Feuilleton

Ein Traum

Frühstück im Stammcafé

Sonntagmorgen in einem Café in Wien. Ein älterer Herr mit schütterem Haar und Dreitagebart, der schon den vierten Tag überstanden hat, zwängt sich in den Stuhl, schiebt ihn etwas vom Tisch weg. Ihm gegenüber sitzt eine schmale, schlanke Frau mit rötlich gefärbten Haaren, die am Hinterkopf zusammengebunden sind. Als der Ober die Bestellung aufnimmt, schaut er kurz auf den Kopf der Frau und sieht von oben herabschauend die kurzen grauen Haaransätze, die in die roten, länger werdenden Haare langsam übergehen.

Ober: Bitteschön.

Er: Ich nehm‘ das Übliche

Ober: Was ist das, tut mir leid, ich weiß nicht, was sie meinen.

Er: Jetzt komm ich seit dreißig Jahren fast jeden Sonntagmorgen hier her und bestell immer das gleiche!

Ober: Tut mir leid, ich bin neu hier.

Er: Das stimmt nicht, ich kann mich an sie erinnern, sie waren auch letzten Sonntag hier.

Ober: Ich kann mich trotzdem nicht erinnern, es tut mir ja leid, entschuldigen sie.

Sie: Jetzt hör schon auf, was kann denn der Ober dafür.

Er: Auf wessen Seite bist du? Kann ich nicht in meinem Stammcafé erwarten, dass man meine Gewohnheiten kennt? Dann kann ich ja nächsten Sonntag in ein anderes gehen.

Sie: Gute Idee, ich weiß ohnehin nicht, was du hier findest.

Er: Es ist Gewohnheit, man kennt mich, und ich kenn‘ andere.

Sie: Eben nicht, man hat dich vergessen, und du kennst auch niemanden mehr hier.

Er: Was heißt niemanden mehr?

Ober: Wollen sie jetzt bestellen?

Sie: Er nimmt zwei Eier im Glas, das nimmt er nämlich immer, also gleich für nächsten Sonntag merken, eine knusprige Semmel, bringen sie ja keine letschige, und zwei Stück Butter und nur Marillenmarmelade! 

Er: Warum mischst du dich ein! Ich nehme keine Eier im Glas heute!

Sie: Jetzt machst du dich lächerlich. Ich dachte es geht um Gewohnheiten?

Er: Nein, heute nicht! Herr Ober, ich nehm‘ zwei Eier mit gebratenem Speck!

Sie: Du isst nie Speck, was soll das?

Ober: Jawohl, Speck, bitte schön. Mit Spiegeleiern oder Rührei?

Er: Rührei? Von wo kommen sie?

Sie: Er nimmt keinen Speck!

Er: Ich nehme sogar zum Speck auch noch gebratene Kartoffel, wenn sie das haben.

Ober: Haben wir leider nicht in der Früh.

Sie: Er nimmt zwei Eier im Glas, er macht nur blöde Witze.

Er: Ich nehme Rührei, heißt übrigens Eierspeise bei uns, falls sie länger bleiben.

Sie: Streichen sie das auf ihrem Zettel, er nimmt keinen Speck.

Ober: Also Eierspeise mit Speck. Und sie gnädige Frau.

Er: Gnädige Frau sagt er jetzt, wer hat ihnen das beigebracht. So spricht man hier nicht in diesem Café.

Sie: Ich nehme auch Rührei mit Speck.

Er: Bist du wahnsinnig, mit deinem Cholesterin!

Ober: Also zweimal Rührei, besser Eierspeise mit gebratenem Speck.

Sie: Ich nehme Spiegeleier.

Ober: Over easy oder sunny-side up?.

Er: Was soll das jetzt?

Sie: Er meint, so umgedreht oder mit dem Dotter nach oben!

Er: Und das muss er uns jetzt auf Englisch fragen?

Ober: Die Touristen bestellen es so.

Er: Also hier in Wien isst man die Spiegeleier mit dem Dotter nach oben!

Sie: Ich möchte sie aber umgedreht, verkehrt sozusagen.

Ober: Zwei Eier verkehrt mit Speck?

Sie: Ja, genau!

Ober: Und sie nehmen Eierspeise mit Speck?

Er: Ja, das nehme ich.

Ober: Gut, habe ich alles notiert, und was zum Trinken dazu?

Er: Eine Melange.

Sie: Auch für mich eine.

Ober: In Ordnung.

Sie: Was ist los mit dir heute?

Er: Was soll schon los sein? 

Sie: Du bist einfach unerträglich. Noch ärger als sonst.

Er: Danke.

Sie: Jetzt sag schon, was ist passiert? Was regt dich so auf?

Er: Hast du den letzten Beitrag von Sichrovsky auf Schlaglichter gelesen?

Sie: Nein, den les‘ ich nicht, schon aus Prinzip nicht. Um was ging es?

Er: Ist doch egal, der schreibst eh immer dasselbe.

Sie: Eben, warum soll ich ihn dann lesen? Damit es mir so geht wie dir?

Dann wachte ich auf. Sah meine Frau neben mir, die noch schlief, weckte sie und sagte: »Komm, wir gehen heute ins Café zum Frühstück.«

 

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