Russland WM-Tagebuch

Wolgograd, Stadt der Frauen

Photo: Martha de Jong-Lantink, CC BY-NC-ND 2.0

WM-Tagebuch, 20. Juni

Von allen Plätzen der Stadt kann man sie sehen, die Siegesstaue der Schlacht um Stalingrad. Größer als die Statue of Liberty steht die Frau in einem langen wehenden Kleid, mit einem dünnen Hemd, das ihre festen Brüste zeigt, und einem Schwert in der Hand, das nach oben gerichtet ist, auf einem Hügel in der Nähe der Wolga, umgeben von einem Park mit einer kreisrunden Erinnerungshalle, wo die Namen tausender Gefallener aufgelistet sind.

Warum eine Frau als Symbol des Sieges, stellt sich die Frage, bis man im Museum ein Dokument findet, das die besondere Rolle der Frauen im Kampf um Stalingrad hervorhebt. Es beschreibt den berühmten Widerstand der 1077. Flugzeugabwehr Division, die komplett durch Frauen übernommen wurde, nachdem alle Männer gefallen waren. Sie konnten weder durch ein Training vorbereitet werden, noch hatten sie eine militärische Ausbildung. Dennoch übernahmen sie die Geschütze und richteten sie gegen die angreifende 16. Panzerdivision der Deutschen, die dadurch tagelang aufgehalten wurden und ein Geschütz nach dem anderen zerstören mussten. Es gehörte zu einem der vielen Schock–Erlebnisse der Deutschen, als sie erkannten, dass sie von einer Gruppe junger Frauen aufgehalten wurden. Für die Deutschen war es der Anfang vom Ende, nie zuvor in der Geschichte der Deutschen Armee hatten sich Tausende einfach ergeben und zogen freiwillig in die russische Kriegsgefangenschaft.

Über die Schlacht und die Grausamkeiten auf beiden Seiten wurde genug geschrieben. Für Stalin und Hitler war es ein Stellvertreter–Krieg, bei dem beide rücksichtslos Menschen geopfert hatten, um die Stadt oder militärische Stellungen nicht aufzugeben. Das Leid der zurückgelassenen Zivilbevölkerung muss unvorstellbar gewesen sein. In einer Dokumentation des Deutschen Fernsehens beschrieb eine Frau ihre Kindheit in der belagerten Stadt. Für sie sei das schlimmste Erlebnis der Kannibalismus gewesen, als sterbenden Menschen, die einfach auf die Straßen fielen, Arme und Beine abgeschnitten wurden, bevor sie noch tot waren. Tausende Mädchen, die wie sie jahrelang unter Hunger gelitten hatten, konnten später nie Kinder bekommen. Ihre Körper blieben ewig unterentwickelt.

Stalin hat die Grauen dieses Kampfes immer verschwiegen und viele der tapferen Offiziere, die in der Stadt ausharrten, später als Verräter hinrichten lassen. Es sollte als Sieg Stalins und der Roten Armee gefeiert werden und alle kritischen Stimmen, die sich gegen diese tödlichen Durchhalte–Methoden erhoben, überlebten nicht lange.

Auch heute ist die Wolgograd mit mehr als einer Million Einwohner immer noch keine richtig gewachsene Stadt, eher ein Schachtbrett mit endlos langen Reihen von hässlichen Wohnblöcken, die wie Kugeln auf einer Schnur aneinandergereiht sind. Es fehlt das traditionelle Stadt–Zentrum, und misst man die Ausdehnung entlang der Wolga von der nördlichen zur südlichen Stadtgrenze, ist es die längste Stadt der Welt.

Neben dem Museum der Schlacht von Stalingrad steht eine Ruine, die unverändert seit den Kriegstagen als Erinnerungsstätte erhalten wurde. In der Beschreibung ist zu lesen, dass die Deutschen 60 Tage lang versuchten, dieses eine Haus einzunehmen und immer wieder scheiterten.

Der Krieg ist aus dieser Stadt nicht wegzudenken. Jedes Denkmal, jede Erinnerungstafel, jeder Straßenname ist ein Mahnmal, und dennoch scheint die Bevölkerung eigenartig distanziert zu dem ganzen Erinnerungszirkus. Das Museum ist leer, rund um die berühmte Statue stehen ein paar Touristen. Als ich eine junge Frau in einem Café – die mich fragte, woher ich kommen würde – bat, mir ein paar Tips zu geben, was ich mir hier ansehen sollte, antwortete sie mit einem fast schon sarkastischen Unterton, alles hier erinnere nur an den Krieg und an die Vergangenheit. Die Gegenwart habe man noch nicht entdeckt. Dann lachte sie über ihren eigenen Witz, der eigentlich gar nicht so lustig war, denn es war auch mein Eindruck, dass diese Stadt das Heute vor lauter Erinnerung scheinbar noch nicht gefunden hatte.

Der größte Teil der Bevölkerung wurde erst nach dem Krieg hierher übersiedelt, oft gegen den eigenen Willen. Man erkennt an den Gesichtern, dass viele auch aus Sibirien hergebracht wurden. Fast jeder Taxifahrer, mit dem wir sprachen, kam aus den südlich liegenden Ländern Georgien und Armenien. Die Familie, von der wir die Wohnung mieteten, kam aus Wladiwostok, die Nachbarn aus St. Petersburg. In den Tagen, die wir hier verbrachten, trafen wir niemanden, der in 2. oder 3. Generation in Wolgograd lebte.

Die Stadt ist ein Misch–Masch an Gesichtern, Haarfarben und vor allem Augenformen, die manchmal eher rund europäisch oder typisch asiatisch aussehen. Die Menschen sind freundlich und gleichgültig, eine ganz andere Atmosphäre als in Samara, wo wir die Tage zuvor verbrachten.

Das Fußballspiel Russland – Ägypten erlebten wir in der Fan–Zone vor einem riesigen TV-Bild und etwa 20.000 tobenden Russen, denen allen die Schlacht von Stalingrad völlig egal war. Russland gewann 3:1, und sie feierten, als ob sie eine andere Schlacht gewonnen hätten. Vielleicht war es ein geschickter Schachzug der Regierung, ein paar Spiele hierher zu verlegen und ein neues Stadion zu bauen. Die Stadt könnte etwas mehr Leichtigkeit gut vertragen, vor allem im Sinne der nächsten Generationen, die ein Recht haben, einfach unbekümmert einen Alltag zu leben.

 

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