Antisemitismus Großbritannien

Dayenu – es reicht!

Photo: © Iwan Lewis, MP, via Twitter

Antisemitismus in British Labour Party

Es waren nur ein paar Hundert Demonstranten, die sich diese Woche in London vor dem Parlament versammelten und mit Postern mit ‚Dayenu‘ (genug) gegen den Antisemitismus innerhalb der Labour Party protestierten, der von Parteichef Jeremy Corbyn gedeckt, vertuscht und verharmlost wird. Doch die Tatsache, dass eine Partei, die sich seit Jahrzehnten auf die jüdischen Wähler in Großbritannien verlassen konnte und durch zahlreiche Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in wichtigen Positionen vertreten wird, überhaupt in der Weise angegriffen wurde, beweist eine ernst zu nehmende Unruhe in der Partei, die in einem politischen Erdbeben enden könnte.

Einige Labour-Mitglieder des Parlaments wie John Mann und die ehemalige Ministerin Dame Margaret Hodge nannten Corbyn den ‚Posterboy of Antisemitism‘. Louise Ellman, ebenfalls Labour-Parlamentsvertreterin, kritisierte den Parteichef dafür, judenfeindliche Aussagen und Aktivitäten zuzulassen, ohne zu reagieren oder einzugreifen.

Linke Medien greifen ein

Inzwischen ist es auch ein Thema für die Medien geworden. Während ‚Falter‘ und ‚Standard‘ in Österreich die Aufgabe übernahmen, rechtsextreme Aktivitäten von Vertretern der FPÖ und anderer Politiker zu suchen und zu veröffentlichen, gehen Britische Medien in die politisch andere Richtung und durchleuchten die Links-Parteien.

In den letzten Tagen veröffentlichten verschiedene Zeitungen sieben Facebook-Seiten mit zum Teil aggressiven Judenhass, die Corbyn unterstützte oder zumindest als Mitglied bereicherte. Eine von ihnen zeigte ein Karikatur mit fetten Männern mit Bärten und krummen Nasen um einen Tisch sitzend, der die Weltkarte darstellt, die als Banker die Finanzwelt kontrollieren, während sich unter dem Tisch das hungernde Proletariat zusammenkauert.

Andere Facebook-Seiten stellten den uralten Zusammenhang zum Mittelalter her, als man den Juden vorwarf, christliche Kinder zu töten, um ihr Blut beim Mazzot-Backen zu benutzen. In fast allen mischte sich die ‚linke‘ Kapitalismus-Kritik mit Vorwürfen gegenüber den ‚reichen‘ Juden, die als Winzig-Minderheit machtvoll und einflussreich die Welt der Medien und des Kapitals kontrollieren.

Corbyn und seine Unterstützer redeten sich Jahrelang auf seine kritische Haltung gegenüber Israel aus und warfen seinen Gegnern vor, seine Solidarität mit den Palästinensern fälschlicherweise als Antisemitismus zu kritisieren. Vor Jahren nannte er noch Hamas und Hizbollah seine ‚besten Freunde‘, distanzierte sich zwar später von der Freundschaftserklärung, kritisierte jedoch die als Terroristen eingestuften Organisationen nie. Im Nahost-Konflikt gibt es für ihn ein einfaches ‚Gut und Böse‘. Nie werden Palästinenser, Terroristen oder andere Attentäter kritisiert, sondern für ihn gibt es nur einen Feind und einen Verantwortlichen für den Konflikt: Israel.

Battle of Cable Street

Vielleicht hätte er mehr mit seiner Mutter sprechen sollen, die sich 1936 begeistert bei der ‚Battle of Cable Street‘ beteiligte. Damals formierte sich eine Gemeinschaft aus Kommunisten, Sozialisten und Mitgliedern der Jüdischen Vereinigungen gegen den Aufmarsch der britischen Nazis, der ‚British Union of Fascists‘. 20.000 blockierten die Straßen, bewarfen die Polizisten und Faschisten mit Steinen, Gemüse und was sie sonst noch finden konnten und verhinderten so den Aufmarsch der Faschisten. Die ideologischen Nachkommen der eigenen Mutter demonstrierten wahrscheinlich diesmal vor dem britischen Parlament gegen den Sohn.

Etwa 300.000 Juden leben in Großbritannien. Ein Zentrum der religiösen Juden ist der Stadtteil Golders Green im Norden von London, wo auch Christen, Moslems und Sikhs leben. Wie so oft in Wohngegenden mit einer gewissen Konzentration von Gläubigen einer bestimmten Religion zeigt sich, wie unterschiedlich sie Toleranz verstehen. Während Synagogen und auch immer mehr Kirchen in den Wohnvierteln verschwinden, in denen sich Muslime konzentrieren, haben vor kurzem die Vertreter der Christen, Juden und Sikhs in Golders Green die Errichtung eines ‚Islamischen Zentrums‘ unterstützt.

