Feuilleton

Mein Onkel, der Kommunist

Foto: Checkpoint Charlie, Anders Adermark, CC-BY-NC-ND 2.0

Besuche in der DDR

Anfang der 80-iger Jahre lebte ich in West-Berlin und genoss die Isolation dieser Stadt, eingekreist vom ›Antifaschistischen Schutzwall‹, der zwar die DDR vom bösen Westen schützten sollte, aber den West-Teil der Stadt aufblühen ließ, mit neuen Cafés, einer kulturellen Dichte mit interessanten Theatern und Orchestern und einer Stimmung, die es sonst nirgendwo in Deutschland gab. In den Kaffeehäusern konnte man selbst untertags kaum einen Platz finden, niemand schien hier zu arbeiten und die wichtigsten Gespräche drehten sich um die verschiedenen Förderungen, die speziell den West-Berlinern angeboten wurden, und wo und wann sie eingereicht werden konnten.

Der Bruder meines Vaters lebte damals in Ost-Berlin. Er schloss sich schon in seiner Jugend den Kommunisten an, kämpfte als Freiwilliger im Spanien-Krieg an der Seite der ›Internationalen Brigade‹, überlebte später die Zeit des Nationalsozialismus in England und kam 1945 zurück nach Wien und verließ die Stadt wieder in Richtung DDR nach dem Abzug der Russen aus Österreich. Der Onkel rettete meinem Vater das Leben, überredete ihn, aus Wien zu flüchten und die Eltern, die Wien nicht verlassen wollten, zurück zu lassen.

Während der ersten Monate in West-Berlin kannte ich seine Adresse nicht und auch keine Telefonnummer. Mein Vater reagierte eher zurückhaltend auf meine Fragen, ob er die Anschrift wüsste, und meinte immer wieder, dass sein Bruder sehr zurückgezogen lebe und sicherlich kein Interesse an Besuchen hätte, vor allem nicht aus West-Berlin.

Doch ich wollte nicht aufgeben, hatte den Onkel seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und interessierte mich, je älter ich wurde, mehr und mehr für unsere Familiengeschichte. Am Hauptpostamt in West-Berlin gab es ein Adressenbuch über den Ostteil, und zu meinem Erstaunen fand ich die Anschrift des Onkels. Ich kaufte einen Stadtplan und fand die Adresse. Das Haus mit seiner Wohnung lag allerdings etwa einhundert Meter außerhalb der für Westbesucher erlaubten Stadtgrenze, die mit einem Tagesvisum nicht überschritten werden durfte. Für die Stadtteile außerhalb benötigte man ein DDR Visum.

Eines Morgens machte ich mich auf den Weg. Kaufte an der Grenze mit der entsprechenden Gebühr in West-Mark das Tagesvisum, und nach mehrmaligem Umsteigen von S-Bahn auf Straßenbahn und Bus stieg ich in seinem Wohnhaus in den dritten Stock und stand vor einer Wohnungstür mit dem Türschild: Sichrovsky. Ich zögerte anzuläuten, erinnerte mich an die Worte meines Vaters, er hätte kein Interesse an Besuchen, und es könnte für ihn unangenehm werden, wenn sie aus West-Berlin kämen. Doch dann dachte ich, was soll’s, vielleicht schickt er mich einfach weg, versuchen müsste ich es, wenn ich schon hier stehen würde, und klopfte an die Tür. Die Klingel funktionierte nicht. 

Der Onkel öffnete, starrte mich erstaunt an, erkannte mich sofort und fragte: »Von wo kommst du?«

»Aus West-Berlin«, antwortete ich.

»Hast du ein Visum?« War seine zweite Frage.

»Nur eines für Ost-Berlin.«

»Bist du verrückt, du bist bereits in der DDR. Warte hier!« Sagte er mit weit aufgerissenen Augen, ging zurück in die Wohnung, schloss die Tür und und ließ mich im Gang zurück.

Nach ein paar Minuten kam er wieder heraus. Der Onkel war zehn Jahre älter als mein Vater und sah sehr sportlich aus mit seinen kurzen, grauen Haaren. Mit der Kappe aus Leder, die er sich aufsetzte, und dem langen Mantel glich er den Revolutionären auf den Bildern der Russischen Oktoberrevolution, die rings um Lenin standen.

»Komm, wir gehen eine Straße weiter in ein Café, das im Stadtteil liegt, wo dein Visum gültig ist«, sagte er und ging vor mir die Stiegen hinunter auf die Straße, blickte nach links und rechts als ob er prüfen würde, ob mir niemand gefolgt sei und beeilte sich, die nächste Kreuzung zu erreichen. Ich lief mehr hinter ihm als neben ihm. 

