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Meine Jahre in China

Peking-Ente aus Wien

Für den April dieses Jahres kündigte die Regierung mit Bundespräsident, Bundeskanzler, vier Ministern und 250 Mitreisenden eine der größten österreichischen Delegationen nach China an. Vielleicht als Vorbereitung dieser Reise eine ganz andere Erinnerung aus China:

Es war 1959, ich besuchte die zweite Klasse des Gymnasiums in der Diefenbachgasse im 15. Wiener Bezirk. Mein Vater, 1946 aus der Emigration von London nach Wien zurückgekommen, arbeitete bei der kommunistischen Tageszeitung ‚Österreichische Volksstimme‘.

Da er die Jahre des Krieges in der Britischen Armee in Indien verbracht hatte, und das Interesse für Asien auch seine journalistische Laufbahn beeinflusste, versuchte er jahrelang, einen der begehrten Posten als Auslandskorrespondent der Zeitung zu bekommen – es könnte jedoch auch die wachsende Frustration über die Entwicklung der kommunistischen Bewegung der eigentlich entscheidende Grund gewesen sein.

1959 bekam er den Auftrag, für drei Jahre nach China als Korrespondent mehrerer europäischer Zeitungen zu gehen, die alle mit den nationalen kommunistischen Parteien verbunden waren. Ich erklärte meinen Mitschülern damals, dass ich mit Ende des Schuljahres das Gymnasium verlassen würde, um ein paar Jahre nach China zu übersiedeln. Die meisten lachten mich aus, andere drohten mir mit Prügel, wenn ich nicht aufhören würde, mich hier mit Lügen wichtig zu machen.

Doch im Juni 1959 begann meine Mutter zu packen. Wir konnten nur wenige Sachen mitnehmen, und ich stand tagelang in meinem kleinen Zimmer in unserem Reihenhaus im 12. Bezirk und überlegte, was in diesen winzigen Koffer passen würde, und was ich zu Hause lassen müsste.

Die Reise, die heute mit einem Acht-Stunden-Flug zu meistern ist, dauerte damals über eine Woche lang. Es begann mit einer Bahnfahrt nach Prag, dann weiter mit dem Flugzeug nach Moskau, wo wir am Flughafen mehrere Stunden warten mussten, weil in den verschiedenen Dokumenten meines Vaters sein Vorname ‚Harry‘ wegen des Fehlens des Buchstabens ‚H‘ im Russischen unterschiedlich wiedergegeben war.

Ein paar Tage später flogen wir von Moskau nach Omsk, wieder in ein Hotel, und am nächsten Tag weiter nach Irkutsk. Von dort nach Ulan Bator und dann endlich nach Peking.

Am Flughafen, und darum geht es eigentlich in der Geschichte hier, wurden wir neben einem politischen Komitee von einem Mann und einer Frau in perfektem Wiener Dialekt begrüßt. Es war nicht diese grobe Sprache des Kutschers oder Briefträgers, die Qualtinger so fantastisch wiedergegeben hatte, sie sprachen das sogenannte ‚Hietzinger Wienerisch‘, dieses leicht nasale, mit nur wenigen Verdrehungen der hochdeutschen Sprache, aber dennoch weit entfernt vom harschen Ton der Preußen.

Der Mann stellte sich als Dr. Richard Frey vor, die Frau als Ruth Weiss. Mein Vater meinte, er habe bereits viel über sie gelesen und freue sich besonders, sie nun kennenzulernen. Ruth Weiss umarmte meine Mutter und sagte, endlich jemand in Peking, mit dem man sich in ihrer Sprache unterhalten könne. Beide kamen aus Wiener jüdische Familien, verließen Österreich in den 1930-iger Jahren in Richtung Shanghai; doch, was sie von vielen anderen österreichischen Flüchtlingen unterschied, sie blieben in China, wechselten von der Synagoge in der Seitenstettengasse in Wien ins Zentralkomitee der KP China und erreichten als zwei von nur ganz wenigen Ausländern dieses politische Zentrum der Macht.

Dr. Ruth Weiss

Ruth Weiss promovierte 1932 an der Wiener Universität in Germanistik und Anglistik und arbeitete zuerst an einer jüdischen Schule in Shanghai, bis sie Song Qingling, die Witwe der Gründers der Republik China, Sun Yat-sen, traf und sich mit ihr anfreundete. Gegen Ende des Krieges arbeite sie für die UNO in New York, wo sie einen chinesischen Diplomaten kennenlernte. Die beiden heirateten, hatten zwei Söhne, ließen sich jedoch bald wieder scheiden und Ruth Weiss beschloss, mit ihren Kindern nach China zurück zu kehren.

Sie wurde als eine der wenigen Ausländerinnen in die KP China aufgenommen, arbeitete viele Jahre im Verlag für fremdsprachige Literatur und war eine der elf berühmten Ausländer/Innen, die in die ‚Politische Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes (PKKCV)‘ berufen wurden.

Während der Kulturrevolution 1966 bis 1976 verschlimmerte sich die Situation für die ausländischen Mitglieder der KP-China. Sie wurden verdächtigt, ‚westliche Werte’ zu vertreten und mit den ‚Feind zu kooperieren‘. Einige verübten Selbstmord oder verbrachten Jahre in Gefängnissen oder sogenannten ‚Umerziehungslagern‘. Ruth Weiss wurde vorgeworfen, andere Ausländer denunziert zu haben. Sie zog sich nach der Kulturrevolution zurück, zeigte wenig Begeisterung für die wirtschaftliche Öffnung Chinas und starb 2006 in Peking.