Rassen-Kampf statt Klassen-Kampf

Lange Zeit konnten sich Vertreter der Labour Party hinter dem offensichtlich falschen Klischee verstecken: ‚Wir sind Linke, wir können gar keine Antisemiten sein‘. Als der (jüdische) Journalist Jonathan Freedland im links-liberalen Guardian schon 2016 über den Antisemitismus der Linken und der Labour Party schrieb, reagierte Corbyn mit einem Wutanfall und warf der Zeitung vor, aus seiner kritischen Haltung gegenüber Israel ein Vorurteil gegenüber Juden zu fabrizieren. Es seien die ‚Zionisten‘, meinten seine Anhänger, die versuchen würden, die Verbindung zwischen Juden in England und Israel herzustellen, um ihn mit absurden Rassismus-Vorwürfen zum Schweigen zu bringen.

Inzwischen sehen es die meisten Kritiker in der Partei genau umgekehrt. Es ist der Rassismus der derzeitigen Labour-Führung, die den Israel-Konflikt benutzt, um ihre Vorurteile zu platzieren. Mit eiskalter Berechnung, um die Stimmen der eingebürgerten Muslime zu bekommen. Bei den letzten Parlamentswahlen, die die Labour-Party zwar verlor, jedoch mit einem Stimmenzuwachs, erzielte sie die besten Ergebnisse in den Bezirken mit einem hohen Prozentsatz an Zuwanderern aus muslimischen Ländern. Labour hat auch den höchsten Anteil an Muslimen in der Parteiorganisation und als politische Vertreter. Einige von ihnen mussten in den letzten Monaten wegen antisemitischer Bemerkungen oder Veröffentlichungen zurücktreten.

Corbyn versucht die Verluste unter den Arbeitern durch Einwanderer auszugleichen. Aus der Klassen-Gesellschaft macht der überzeugte Marxist eine Rassen-Gesellschaft, in der das Vorurteil gegenüber anderen Religionen die kommunistische Theorie ablöst und den Klassenkampf ersetzt.

Inzwischen rudert Corbyn allerdings zurück und redet sich zum Beispiel über Facebook-Seiten mit antisemitischen Karikaturen aus, dass er zwar die Gruppe unterstützte, die Zeichnung jedoch nie gesehen hätte. Eine ‚halb-seidene‘ Entschuldigung folgte, und wie immer nach solchen Ausfällen das Statement, dass Antisemitismus in seiner Partei keinen Platz habe.

Genug ist genug!

Doch Vertretern der Jüdischen Gemeinden und Organisationen wie Mike Katz, Vice-Chairman of the Jewish Labour-Movement, reicht das schon lange nicht mehr: All das Gerede interessiere niemanden mehr. Solange keine Taten folgen würden, müsse die Labour-Party mit dem Vorwurf leben, mit Antisemitismus auf Wählerfang zu gehen, meinte er in einem Interviewer.

All die antisemitischen Facebook- Seiten, denen Corbyn folgte und sie mit ‚likes‘ belohnte, verließ er erst nach öffentlicher Kritik und Darstellung der Inhalte in den Medien. Ausrede seines Sprechers: Corbyn sei nie aktiv in der Gruppe gewesen und habe auch nichts auf der FB-Seite geschrieben. Auf die Frage eines Journalisten, warum er sich überhaupt der Gruppe angeschlossen hatte, gab es keine Antwort. Auf die Frage, warum er Extremisten wie Stephen Sizer verteidige, der die Theorie vertrat, der israelische Geheimdienst sei für den 9/11 Anschlag in New York verantwortlich, windet er sich herum und weicht einer Antwort aus.

Von den drei wichtigen Parteien in Großbritannien war Labour die letzte, die ein jüdisches Mitglied als Parteiführer wählte, dennoch gab es nie einen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Labour-Party. Im Gegenteil, der jüdische Anteil unter den Wählern war immer sehr hoch, und es gab eine enge Zusammenarbeit zwischen Jüdischen Organisationen und der Partei. Das alles änderte sich mit der Übernahme der Parteiführung durch Corbyn.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Labour-Party kritisierten letzte Woche ‚The Board of Deputies of British Jews‘ und ‚Jewish Leadership Councel‘ (die zwei wichtigsten Organisationen der jüdischen Gemeinden in U.K.) in einem öffentlichen Brief die Labour-Party und die Partei-Führung mit dem Statement: ‚enough is enough‘!

Das kalkulierte Risiko, durch anti-jüdische Reden und die Duldung von Antisemitismus in der Partei eventuell mehr Stimmen aus der islamischen Minderheit zu bekommen, dreht sich in eine PR-Katastrophe für die Partei, aus der sie derzeit keinen Ausweg findet. Die Schwächen der Konservativen, das Chaos rund um Brexit wären der ideale Ausgangspunkt für Labour, um einen Regierungswechsel durch Neuwahlen zu erzwingen. Doch die Labour-Party sieht sich plötzlich in einem Abwehrkampf gegen Vorwürfe des Rassismus und Antisemitismus, getragen nicht von der politischen Konkurrenz, sondern mehrheitlich von eigenen Vertretern und Medien, die sie üblicherweise unterstützen, doch ihr Verhalten nicht mehr akzeptieren.

Wie der Zauberlehrling steht die Parteiführung vor dem Scherbenhaufen der eigenen rassistischen Politik und jammert möglicherweise:

Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.

 

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