal, der nach seiner Enttarnung und einem Agenten-Austausch in England lebte und jahrelang den Briten geheimes Material über die Sowjetunion lieferte.

Doch diese Woche wurde ein Platz in Moskau unbenannt und zeigt jetzt auf allen Tafeln den Namen »Kim Philby«, eine der schillerndsten Figuren des Agenten-Duells während des Kalten Kriegs. Philby galt als Mitglied des berühmten »Cambridge Five« Spionage Kreises, einer Gruppe von Cambridge-Absolventen, die während des Zweiten Weltkriegs und bis spät in die 50-iger Jahre für die Sowjetunion arbeiteten.

Er war eine der interessantesten Figuren der »Goldenen Jahre der Russischen Spionage«, wie man sie später nannte. Philbys Freund, der Schriftsteller John le Carré, hat ihn in zahlreichen seiner Bücher verewigt. Der Roman Dame, König, As, Spion geht ausführlich auf Philby ein und wurde mehrere Male verfilmt. In Robert Littells Roman Die Company kommt er vor, ebenso wie im Buch Das vierte Protokoll von Frederick Forsyth.

Philbys Leben liest sich wie die Abenteuer einer erfundenen Romanfigur, kaum mehr vorstellbar in unseren Zeiten, in denen alles im Vergleich zu damals so vorhersehbar und langweilig aussieht. Und ausgerechnet in Wien hat er seine Karriere als Spion begonnen.

In Indien 1918 als Sohn eines britischen Diplomaten geboren, der ihn nach Rudyard Kiplings Indienroman Kim nannte, kam er für sein Studium nach England zurück, wo er am Trinity College  Geschichte inskribierte und sich begeistert mit dem Kommunismus beschäftigte. Mitten während des Studiums wechselte er plötzlich zu Wirtschaftswissenschaften, wo mehrere moderne kommunistische Theoretiker unterrichteten, und schloss sich nach dem Studium der Komintern-Gruppe an, einer kommunistischen Vorfeldorganisation, die ihn nach Wien schickte. Hier erlebte er den Februaraufstand 1934, half bei der Rettung bedrohter Kämpfer des Republikanischen Schutzbundes und traf seine erste Ehefrau, Litzy Friedmann, ebenfalls eine begeisterte Kommunistin, die er mit seinem britischen Pass vor der Verhaftung retten konnte. Durch sie traf er den österreichischen Kommunisten Arnold Deutsch, der ihn überredete, für den russischen Geheimdienst zu arbeiten.

Offiziell blieb Philby in den nächsten Jahren Korrespondent für englische Zeitungen während des Spanischen Bürgerkrieges bis der britische Geheimdienst MI6 auf ihn aufmerksam wurde, obwohl er bereits mit den Russen kooperierte. Aufgrund seiner familiären Geschichte als Sohn eines Diplomaten vertrauten sie ihm, und in den Jahren 1941 bis 1944 stieg er zum Chef der britischen Spionageabwehr auf der iberischen Halbinsel auf.

Briefmarke der Sowjetunion mit Kim Philby

Doch seine Karriere war noch lange nicht zu Ende. 1944 holten ihn die Briten nach London zurück, wo er die antisowjetische Abteilung des Geheimdienstes leitete und damit unersetzlich für die Sowjetunion wurde. Auf sein Konto geht der Verrat von zahlreichen Agenten in der sowjetischen Verwaltung und in der Armee, die für die Briten spionierten, und einige von ihnen wurden nach der Entlarvung zum Tode verurteilt.

Doch es ging weiter mit seinem beruflichen Aufstieg. 1949 beförderte ihn der britische Geheimdienst zum Verbindungsoffizier für den CIA, und Philby hatte damit auch Zugang zu den Geheimpapieren der Amerikaner. Ein Jahr später kam es allerdings zu einem Skandal in Washington, als der CIA die Briten informierte, dass geheime Dokumente der US-Atomforschung über die britische Botschaft an die Russen gelangen würden. Als britischer Verräter wurde Donald Maclean entlarvt, der unter dem Deckmantel »Homer« für die Russen die Dokumente kopiert hatte. In einem abenteuerlichen Versteckspiel wollten die Briten und Amerikaner den Agenten nicht sofort entlarven und tauschten immer wieder die Geheimdokumente, die an die Russen weitergegeben wurden, mit harmlosen Papieren aus.

