Einfach zum Nachdenken Feuilleton

Unterwegs im Herbst

Spaziergänge

Kurpfalz

Gang am Ufer eines idyllischen Waldsees: Kleine Sandbuchten wechseln mit Ansammlungen hartholzigen Gebüschs, im Rücken ein sich verfärbender, herbstlicher Hochwald. Vor uns der tiefgründige See, dessen blaugraues Wasser vom Wind zu querlaufenden, kleinen Wellen angeregt wird. Wo sie links am anderen Seeufer ausgedehnten Viehweiden entgegenrollen, entsteht ein Bild wie an der Ostsee, an der Mündung der Schlei.

Rechterhand ducken sich einfache Ferienhäuser, manche fast Bungalows, ins ansteigende Ufer – dort ist der Gang an den See verwehrt, die Eigentümer genießen ungeteiltes Wegerecht, ungestörten Besitz. Doch in der Mitte des idyllischen Waldsees frisst sich ein riesiger Bagger mit allem Lärm, zu dem so ein eiserner Goliath imstande ist, unermüdlich durch den Kiesgrund und sorgt dafür, dass die schweren Lastwagen beladen werden, die beinahe im Minutentakt hinter den Ferienhäusern und -bungalows vorbeifahren.

Wissembourg

Ein Moment mittäglicher Herbstsonne im Câfé, draußen natürlich, um den heißen Grand Crême mit zwei, drei Zigaretten garnieren zu können. Im Umkreis jede Menge historisches Bauwerk: Gegenüber das „Maison de Sel“, rechts die ausladende elsässische Tabakscheune, Zeugnis ablegend von redlicheren Zeiten, als der Tabakgenuss noch nicht vor die Tür zwang, sondern gutes Recht war. Die pittoreske Szenerie wird von nur wenigen Touristen gestört, durch die eine ältere, offenbar gehbehinderte Einheimische auf ihrem Elektromobil jetzt umso gnadenloser hindurchlenkt; erst im letzten Moment, kurz bevor sie jemanden umfährt, mit aggressivem Piepston warnend. Auf unser lautes Lachen über die Dreistigkeit des Fahrstils hält sie kurz an und bedenkt uns mit einem vernichtenden Blick.

Wenige Minuten später, als sich die umliegenden Restaurants wie auf gemeinsamen Befehl hin leeren und Unmengen von Touristen auf die engen Straßen und Bürgersteige entlassen, erklären sich Fahrstil und Blick. Völlig auf sich selbst bezogen stehen überall vielköpfige Reisegruppen herum, lauschen träge ihren gestikulierenden Anführern – und versperren jedem, der hindurch will, den Weg. Das also ist der Alltag von Wissembourg: Wer sich durch die touristische Belagerung nicht elegant hindurchschlängeln kann, muss wie die alte Frau auf ihrem Elektromobil lernen, rabiat zu sein.

Nordpfalz

Freinsheim, im Vorbeifahren zufällig entdeckt. An diesem stürmischen, zudem regnerischen Herbsttag ist das spätmittelalterlich konservierte Örtchen fast menschenleer und lädt zur Besichtigung ein. Eine Kulisse wie aus Verfilmungen des Simplicius Simplicissimus: Jeden Moment meint man, eine Handvoll Schwedenreiter übers grobe Kopfsteinpflaster klappern zu sehen, in den unzähligen Weinschänken und Gaststätten rechnet man auf wüste Trinkgelage und derbe Mahlzeiten von Ochs am Spieß, von fetttriefenden Kapaunen. In Wahrheit erfährt dort vor allem der lang unterentwickelte nordpfälzische Wein die ihm zustehende Beachtung.

Und anders, als man es erwartet, erheben die Weinbauern nicht mal touristischen Aufschlag auf ihre inzwischen deutlich feinsinnigeren Weine. Sie stehen weiterhin in der Tradition familiärer Winzerei, schmucklosen Handwerks, und nutzen die Kulisse nur zur Ankurbelung des Umsatzes, der über Jahre und Jahrzehnte hinweg wenig mehr als den Lebensunterhalt einbrachte. Designte Weine, selbst auf dem Etikett, findet man hier kaum. Nicht mal von der Mode ökologischen Heilsversprechens scheint Freinsheim sich aus der Spur bringen zu lassen.

Grünstadt

Ein paar Kilometer weiter ein Städtchen, wie es sie häufig in Deutschland gibt. Ums Zentrum herum herrscht kleinteilige Privatsphäre vor, gekennzeichnet durch gedankenlose Architektur, durch das übliche Eigenheim-Gewese. In der Mitte die unvermeidliche Fußgängerzone mit Geschäften, die zuverlässig für weitgehende Gesichtslosigkeit sorgen. Umso erstaunlicher, dass man hier, in diesem Herrgottswinkel Deutschlands fernab moderner Bewusstseinskultur, fortwährend Menschen sieht, die seelisch seltsam unangestrengt wirken.

Es ist eine Art unversteckt-sorglosen Selbstseins, ein urpfälzisches Mit-sich-im-Reinen-sein, das auch die weniger Vermögenden, weniger Gutaussehenden, weniger vom zeitgeistigen Glück Heimgesuchten mit einer gelassenen, heiteren Grundgestimmtheit ausstattet. Es mag an der darin sich offenbarenden seelischen Gefügtheit liegen und nimmt noch mehr für das Städtchen ein, dass an der ehemaligen Grünstädter Synagoge eine gut sichtbare Tafel angebracht ist, die in ehrlichen, nachfühlbaren Worten das Schicksal der einstigen jüdischen Mitbürger anspricht, und dass der davor sich öffnende Platz offiziell Synagogenplatz heißt.

 

1 Kommentar

  • Danke für dieses sinnliche Erleben dieser Städte und Landschaften. Wie immer tief berührt wie Sie mit Worten Bilder malen, die ich nicht nur sehe sondern schmecke, rieche und fühle. Yasmin Decuire – San Francisco

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