Feuilleton

Mein Gangplatz

Der Atheist und der Rabbiner

»Darf ich Sie etwas fragen?«

Jemand tippte mit den Fingerspitzen auf meine Schulter. Ich saß nach vorn gebeugt im Gangsitz einer British Airways Maschine von New York nach London mit Kopfhörern in meine Ohren gedrückt, sodass jedes Wort und jeder Lärm der Passagiere, die sich ins Flugzeug drängten und nervös ihren Platz suchten, von Brahms Zweiter Symphonie übertönt wurde. Vor ein paar Minuten spielte das Londoner Symphonie Orchester noch den ersten Satz der Symphonie, dann schlief ich ein und versäumte den zweiten Satz, diesen langsamen, romantischen Teil der Musik, den ich so liebe.

Ich blickte auf und sah in ein rundes bärtiges Gesicht mit einem schwarzen Hut, langen Peyes an den Ohren herunterhängend und einer Brille mit viel zu großen Gläsern.

»Darf ich Sie etwas fragen?« Sagte er noch einmal auf englisch mit dem typisch jiddischen Akzent, wo jedes Wort nicht nur falsch ausgesprochen war, sondern er in einem eigentümlichen Sing-Sang den Satz mit einem hohen Ton begann und mit einem tiefen beendete, obwohl es eine Frage war. Er sah aus und sprach wie Tevye, der Milchmann aus »Fiddler on the Roof«, und da ich ihn anstarrte ohne ihm zu antworten, sagte er noch einmal, genau so ruhig und singend wie zuvor und alles falsch betonend:

»Darf ich Sie etwas fragen?«

Endlich antwortete ich und bat ihn, mir die Frage zu stellen.

»Würden Sie mir den Eckplatz geben? Ich muss immer wieder aufstehen und beten und es ist doch so viel einfacher am Gang und ich würde Sie dann auch nicht stören.« Er lächelte und fuhr sich mit den Fingern durch den grauen Bart, legte den Kopf leicht zur Seite und sah mich an mit dem Gesichtsausdruck eines gütigen Rabbiners, dem man doch keinen Wunsch abschlagen könnte.

Jetzt betrachtete ich ihn genauer, seine Kleidung, seinen Hut, die Zizit, die unter dem Hemd über die Hose hingen, der weiße, leicht verwaschene Kragen, und ich dachte mir, nein, mit mir nicht, ich bin nicht der Richtige, der auf deinen Religionstrick hereinfällt und fragte ihn:

»Ich habe diesen Platz vor Wochen gebucht. Wenn Ihnen ein Gangplatz so wichtig ist, warum haben sie sich nicht rechtzeitig darum gekümmert?«

Er seufzte und murmelte plötzlich etwas auf Jiddisch, wobei ich genug verstand, um zu erkennen, dass er sich ärgerte und seine Mimik veränderte sich vom gütigen Rabbiner zu einem völlig normalen, ungeduldigen Passagier. Doch ich nahm mir vor, nicht nachzugeben. Die Vorstellung, die nächsten acht Stunden in der Mitte zu sitzen, verdrängte mein schlechtes Gewissen. Ich stand auf, machte Platz, sodass er an meinem Sitz vorbeikam, und wir beide setzten uns. Er in der Mitte und ich am Gang.

Schon vor dem Start betete er laut, wiegte sich nach vor und zurück, stand mehrere Male auf, bis die Stewardess kam und ihn höflich bat, sitzen zu bleiben. Er begann, mir auf die Nerven zu gehen. Endlich, kurze Zeit später waren in der Luft, der Start wahrscheinlich Dank seiner Worte geglückt und unkompliziert.

Kurz nachdem das Anschnallzeichen erloschen war, wollte er auf die Toilette. Ich stand wieder auf, machte ihm Platz, er entschuldigte sich mehrere Male und drängte sich an den Wartenden vor der Toilette vorbei immer wieder laut ausrufend, es sei ein Notfall, sagte zu jedem Einzelnen, dass es ihm leid tue, er müsse allerdings nach vor und könne nicht so lange warten. Und sie wichen zur Seite. 

