Österreich

Eine Rote im Luxus-Club

Photo: Marc Veraart, CC-BY-ND 2.0

Die Erregung der Spießer und Kleingeister

Ein Funktionär der ÖVP entdeckte die Vorsitzende der SPÖ, Pamela Rendi-Wagner, in einem Restaurant an der französischen Süd-Küste mit dem Namen »Le Club 55« und veröffentlichte es mit dem Hinweis, dass die Chefin einer Arbeiter-Partei sich in einem der teuersten »Luxus-Klubs« Frankreichs vergnüge. 

Dazu ein paar Tatsachen.

»Le Club 55« ist kein Klub, sondern ein Restaurant am Strand, in dem man bloßfüßig essen kann, weil ein paar Tische im Sand stehen, und auch einen Sonnenschirm und eine Liege mieten kann, wenn man vor dem Restaurant sich länger aufhalten möchte.

Auf TripAdvisor hat dieses angeblich teuerste und beste Restaurant der französischen Nobelküste, in dem sich vermeintlich nur VIPs und Millionäre vergnügen, 1426 Bewertungen. Davon sind 129 »katastrophal«, 122 ‚»schlecht« und 215 »mittelmäßig«. Ein Besucher, der dort am 11. August sein Mittagessen einnahm, schrieb: »Le Club 55 ist eine Touristen-Falle und das schlechteste Restaurant, das ich je in der Gegend von Saint Tropez besucht habe.« Ein anderer schrieb, dass die Tische so eng neben einander stehen würden, dass man die Gäste am Nachbartisch besser verstehen könne, als die eigenen Freunde, die einen begleiten.

Die Speisen sind nicht gerade billig, allerdings auch nicht viel teuer als in anderen Restaurants in der Gegend, die direkt am Strand liegen oder im Hafen von Saint Tropez. Die Speisekarte zeigt Vorspeisen zwischen 15 und 30 Euro, Hauptgerichte um die 40, und die Nachspeisen liegen bei 15 bis 20 Euro. Zu zweit gibt man für ein Mittagessen vielleicht 130 bis 200 Euro aus – könnte jedoch auch ein einfaches Tagesmenü mit einem Glas Bier bestellen und kommt dann wesentlich günstiger durch. Das so viel zum »Luxus-Club« für Oligarchen und Öl-Millionäre, die dort eher nicht zu finden sind, denn das Restaurant wird hauptsächlich von jenen besucht, die verzweifelt nach Oligarchen und Öl-Millionären suchen.

Nun zur politischen Aufregung, die das Land seit Tagen beschäftigt, und der Tatsache, dass eine Frau, aufgewachsen mit ihrer alleinstehenden Mutter in Favoriten, mit einem abgeschlossenen Medizinstudium und Masters-Degree einer angesehenen Britischen Universität, sich rechtfertigen sollte, warum sie in einem teuren Restaurant sitzt – und dort vielleicht nur einen Kaffee und ein Mineralwasser bestellt oder einen sauteuren Hummer verschlungen hat.

Kritiker entdeckten einen Widerspruch zwischen der Parteichefin einer Arbeiter-Partei und ihrem Besuch eines Nobel-Restaurants, das noch dazu zum exklusiven Klub erklärt wurde von einer Empör-Gesellschaft, die sich nicht einmal die Mühe macht, das Lokal im Internet zu recherchieren. Der Vorwurf und die Kritik konzentrieren sich in einer absurden Kombination von Vorurteilen, die es trotz der Widerlichkeit der Sprache der Kritiker wert ist, sich einen Moment lang damit zu beschäftigen.

Hier geht es um mehrere Dimensionen. Um Erwartungen an das Verhalten der Parteivorsitzenden, um die Vorstellungen, was ihre Wähler wollen und das reale ökonomische Niveau der SPÖ-Wähler. Alle drei Bereiche wurden durcheinandergemischt und ein Vorwurf draus geformt, so wie Kinder mit verschieden farbigem Plastilin spielen.

Gemäß den ideologischen Vorstellungen der Kritiker ist das Potential der SPÖ die von Armut und Verzweiflung gezeichnete Gruppe der Arbeiter mit der einfachen Logik: Arbeiter sind arm, also sollte die Vorsitzende der SPÖ sich bescheiden und einfach zeigen, wenn es um Urlaube, Restaurants und andere Luxus-Symbole geht.