Dr. Richard Frey

Richard Frey hieß ursprünglich Richard Stein und wurde als Einzelkind einer wohlhabenden jüdischen Familie in Wien Döbling geboren. Er schloss sich sehr früh der Kommunistischen Partei an, flüchtete nach dem Anschluss aus Wien und erreichte Anfang 1939 China. Das Leben im europäischen Ghetto in Shanghai interessierte ihn nicht. Er schloss sich der Roten Armee Maos an. 1944 wurde er als Mitglied der KP Chinas aufgenommen und nahm als ausländischer Gast an dem historisch bedeutsamen VII. Nationalkongress der KP Chinas teil. Bis zum Sieg Maos und der Gründung des Kommunistischen Chinas arbeitete er in der Armee, bildete Krankenschwestern und Ärzte aus, und entwickelte zahlreiche Heilungsmethoden in einer Kombination von traditioneller und westlicher Medizin, da die Rote Armee kaum Medikamente aus dem Westen erreichten.

Dafür wurde er von Mao Zedong persönlich ausgezeichnet. 1945 gelang es ihm in der politischen Zentrale der KP-China in Yan`an, unter einfachsten Bedienungen Penicillin herzustellen.

Nach der Gründung der Volksrepublik China arbeitete er weiter in Seuchengebieten in Süd-West-China bis man ihn an die Akademie nach Peking berief. Frey gründete die erste Computerbank für medizinische Informationen und ein Netzwerk mit Daten über Erkrankungen aus den verschiedensten Gebieten Chinas.

Trotz all dieser Ehrungen und Erfolge wurde auch er während der Kulturrevolution verfolgt und immer wieder verhaftet, erst 1983 voll rehabilitiert und zum beratenden Mitglied des Zentralkomitees ernannt. 2004 verstarb er in Peking und 2007 errichtete die chinesische Regierung in Erinnerung an Frey ein Denkmal in der Nähe von Peking an der ehemaligen letzten Front vor der Befreiung der Hauptstadt.

Richard Frey wird in China heute noch als Held der kommunistischen Revolution verehrt. Sein Wirken und seine Lebenserinnerungen finden sich in Geschichtsbüchern und Museen.

Ich, der Thälmann-Pionier

Ich lebte von 1959 bis 1962 in China.

Da es keine westlichen Schulen gab, besuchte ich die Schule der DDR, wurde trotz einiger Hürden und Rückschläge aufgrund meiner ‚westlichen’ Erziehung dann doch eines Tages zum Thälmann-Pionier ernannt und stand jeden Montagmorgen wie alle anderen Schüler in einer Reihe nebeneinander angetreten zum Fahnenappell.

Jede Klasse bildete eine Pionier-Gruppe, und der jeweilige Vorsitzende einer Klasse musste dem Freundschaftsratsvorsitzenden, dem obersten Pionier der Schule, die Meldung machen, dass die Klasse zum Gruß der Fahne vollständig angetreten sei. Eine Ernennung zum Klassensprecher ließ die Schulleitung in meinem Fall nicht zu, und so endete meine Karriere wie sie begonnen hatte – beim einfachen Pionier.

Für mich waren es wichtige Jahre. Vor unserer Rückreise nach Wien konnte ich fast fließend Chinesisch sprechen. Ich hatte ein Fahrrad und war dadurch unabhängig von Bussen, die immer fürchterlich überfüllt waren. Die stundenlangen Fahrrad-Touren durch diese mir völlig fremde Stadt, die freundlichen Menschen, die mich immer wieder zum Tee einluden, machten diese drei Jahre zu einem einzigen Abenteuer.

In dem Wohnblock, wo wir lebten, gab es keine verschlossenen Türen. Menschen aus der ganzen Welt, die in Botschaften oder kommunistischen Organisationen arbeiteten, bildeten ein Ghetto, in dem irgendwer kochte, zu dem dann alle zum Essen kamen und dann zum Nächsten in eine andere Wohnung wanderten, der eben aus dem Ausland zurückgekommen war und westliche Schallplatten ins Land geschmuggelt hatte. In all den Jahren meiner Kindheit hatte ich meine Eltern nie zuvor und nie danach in Wien so glücklich erlebt.

Eine der absurdesten Erinnerungen war die Ausrottung der ‚Vier Plagen‘. Es richtete sich gegen Ratten, Mücken, Fliegen und Sperlinge. Die Vögel in Peking wurden sozusagen ‚biologisch‘ ohne jegliche Chemikalien ausgerottet. Drei Tage und Nächte lang machte die Bevölkerung fürchterlichen Lärm mit Musikinstrumenten, Kochtöpfen, Geschirr oder sie schrien einfach abwechselnd stundenlang bis die aufgeschreckten Vögel erschöpft oder tot zu Boden fielen.

Dieselben Wissenschaftler, die vor der Aktion versuchten nachzuweisen, wieviel Getreide von den Vögel gefressen werden und damit verloren gingen, mussten später zugeben, dass die Vögel auch Insekten fraßen, die jetzt zu einer Plage wurden.

Später in meinem Berufsleben hatte ich immer wieder mit China zu tun und fand sehr schnell Kontakt zu den Menschen. Während eines Besuches der Vize-Kanzlerin Susanne Riess überraschte ich den Bürgermeister von Shanghai, als ich ihm erzählte, dass ich schon vor seiner Geburt in China gelebt hatte. Er schüttelte den Kopf und zweifelte an meiner Geschichte, lächelte mehr aus Höflichkeit, bis ich ihm vorschlug, ein Lied aus meiner Schulzeit vorzutragen. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund hatte ich den chinesischen Text nie vergessen. Er hörte eine Weile mit weit offenen Augen zu, bis er und bald auch alle anderen Chinesen am Tisch begeistert mitsangen.

 

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