Feuilleton Österreich

Israelische Politikberater

Politikberater – warum ausgerechnet solche aus Israel?

„Wir Juden wissen nie, was der heutige Tag, was der morgige bringen wird. Daher haben wir stets gepackte Koffer griffbereit“. Wovon hängt es in der jüdischen Schicksalsgemeinschaft ab, ob sich die gepackten Koffer gemeinsam mit ihren Besitzern auf die Reise hin zu einem neuen, einem sicheren Ort begeben? Von Analysen und Beratungen hinsichtlich der zu erwartenden politischen Entwicklungen. Fragen der Sicherheit entscheiden über das „Bleiben oder Gehen“ von Juden – seit Tausenden von Jahren.

Positive Emotionen – brandgefährlich

Deutschland 1933, Hitlers Machtergreifung. Das antisemitische Programm von „Mein Kampf“ war bekannt, der Antisemitismus seit dem 19. Jahrhundert gesellschaftsprägend. Der judenfreundliche Franz Joseph I. akzeptierte im Reichstag der k. & k. Monarchie die „Antisemitenpartei“, die offiziell so hieß und entsprechend agierte.

„Wir Juden haben im Weltkrieg für das Deutschtum geblutet. Wir haben bewiesen, dass wir gute Deutsche sind! Das Land Goethes, Schillers, Beethovens begeht kein Verbrechen. Wir sind hier sicher!“ Wem die Flucht nicht gelang, der endete im Vernichtungslager – trotz des Bekenntnisses zum Deutschtum, trotz hoher Kriegsauszeichnungen… falsch analysiert, falsch beraten, falsch entschieden. Die verheerenden Folgen dieser Fehleinschätzungen prägen das jüdische Sicherheitsbewusstsein bis heute. „Wenn wir Juden uns Emotionen erlauben, müssen wir dies meist bitter büßen“ – ein trauriges, weil zutreffendes Resümee.

Überleben seit Jahrtausenden – Analysieren, Einschätzen, Beraten

Das Analysieren, Einschätzen und Beraten ist seit Beginn der jüdischen Geschichte, seit dem biblischen Auszug aus Ägypten, ein unverzichtbarer Teil der Überlebensstrategie der jüdischen Schicksalsgemeinschaft. Ein neuer Gott versprach, die Juden aus der ägyptischen Knechtschaft zu führen und verlangte dafür absoluten Gehorsam. Der Pharao hatte begonnen, sich vor den zahlreichen Ethnien, die das altägyptische Wirtschaftswunder in das Land gelockt hatte, zu ängstigen, Unterdrückung drohte. Jüdisches Analysieren, Einschätzen, Beraten: Im Land bleiben, sich mit dem Pharao arrangieren? Relative Sicherheit, Gewohntes aufgeben zugunsten eines Aufbruchs ins Ungewisse? Und ein neuer Gott, den noch niemand gesehen hatte?

Bald nach dem Aufbruch in Richtung des vom unsichtbaren Gott versprochenen gelobten Landes: lautstarke Forderungen nach Rückkehr zu den „Fleischtöpfen Ägyptens“. Am vom verärgerten Gott strafweise auf 40 Jahre ausgedehnten, entbehrungsreichen Marsch durch die Wüste gewalttätige innere Zerwürfnisse und Auseinandersetzungen mit Fremden, letale göttliche Strafexpeditionen gegen Rebellen in den eigenen Reihen, zerbrochene Gesetzestafeln, Hunger und Durst, gar ein goldenes Kalb als Alternative zum eifersüchtigen, strafenden und unsichtbaren Gott.

Analyse um Analyse, Beratung auf Beratung, Einschätzungen sonder Zahl – das CEO-Traumduo der Weltgeschichte, der geniale, aber stotternde Denker und Stratege Moses und sein Bruder Aron, der den Mitteilungen von Moses als hinreißender Kommunikator die Akzeptanz des Volkes verschaffte – sie waren gleichermaßen Analysten und Berater, leisteten Überzeugungsarbeit und trafen politische Entscheidungen!

Die jüdische Religion – Analysieren, Einschätzen, Beraten

Analysieren, Einschätzen, Beraten – dies ist der Kern nicht nur der jüdischen Geschichte, die eine Erzählung des Überlebens in einer meist feindlich gesinnten Umgebung ist, sondern auch der jüdischen Religion. Ist die Interpretation heiliger Texte in Christentum und Islam das Vorrecht von Theologen, so fordert das Judentum jede einzelne Person dazu auf, die heiligen Schriften zu lesen, diese zu analysieren (!), sie in Bezug auf die eigene Lebenssituation einzuschätzen (!) und sie gemeinsam mit anderen, insbesondere mit Andersdenkenden (!) zu diskutieren. Diese Art der individuellen Beschäftigung mit heiligen Texten ist im Judentum ein „Dauer-Auftrag“ – lebenslanges Lernen für Alle! Eine berühmte Aufnahme des Fotografen Roman Vishiniac, der das jüdische Leben in Osteuropa vor dem Holocaust dokumentiert hat, zeigt jüdische Waldarbeiter, die Holzwerkzeuge und die Bibel tragen. Lesende Holzknechte – Analphabetismus ist im Judentum so gut wie unbekannt.

Traditionelle jüdische Mehrberufigkeit

Die Professionalität israelischer Politikberater war bis zur Jahresmitte 2017 weitgehend unumstritten. Der Slogan zur Nationalratswahl 2006 „Hier fliegt Ihre Pensionserhöhung“ – eine Anspielung auf die teuren Eurofighter – ist gar zum Klassiker geworden. Im Ausland in strafrechtlichen Verdacht, und damit in Österreich in die Kritik, ist Chefberater Tal Silberstein durch ein „Business“ abseits der Beratung geraten.