Man muss sich die Absurdität dieser Argumentation in Teilabschnitten zuführen, sonst erstickt man daran. Einer der sogenannten »Berater« der SPÖ hat sich in seiner Aufregung über das Verhalten der SPÖ-Vorsitzenden derart in Rage geredet, dass man Angst haben musste, ob er die Sendung auch durchstehen würde. Die SPÖ-Vorsitzende habe sich verhalten, als hätte man ihr das »Kleinhirn« vorher herausgenommen, sagte er in einer TV-Sendung – eine Formulierung, die vermuten lässt, er habe er nie etwas besessen, das man eventuell entfernen hätte können.

Also noch einmal, erstens seien Arbeiter arm, das muss man als Voraussetzung akzeptieren, sonst fallen die darauffolgenden Schlüsse in sich zusammen wie ein mühsam aufgebautes Kartenhaus beim Windstoß eines geöffneten Fensters. Zweitens solle eine Parteivorsitzende einer Partei, die arme Arbeiter vertritt, so tun, also ob sie selbst arm sei und auf keinen Fall zeigen, dass sie sich leisten kann, was diese armen Arbeiter sich nie leisten werden können. Und Drittens, die Vorsitzende einer Partei, die die Armut in ihrem Wahlkampf anspricht und zum Thema macht, solle zumindest bis zum Wahltag Sympathie und Empathie zeigen, sich einfach und bescheiden geben, also keine Putzfrauen, keine teuren Uhren und keine Luxusrestaurants.

Das Spiegelbild dieser verlogenen Diskussion zeigt Kritiker, die mit ihrer aufgesetzten Aufregung mehr über sich selbst sagen, als mit ihrer Argumentation gegen die SPÖ-Chefin. In ihren Augen gibt es ein richtiges Verhalten gegenüber den verarmten Arbeitern und ein falsches, was einer doppelt verblödeten und falschen Logik folgt. Erstens gehören Proletarier nicht zu den Armen, denn wer arbeitet, bekommt heute in Österreich ein entsprechendes Gehalt und könnte sich jederzeit einen Kaffee oder ein Bier im Le Club 55 leisten. Vielleicht nicht jeden Tag, aber sicherlich einmal während des Urlaubs, um auf die Berühmtheiten zu warten, die dort kaum hinkommen.

Zweitens argumentieren die Kritiker aus der Position der »Nicht-Armen«, denn sie reden nicht von sich selbst, ob sie nun verunsichert wären bei der nächsten Stimmabgabe, sondern von denen, die angeblich enttäuscht seien von der Vorsitzenden. Sie wissen genau, wie man sich am besten gegenüber »Armen« verhalten sollte, um eine gewisse Glaubwürdigkeit zu erreichen. Sie nehmen sich das Recht aus ihrer offensichtlich privilegierten Situation heraus, über das Verhalten jener zu urteilen, die in anderen Verhältnissen als sie selbst leben. Sie geben Ratschläge, wie »Die-Da-Unten« in der sozialen Hierarchie, natürlich weit weg von ihnen selbst, am besten manipuliert werden können durch ein plakativ vorgeführtes Verhalten. Mit einer unglaublichen Präpotenz und Überheblichkeit wird damit nicht die Vorsitzende der Arbeiterpartei kritisiert, sondern werden ihre Wähler in eine Schublade gestopft, auf der »arm und dumm« steht.

Die Erregung über das Verhalten macht nur Sinn, wenn es in der Dimension »richtig« und »falsch« eingeordnet werden könnte. Demnach gäbe es das «richtige« Urlaubsfoto für die Vorsitzende, das dann die potentiellen Wähler zufrieden stellen würde, die eine gewisse Erwartungshaltung hätten. Nicht, dass man selbst so denken würde, man gehört ja schließlich nicht zu diesen einfach denkenden Verarmten, aber die wären eben so, und deshalb könne man denen ein Foto der Partei-Vorsitzenden in einem Luxusrestaurant nicht zumuten. Wer über Armut oder zu Armen spricht, müsse sich also gut überlegen, wie man neben den Worten auch ein Verhalten zeigen könne, das das Gesprochene überzeugend macht. 

Bei der Diskussion geht es also nicht um die persönliche Freiheit der gebildeten und erfolgreichen SPÖ-Vorsitzenden. Es geht um den Effekt ihres Verhaltens auf eine gewisse Wählerschicht, die man im Grunde genommen verachtet, mit Vorurteilen überlädt, sie mit der eigenen Erregung bloßstellt und als dumm verkauft. 

Nicht die SPÖ-Chefin hat sich falsch verhalten, sondern die Kritiker haben sich selbst demaskiert als die eigentlichen Kleinbürger, Spießer, Hinterwäldler und Kleingeister der Nation, mit einem gehörigen Ausmaß an Verachtung gegenüber der arbeitenden Bevölkerung.

 

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