Er betrat vor mir eine ›Bäckerei und Konditorei‹ und suchte einen Tisch weit hinten in einem Eck, wo uns keiner stören oder hören konnte. 

»Was willst du trinken?« Fragte er und sagte, ohne auf meine Antwort zu warten, er nehme hier immer eine Tasse Kaffee mit Milch und einen Apfelkuchen, er würde für mich das gleiche bestellen. Ich nickte nur.

Dann beruhigte er sich langsam, nahm sogar Kappe und Mantel ab und sah mich genauer an, schwieg eine Weile bis Kaffee und Kuchen kamen und begann, mir Fragen zu stellen. Wo ich leben, was ich arbeiten würde, ob ich Familie hätte, fragte nach meinen Eltern, sprach jedoch nicht über sich selbst und erwähnte nur seine Arbeit als Sportlehrer in einer Schule. Nach jedem Satz eine Pause, er atmete tief und langsam, es klang wie das Keuchen eines erschöpften Sportlers, aß den Kuchen mit einer kleinen Gabel in winzigen Stücken und schien immer wieder in Gedanken zu versinken, ohne sie mir gegenüber anzusprechen.

Er wich meinen Fragen aus und versicherte immer wieder, dass es ihm hier gut gehen würde, sprach nicht von seiner Familie und all den anderen Unwichtigkeiten, die ein Leben ausmachen. 

Das Gespräch schleppte sich dahin, wir hatten einander so lange nicht gesehen und doch nichts zu sagen. Es gelang mir nicht, die Mauer zu durchbrechen, hinter der er sich versteckte, und jede meiner persönlichen Fragen versickerte im Nirgendwo. Die Pausen wurden länger, und ich wollte eigentlich nur mehr zurück in den verrückten Westen, als er mich plötzlich ansah, die Gabel weglegte und sagte: »Weißt du, das Leben hier ist nicht einfach, wir haben größere Probleme.«

Auch ich hörte auf zu essen und blickte erstaunt auf seine Augen hinter den runden, dunkelbraunen Rändern der Brille und dachte mir, na bitte, es hat zwar eine Weile gedauert, aber jetzt scheint der Onkel doch persönlich zu werden.

»Oije, das tut mir leid, ich hoffe, es ist nichts ernstes«, sagte ich.

»Wir haben keine Bodenschätze«, sagte er laut und deutlich, sah mich ernst an, und seine Stimme hatte einen anderen Ton als zuvor.

»Wie meinst du das?« Fragte ich ihn etwas verwirrt und irritiert und dachte, verdammt noch einmal, was sollte diese Antwort bedeuten?

»Wie soll die DDR eine erfolgreiche Wirtschaft ohne eigene Bodenschätze aufbauen. Alles muss importiert werden!« Wieder sprach er in diesem veränderten Tonfall als würde plötzlich eine andere Person vor mir sitzen.

Er überraschte mich, und ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. War es vielleicht ein Scherz, eine zynische Bemerkung, ein Wortspiel mit einer vorsichtigen Kritik am DDR-Regime? Hatte er sogar Angst, wir würden hier abgehört? Er konnte das doch nicht ernst gemeint haben.

So fragte ich ihn: »Meinst du das wirklich, oder ist das der Rest vom jüdischen Humor, den du aus Wien mitgenommen hast?«

Der Onkel senkte den Kopf und lachte zum ersten Mal, sah auf die letzten Krümel des Kuchens, versuchte, sie mit der Gabel auf den flachen Teller drückend zu sammeln, ein Brösel nach dem anderen, doch sie waren zu trocken und fielen immer wieder zurück auf den Teller. Dann gab er es auf, legte die Gabel weg und sagte, ohne mich anzusehen: »Ich habe ihn in Wien gelassen, vielleicht dort vergessen, diesen Humor. Hier werden zwar jüdische Witze erzählt, aber die Menschen lachen immer, wenn es nichts zu lachen gibt.« Er klang plötzlich traurig und sprach leise. 

Dann sah er mich an und sagte wieder mit der festen Stimme der fehlenden Bodenschätze:

»Jetzt hör mir gut zu. Ich gebe dir meine Telefonnummer, du rufst mich das nächste Mal an, wenn du kommst und sagst einfach den Tag und die Zeit, doch erwähne nie, wo wir uns treffen. Komm immer in dieses Café. Bleib noch zehn Minuten sitzen, ich gehe jetzt, dann kannst du das Café verlassen.«

Er stand auf und ging. Ich traf ihn tatsächlich öfters während der Jahre, die ich in Berlin lebte, lernte jedoch nie seine Frau, Kinder oder Freunde kennen. Dafür wusste ich bald genau, aus welchen Ländern die DDR die fehlenden Bodenschätze importieren musste.

 

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