Antisemitismus Österreich

Mein Stein der Erinnerung

Meine Rede für den Stolperstein für Ernestine und Agnes Sichrovsky, Praterstraße 41, 1020 Wien

Mein Vater Harry Sichrovsky wurde 1921 in Wien geboren. Seine Eltern, meine Großeltern, Max und Ernestine kamen ebenfalls aus Wien. Die Familie hatte vier Kinder. Hans, der Älteste, wurde 1911 geboren, Grete 1916, mein Vater Harry 1921 und Agnes, die Jüngste, 1924. Meine Großmutter Ernestine hieß mit dem Mädchennamen Strauchbaum. Wie die Sichrovskys eine Wiener Familie, die seit Generationen in Österreich lebte.

Mein Großvater Max, dessen Grab ich durch Zufall erst vor ein paar Jahren in einem verwilderten Teil des Zentralfriedhofs entdeckt hatte, starb 1939. Er war das schwarze Schaf der Familie, in der seit Generationen jeder männliche Nachkomme bei der Eisenbahn arbeitete, nachdem der Ur-Ahn Heinrich Ritter von Sichrovsky einer der Gründer der Österreichischen Eisenbahn war. 

Max liebte Musik und verdiente in jungen Jahren sein Geld als Musik-Clown, bereiste die Welt und trat in den verschiedensten Varietees und Zirkussen auf. Als er Ernestine Strauchbaum 1910 heiratete, gründete er eine Künstleragentur und brachte Musikkapellen aus der ganzen Welt nach Wien.

Die Familie wohnte in einer doppelten Wohnung in der Praterstraße 41, wo Max auch sein Büro hatte. Mein Vater beschrieb den Alltag zu Hause als eine Art Heim-Zirkus, weil immer wieder Musiker kamen, die bei seinem Vater vorspielten. Die Nächte verbrachte mein Großvater Max in Lokalen, wo seine Kapellen auftraten, kam erst am frühen Morgen nach Hause, und niemand durfte ihn bis drei Uhr Nachmittag stören. 

Grete, die einen Franzosen heiratete, lebte nach dem Krieg in Bordeaux, wo ich sie 1999 kurz bevor sie starb, besuchte. Sie erzählte, dass sie schon im Alter von sechzehn Jahren mehrmals die Woche früh am Morgen, lange bevor die Schule begann, im Auftrag ihres Vaters verschiedene Nachtlokale aufsuchte, um von den Musikern, bevor diese mit der Bezahlung für die Nacht verschwanden, die Prozente einzukassieren. 

Hans, der Älteste, schloss sich früh den Kommunisten an und kämpfte in Spanien auf Seite der »Internationalen Brigade«. Er kam nach dem Krieg in Spanien nicht mehr nach Wien zurück und überlebte in England.

Mein Vater Harry verließ Österreich kurz nach dem Einmarsch der Deutschen Armee. Er war 18 Jahre alt und erzählte seinen Eltern nicht, dass er vorhabe zu fliehen. Mit zwei Freunden fuhr er mit dem Zug in Richtung Belgien, wo er an der Grenze verhaftet wurde. Mitten in der Nacht kam ein Deutscher Offizier in die Zelle und befahl ihnen mitzukommen. Er fuhr die drei mit seinem Auto in den Wald im Grenzgebiet zu Belgien und ließ sie laufen. Wenige Wochen später erreichte Harry England, wo er sich als Freiwilliger zur Armee meldete. Grete konnte sich als Sängerin einer Musikgruppe aus Wien schmuggeln, die Max engagiert hatte. Sie rettete sich nach Nord-Afrika, wo sie während des Krieges blieb.

Nach dem Tod meines Großvaters Max lebten nur mehr meine Großmutter Ernestine mit der jüngsten Tochter Agnes in der Praterstraße 41. Nach dem Terror der Kristallnacht mussten sie die Wohnung verlassen und entgingen nur knapp der Verhaftung. Sie versteckten sich im Keller und wurden von einigen Bewohnern des Hauses versorgt, bis sie der Hausmeister entdeckte und die Polizei verständigte. 

Am 21. August 1942 wurden Ernestine und ihre Tochter Agnes in Maly Trostinec ermordet. Ernestine war 62 Jahre, Agnes 18 Jahre alt. 

Mein Vater kehrte 1945 als britischer Soldat zurück nach Wien. Er bekam die Wohnung in der Praterstraße nicht zurück, auch die Einrichtung nicht, keine Möbel, keine Wertsachen, keine Erinnerungen, nichts. Das Grab seines Vaters konnte er nicht finden, und für seine Mutter und Schwester existierten keine Gräber. Die Steinlegung der Erinnerung vor dem Haus in der Praterstraße, in dem er aufwuchs, kann er leider nicht mehr erleben.  

Für seine Kinder, Enkelkinder, die nächsten Generationen, aber auch Menschen, die jetzt dort wohnen oder nur zufällig vorbeigehen, ist es nicht nur ein Ort der Erinnerung an Verrat, Vertreibung und Mord, sondern auch einer, der an Geschichten und Erlebnisse unserer Familie erinnert.

 

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