Zurück in seinem Sitz fragte er mich, ob ich nach London wolle. Ich nickte, hatte jedoch keine Lust, mich zu unterhalten und stopfte mir wieder die Kopfhörer in die Ohren. Doch das störte ihn nicht, und er begann, lauter zu sprechen, fragte mich, wo ich herkäme und was ich in New York getan hätte.

Ich war ihm einfach nicht gewachsen und beschloss, meinen Widerstand aufzugeben, nahm die Kopfhörer aus den Ohren und sagte ihm, dass mein Enkel am Wochenende seine Bar Mitzvah gefeiert hatte.

»Mazel Tov!« Sagte er so laut und begeistert, dass der Passagier neben ihm am Fensterplatz aufschreckte. Auch er hatte geschlafen.

Als ich ihm erzählte, dass ich aus Wien käme, sprach er auf Deutsch mit mir, mit ein paar jiddischen Worten dazwischen.

»Na, und wo gehst du Bensch’n?« Fragte er mich, was so viel bedeutete wie, wo ich beten würde.

»Ich bete nicht«, sagte ich.

»Nicht einmal zu Shabbes?« Sagte er und riss die Augen auf, die immer größer wurden hinter seinen riesigen Brillen.

»Shabbes ist mir egal, das macht für mich keinen Unterschied«, antworte ich ihm und begann nun plötzlich die Situation zu genießen, ihn zu erschrecken und ihn mit meiner Gleichgültigkeit gegenüber der Religion zu irritieren. Doch er blieb ruhig und fragte weiter.

»Was ist mit Pessach? Machst du einen Seder?«

Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Nein, auch nicht.«

»Wenigstens Purim, dann betrinkt man sich einfach und ist eine ganze Nacht einfach nur ausgelassen und verrückt!«

»Hab‘ ich noch nie gefeiert‘, antworte ich ihm und fuhr fort: »Ich konnte nicht einmal den Segensspruch lesen bei der Bar Mitzvah meines Enkels. Der Rabbiner sprach mir die einzelnen Worte vor und zeigte auf ein Blatt Papier, wo es in Lautschrift geschrieben stand.« 

Er schüttelte den Kopf und seufzte wieder.

»Und Yom Kippur?« Fragte er.

»Da mach‘ ich eine Ausnahme. Ich geh am Abend vorher. Nur wegen der Musik. Das Kol Nidre gehört zu meinen Lieblingsstücken. Aber Fasten tu ich auch nicht«, sagte ich ihm und wusste, dass es ihn schmerzen würde.

Wieder schüttelte den Kopf langsam, und ein paar Laute kamen aus seinem Mund, die für mich keine Bedeutung hatten. Dann schwieg er. Nahm sein kleines Buch mit den hebräischen Buchstaben und blätterte herum, las ein paar Seiten und ich war mir sicher, dass er nun, betroffen von meinen Antworten, nicht mehr mit mir sprechen würde. 

Plötzlich klappte er das Buch zu, schob seine Brille zurück, die ihm bis zur Nasenspitze gerutscht war und sagte:

»Jetzt hör mir einmal zu. Du fliegst um die halbe Welt wegen einer Bar Mitzvah, blamierst dich dort vor der ganzen Gemeinde mit einem Segensspruch, den du nicht lesen kannst und gehst jedes Jahr in den Tempel zu Yom Kippur um angeblich nur Musik zu hören. Das sind eine Menge Punkte! Ganz viele Punkte sogar! Wenn man bedenkt, woher du kommst, nimmst du die Religion ernster als viele, die jeden Shabbat brav beten!«

Ich sah ihn an und wusste nicht, was ich sagen sollte. Wir schwiegen ein paar Minuten. Dann stand ich auf und sagte:

»Kommen Sie, tauschen wir Platz.«

Er sprang sofort auf, ließ mich in die Mitte der Reihe und setzte sich in den Gangplatz. Irgendwie hatte ich später das Gefühl, als ich mich gegen die Ellbogen meiner beiden Nachbarn versuchte zu wehren, dass letzten Endes ausgerechnet ein Rabbiner mich Atheisten mit der Religion hereingelegt hatte.

 

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