Im Judentum haben Zweit-, Dritt- und Viertberufe Tradition, denn anders als durch zeitgleiche Aktivitäten im mehreren Wirtschaftsbereichen waren die erdrückenden Folgen der unzähligen Berufsverbote – Handwerkszünfte, Militär, Landwirtschaft, Staatsdienst – nicht zu kompensieren – und das seit mehr als 2000 Jahren. Zwangsläufig handelte es sich oft um hochriskante Nischengeschäfte – wie denn auch anders, denn die sicheren und lukrativen Erwerbszweige waren über Jahrtausende hinweg Nichtjuden vorbehalten.

Die im Judentum übliche Mehrberufigkeit – sie entwickelt sich übrigens derzeit zu einem zentralen Kennzeichen der „Wirtschaft 4.0“ – hat aber auch spirituelle Wurzeln. „Geistige Arbeit ohne zeitgleiches Handwerk ist sinnlos“ lautet eine alte rabbinische Weisheit. Die bekanntesten Juden der Weltgeschichte, Jesus und seine Jünger, waren sowohl Schriftgelehrte als auch Zeltmacher, Fischer, Maurer. Hier geht es nicht nur um ökonomisch nützliche „Kompetenzvielfalt“, sondern um die Vertrautheit mit unterschiedlichen beruflichen und sozialen Lebenswelten, eine Vertrautheit, die gesellschaftlichen Zusammenhalt schafft und die der jüdischen Schicksalsgemeinschaft das Überleben gesichert hat – soziale Kompetenzen, die die Zukunft von uns allen dringend benötigt!

Ezzes – Politkberatung seit dem Mittelalter

„Ezzes geben“ – dieses Wort ist eines jener hebräischen Begriffe, auf die man in der Umgangssprache am öftesten stößt! „Ratschläge geben“ – wären diese auf Analyse, Einschätzung und reflektierter (!) Eigenerfahrung beruhenden Hinweise jüdischer Freunde und Nachbarn nicht stets wertgeschätzt worden, hätte sich der Begriff „ezzes“ wohl kaum im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert. Der jüdische Philosoph Moses Maimonides war im 12. Jahrhundert Leibarzt und erster Berater des Sultans von Kairo. Das Kultur- und Wirtschaftswunder im arabisch-islamisch beherrschten Spanien des Spätmittelalters wurde entscheidend von Juden geprägt, die als Berater in hohe politische Positionen berufen worden waren. Der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn war ein bedeutender Architekt der Aufklärung, welcher der jüdischstämmige Berater Maria Theresias, Joseph von Sonnenfels, in der k.k. Monarchie zu Wirksamkeit verhalf – Abschaffung von Folter und Todesstrafe, moderne Produktionsformen, das Bewusstsein für die Bedeutung der Qualität von Sprache für gelingende Kommunikation (!). Sein Hauptwerk, „Über den Geschäftsstil“ (1784), war bahnbrechend. Der jüdische Hauptautor der österreichischen Bundesverfassung, Hans Kelsen, war Berater sowohl der letzten beiden Monarchen, als auch der gestaltenden politischen Akteure der „Republik Deutschösterreich“ und der Republik Österreich. Die Liste der jüdischen „Ezzesgeber“ ist nicht enden wollend.

24% aller Nobelpreisträger sind jüdischer Abstammung – bei 0,4% der Weltbevölkerung. Israel ist Weltmeister bei der pro Kopf Quote von Patenten. Ohne jüdische Wissenschaftler wie Paul Ehrlich, Friedrich Löffler und Ignaz Semmelweis würde es uns alle nicht geben, denn unsere Vorfahren wären an Infektionskrankheiten verstorben, noch ehe sie das zeugungsfähige Alter erreicht hätten. In der Medizin und anderswo – analysieren, Erfahrungen reflektieren, einschätzen, gemeinsam beraten, planmäßig handeln – dies bringt Erfolg, wo immer auch dieses Prinzip eine durchdachte Anwendung findet. So ist auch vor 2.600 Jahren im Babylonischen Exil im Interesse der Wahrung der Identität ein Schulsystem entstanden, das rein gar nichts falsch macht und das bis heute erfolgreich ist!

Jüdische Geheimniskrämerei? Gibt es nicht! Das Judentum hat in Österreich eine mehr als tausendjährige Geschichte. Alle jüdischen Schriften zu allen historischen und aktuellen Themen findet man in öffentlichen Bibliotheken und digitalisiert im Internet. Man muss dieses Wissen nur anwenden. Ein wichtiger „Kollateralnutzen“: Der Antisemitismus demaskiert sich als das, was er ist – als schwere Dummheit! Und Berater, die „aus dem Ruder laufen“, hat es immer wieder gegeben.

 

3 Comments

  • ich wusste gar nicht, dass der mossad eine alte jüdische tradition ist – darum geht es doch und nicht zb um jüdische salons…

    • Ja, so betrachtet hat der Mossad seine Fundierung (auch) in der Jahrtausende langen existentiellen Bedrohung der jüdischen Schicksalsgemeinschaft. Über Geheimdienste verfügen so gut wie alle Länder – auch Österreich. Hier gibt es föderalismusbedingt sogar deren mehrere! Liebe Grüße, Smole

      • Unsere Dienste setzen Politiker in Israel unter Druck und verschaffen sich als „Berater“ Zugang? Warum wohl mauern alle von der IKG angefangen wenns um den Mossad geht?

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