WM-Tagebuch

Rostige Kinderschaukeln

WM-Tagebuch, 24. Juni

Immer noch in Wolgograd, als wir auf unser nächstes Spiel (Nigeria gegen Island) warteten, besuchten wir einen Lehrer, den wir über zehn Ecken kennen, den Freund eines Freundes eines Freundes, der jetzt in London arbeitet.

Wir fuhren die Wolga entlang in einer Straßenbahn aus den 50-iger Jahren mit zerbrochenen Sitzen. Bei dem Gewackel schützt selbst der Haltegriff kaum vor einem Sturz. Doch die Menschen nehmen es mit Geduld, niemand scheint sich zu wundern oder aufzuregen. Die Stadt ist endlos lang, und man braucht für eine Strecke von fünf Kilometern mit den öffentlichen Verkehrsmitteln mindestens eine Stunde.

Der Lehrer, nennen wir in Sascha, wohnt in einem dreistöckigen Wohnblock inmitten einer gigantischen Anlage mit Parks und Spielplätzen zwischen den Häusern, kleinen Bäckereien, die auch Kaffee servieren, Lebensmittelgeschäften und ein paar Restaurants.

Sascha führt uns durch die Anlage und kann sich kaum beherrschen vor lauter Ärger.
»Ja, es stimmt«, sagt er in einem sarkastischen Ton, »wir haben ein neues, wunderschönes Fußballstadion, und unser Bürgermeister sagt fast täglich in irgendeinem Interview, dass wir darauf stolz sein könnten, weil doch jetzt durch die WM zum ersten Mal so viele Fremde in die Stadt kommen würden, und da unsere Stadt doch so schön sei, werden viele von ihnen wiederkommen oder ihren Freunden empfehlen, uns zu besuchen. Schöne Worte, aber schau dir diesen Park an. Das ist unser Alltag und nicht das Fußballstadion! Mit dem Geld des neuen Stadions und des neuen Flughafens hätten wir die halbe Stadt renovieren können!«

Er deutet auf eine Wiese zwischen den Wohnblocks, auf der nur mehr vereinzelte grüne Flächen sind. Der Großteil ist braune Erde, mit mehreren Sandhaufen und mitten durch den Park läuft ein langer Graben, in dem ein dickes, schwarzes Kabel liegt. »Dieses Kabel hier wurde vor zwei Jahren verlegt. Sie haben den ganzen Park aufgegraben, das Kabel hineingelegt und dann den Graben nie wieder zugeschüttet. Selbst die Erde aus dem Graben, das sind die kleinen Hügel überall hier im Park, haben sie nie abgeholt.« Ich höre ihm schweigend zu, bis ich eher als Scherz die Bemerkung mache, dass die Bewohner vielleicht den Graben selbst zuschütten könnten.

Er lacht laut auf und sagt: »Ein paar von uns hatten diese Idee und schlugen am Brett im Eingang aller Häuser eine Aufforderung an, dass man sich an einem bestimmten Tag treffen sollte, um eine Lösung zu besprechen. Hier wohnen etwa 2000 Menschen, drei kamen zu der Besprechung. Es interessiert niemanden, es herrscht eine eigenartige Gleichgültigkeit und alle reden nur davon, was sie tun könnten, um so schnell wie möglich von hier wegzukommen. Der Traum eines jeden Russen ist ein Job in Moskau oder St Petersburg.«

Wir gingen weiter und steuerten auf eine der Bäckereien zu, nachdem ich ihm erklärt hatte, nach so viel »guten Nachrichten« bräuchte ich einen Kaffee. Als ich das Café sah, bereute ich sofort, den Vorschlag gemacht zu haben. Die Auslagenfenster waren verklebt, sodass die zerbrochenen Scheiben nicht herausfallen können, und der Eingang war eine dicke schwere Holztür, die man nur mit beiden Händen öffnen konnte. Doch die Bäckerei machte mich sprachlos, sie hätte es mit jedem Geschäft in Wien aufnehmen können. Mindestens ein Dutzend verschiedener Brotsorten, Kuchen, Croissants, Kipferln, mit Vanille oder Schokolade gefüllt, und eine hochmoderne Kaffeemaschine, die alles vom Espresso bis zum Latte anbieten konnte.

Sascha sieht mein erstauntes Gesicht und grinst: »Da staunst du, was?« Ich nicke. »Das ist Kapitalismus. Das Haus und die Parks gehören der Stadt und verfallen, aber die Bäckerei ist privat. Das ist der Unterschied. Viele Wohnblöcke werden jetzt als Eigentumswohnungen verkauft, dort sieht es viel besser aus.«

Wir essen unsere knusprigen Croissants, und ich trinke einen großen Braunen, der hier »Americano« heißt. Sascha erzählt, dass vor allem die Supermärkte von internationalen Ketten übernommen wurden und eine sehr gute Auswahl anbieten. Beklagt sich jedoch sofort wieder über die katastrophale Infrastruktur, die Straßen mit gefährlichen Löchern, den öffentlichen Verkehr, die Wasserversorgung und die Müllabfuhr, nichts funktioniere hier.

Nach dem Kaffee will er mir unbedingt den Kinderspielplatz zeigen, und als wir ihn erreichen, verstehe ich ihn. Auf rostigen Gerüsten hängen völlig vergammelte Schaukeln, und die paar Kinder, die hier spielen, versuchen ziemlich verzweifelt das quietschende Gestänge auch zum Schaukeln zu bringen. Es hat etwas Tragisches, was sich hier abspielt, und Sascha meint zynisch, so stelle er sich Tschernobyl heute vor. In den Sandkisten ist die Erde so hart, dass niemand auch nur versucht, dort zu spielen und auf einem Kletterturm hängt ein Schild, das Sascha mir übersetzt: »Achtung, nicht benutzen!«

»Früher war dieses Viertel das Aushängeschild des kommunistischen Bürgermeisters. Besucher aus den anderen sozialistischen Ländern kamen her und wurden herumgeführt, und es war wirklich eine herrliche Anlage mit wunderbaren Parks, Spielplätzen und kleinen Seen, in denen im Sommer die Kinder spielten. Doch seit dem Zerfall des alten Regimes zerfällt auch alles, was noch in der Verantwortung der Gemeinden ist. Die rostige Kinderschaukel neben dem hochmodernen Stadion ist ein Symbol für unser Leben. Eine Show für den Rest der Welt und eine Fußballarena für einen drittklassigen Verein hier in der Stadt, zu dem höchstes ein paar tausend Zuseher kommen. Aber wir haben jetzt ein Stadion für 40.000! Und einen modernen Flughafen für die 15 Abflüge pro Tag.

Aber niemand beklagt sich, wir Russen sind geduldig. Wir haben den Zaren überlebt, dann Lenin, Stalin, Chruschtschow und Breschnew und jetzt Putin, werden wir halt noch ein paar Generationen warten, bis wir neue Schaukeln bekommen.«

 

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