Im Schlaglicht Österreich

Hass und Ekel

Screenshot aus dem Video von SPIEGEL und SZ

Ibiza im britischen Tennis-Klub

Natürlich geht es wieder um den Tennis-Klub in Guildford, jener Kleinstadt im Süden von London, wo ich mich jeden Mittwochvormittag mit den älteren Herren treffe und nach ein paar Sätzen Doppel die Weltlage bespreche. Üblicherweise geht hier um Brexit, wenn auch mehrere Male die Klubleitung ersuchte, dieses Thema nicht mehr zu erwähnen, doch es beschäftigt alle zu sehr, um es einfach zu ignorieren und über den Rasen im Garten des Nachbarn zu sprechen.

Diesmal interessierte sich niemand für Brexit, schon während der Spiele fragte mich der eine oder andere, was denn jetzt plötzlich in Österreich los sei, man habe da etwas Eigenartiges gelesen, ich müsse später bei Tee, Kaffee und Keksen erklären, was passiert sei.

Gut, dachte ich mir, je länger die Spiele dauern, desto später muss ich darüber sprechen. Aber irgendwann war es eben vorbei mit dem Hin und Her, und wir saßen im Klubhaus rund um die Keksbüchse.

»Jetzt erklär uns endlich, was da passiert ist«, fragte Tim, ein ehemaliger Deutschlehrer, mit dem ich oft auf Deutsch sprach. Die anderen nickten und sahen mich an, erwartungsvoll und sogar ein wenig aufgeregt, was ihrem Naturell völlig widersprach. Ich begann über das Video zu erzählen, beschrieb die Ereignisse, die Personen, ließ jedoch die Einzelheiten aus und erklärte, warum es zu einer Regierungskrise führen musste.

»Und das war die Nummer zwei der Regierung?« Fragte Iain, der während seines Arbeitsleben Leder aus Indien importierte.

»Ja, ich will es gar nicht beschönigen, er war jetzt die Nummer zwei«, antwortete ich.

»Wie kann das passieren, wie kann ein Politiker in so eine dumme Falle tappen?« Sagte Carlos, der ein italienisches Restaurant besitzt.

Ich zuckte mit den Achseln, was hätte ich sagen sollen, und schwieg. Doch das ließen die anderen nicht zu, sie drängten mich, mehr Einzelheiten zu berichten und so erklärte ich mit wenigen Worten, was die beiden Politiker gesagt hatten, was ich eben aus den Medien kannte. Es war dann ganz ruhig im gemütlichen Klubraum, keiner nahm seine Tasse zur Hand oder griff in die Keksdose. Alle saßen einfach nur da und starrten vor sich hin.

Bis einer, dessen Namen ich nicht kannte, die Stille unterbrach und sagte: »Wir haben sicherlich das totale Chaos mit Brexit, aber so etwas könnte glaube ich hier nicht passieren.«

»Ich hätte bis vor ein paar Tagen auch nicht geglaubt, dass so etwas passieren könnte«, sagte ich.

Und plötzlich, als wären sie aus einem kurzen Schlaf aufgewacht, sprachen sie alle durcheinander und stellten mir Fragen, oft zwei oder drei von ihnen gleichzeitig, sodass ich überhaupt nicht mehr reagieren konnte.

Wer waren die Auftraggeber? Wer hat das Video hergestellt? Wer hat es gekauft? Wieso wurde es erst jetzt veröffentlicht, wenn es zwei Jahre alt ist? Wieso haben die beiden Politiker keine Ausweise verlangt, nicht die Namen im Internet recherchiert? Warum haben sie es nicht der Parteileitung vorher berichtet, dass die einen Profi einsetzten, der die Lage vorher untersucht? Wie können sie überhaupt alleine an solchen Treffen teilnehmen? 

So ging das dahin, ohne dass ich auch nur eine Frage beantwortete, bis sich die Sache verselbständigte und die Tennis-Spieler mehr und mehr unter einander sprachen und nicht auf meine Antworten warteten. Bis einer mich wieder entdeckte, die Diskussion mit seinem Nachbar unterbrach und sagte:

»Wir reden und reden und haben ganz auf dich vergessen.«

»Ist mir ohnehin lieber, ich wüsste nicht, was ich dazu sagen sollte, es ist einfach beschämend«, antworte ich ihm.

Und plötzlich schlug die Stimmung wieder um. Nicht mehr Aufregung schwirrte durch den Raum, sondern Mitleid.

»Es tut mir leid, was passiert ist, für dich tut es mir leid«, sagte Iain. Und ein andere fügte hinzu, dass es schrecklich sein müsse, jetzt als Österreicher ständig darauf angesprochen zu werden. Ein Dritter sagte, ich sollte mir nicht zu viele Gedanken machen, alle würden mich hier kennen, und keiner würde einen Zusammenhang sehen zwischen mir und den Ereignissen.

Die Situation wurde langsam unangenehm. Jetzt tat ich ihnen auch noch leid. Sie hatten Mitleid mit mir, mit mir als Österreicher, der jetzt mühsam von den beiden Figuren auf Ibiza getrennt werden müsste, um nicht verglichen zu werden. Doch ich wollte ihre Unterstützung nicht, nicht ihre ruhigen, sanften Worte in einer Stimmlage, als würden sie mich im Krankenhaus besuchen. Ich war nicht auf Ibiza und würde nie und nimmer einen solchen Schwachsinn daherreden wie die beiden Politiker.

Wieder änderte sich die Stimmung und ich wurde wütend. Meine Zurückhaltung und Gleichgültigkeit gingen über in Unruhe, Nervosität und Ärger. Ich empfand Wut und einen abgrundtiefen Hass gegen die beiden, die sich derart blamiert hatten in dem Video, und auch mich hier in England in eine Ecke drängen, in der ich nicht sein wollte. Nicht nur zerstörten sie die historische Chance einer rechts-konservativen Regierungskoalition, sie bestätigten auch alle Vorurteile gegen rechte Parteien, diese seien unzuverlässig, regierungsunfähig und von der Persönlichkeit und Intelligenz her maximal auf Hauptschulniveau. Sie zertrampelten die Aufbauarbeit hunderter Funktionäre, die wochenlang herumliefen, um Wähler zu gewinnen, und blamierten auch eine ÖVP, die gegen allen Widerstand in- und außerhalb der Partei die Koalition wagte. Ihre Dummheit hat etwas Unberechenbares, Zerstörerisches und Gefährliches. 

»Ich hasse diese beiden, oder noch besser, mich ekelt vor ihnen«, sagte ich plötzlich laut, und alle starrten mich an, denn wann hatte einer im Tennis-Klub zuletzt die Worte Hass und Ekel in den Mund genommen.

»Damit ist eigentlich alles gesagt, und wir können wieder über Brexit sprechen«, sagte Iain, und die anderen lachten und stimmten begeistert zu, als hätte sie mein Wutausbruch tatsächlich erschreckt.

 

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