Philby hatte ebenfalls Zugang zu den geheimen Papieren der Atomforschung, wurde jedoch nicht verdächtigt, für die Russen zu arbeiten. Es gelang ihm immer wieder, die Briten zu täuschen und er konnte trotz aller Skandale, die ihn begleiteten, seine Position in der Abwehr behalten. Während seines Aufenthalts in Washington teilte Philby ein Haus mit einem anderen ehemaligen Studienkollegen und Mitglied der »Cambridge Five«, Guy Burgess, der als Diplomat und Geheimdienstoffizier in der anti-sowjetischen Abwehr arbeitete, und Philby hatte dadurch Zugang zu hoch sensiblen Materialien.

1951 wurden Maclean und sein Partner Burgess entlarvt. Beide verschwanden jedoch wenige Stunden vor ihrer Verhaftung und konnten in die Sowjetunion flüchten. CIA und MI6 verdächtigten Philby, die beiden gewarnt zu haben, da man ihm jedoch nichts nachweisen konnte, entschied sich MI6 ihn zu »pensionieren«. Philby arbeitete wieder als Journalist, und als ihm nach einem ganzen Jahr zahlreicher Untersuchungen kein Verrat nachgewiesen werden konnte, wurde er offiziell vom Premierminister im britischen Unterhaus in einer Erklärung von allen Verdächtigungen freigesprochen.

Er setzte unbekümmert wieder seine Tätigkeit als Journalist fort, berichtete für The Economist als Nah-Ost-Korrespondent und hatte weiter Kontakt zu den Russen. 1956 holte ihn MI6 zurück in die Organisation, und innerhalb kürzester Zeit stieg er vom informellen Informanten zur Nummer zwei in Beirut auf und spielte eine maßgebliche Rolle bei der Rückeroberung des Suez-Kanals.

Ein harmloser Bericht der britischen Journalistin Flora Salomon, in dem sie über Philbys Sympathie für die Araber schrieb und eher als Scherz erwähnte, dass er scheinbar seine Befehle aus Moskau bekäme, löste dann plötzlich doch eine Lawine von Verdächtigungen und eine genaue Untersuchung seiner Aktivitäten aus. Der Geheimdienst befragte Salomon, die sich weigerte ihre Behauptungen unter Eid zu wiederholen aber viele Jahre später schrieb, dass Philby versucht hätte, sie als Mitarbeiterin zu gewinnen.

Philbys bis dahin eiserne Selbstdisziplin und sein geniales Kontrollsystem seiner Aktivitäten begann damals aus einem einzigen Grund fehlerhaft zu werden, er hatte ein gravierendes Alkoholproblem. Juri Modin, ein sowjetischer Agent, warnte Philby, dass er sich selbst verraten würde, wenn er sein Problem nicht kontrollieren könne, und überredete ihn, sich nach Moskau abzusetzen, bevor die Briten ihn entdecken und verhaften würden.

Am 21. Januar 1963 verschwand Philby in Beirut und tauchte wenige Wochen später in Moskau auf, wo er politisches Asyl beantragte und die russische Staatsbürgerschaft bekam. Man bot ihm eine Stellung im KGB an, allerdings keine konkrete Aufgabe, da man seinem Geschick nicht traute und ihn Jahrgang für einen »Triple-Agenten« hielt. So sehr sie seine Arbeit für den russischen Geheimdienst schätzten, schien es unerklärbar, wie er so lange unentdeckt arbeiten konnte. Man gab ihm eine schöne Wohnung und ein Gehalt als KGB-Offizier bis an sein Lebensende 1988, doch er hatte absolut nichts zu tun, bekam keinen Zutritt zu den KGB-Büros und verfiel immer mehr dem Alkohol. Jahrelang wanderte er betrunken durch Moskau von einem Hotel zum anderen, um britische Zeitungen zu finden, die Touristen zurückgelassen hatten.

Erst nach seinem Tod entschloss sich die sowjetische Führung, ihm die verdiente Ehrung zu gewähren. Heute gibt es eine Briefmarke mit seinem Bild, der Lenin-Orden wurde ihm verliehen, eine Ausstellung in Moskau zeigt über 900 Dokumente, die er an die Russen weitergegeben hatte, und seine Pfeife kann man im Museum des Zweiten Weltkriegs bewundern.

Der Mann, der so viele Spezialisten täuschte, blieb allerdings bis heute ein Mysterium der Spionage-Geschichte. Nach seinem Tod 1988 versuchte einer seiner ehemaligen Kollegen bei MI6 einen Beitrag über ihn in The Times zu veröffentlichen, was jedoch durch heftige Intervention des Geheimdienstes verhindert wurde.

Kim Philbys Deckname lautete übrigens Parsifal.

 

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