Im Schlaglicht International

Ein Sommer in Beijing

Sommerpalast inn Peking

Erinnerungen

Am letzten Schultag im Juni 1960 holte mich die Freundschaftsrats-Vorsitzende Hanna, ein dickliches Mädchen, das Gesicht übersät mit Pickeln, in einem dunkelblauen Rock zu einer zu engen weißen Bluse und einem blauen Halstuch als Kennzeichen der Thälmann-Pioniere aus der 7. Klasse der Schule der DDR in Beijing. Ich folgte Hanna in ihr Büro, wo sie stehend hinter dem Schreibtisch unter einem Bild von Wilhelm Pieck, dem Präsidenten der DDR, mit strengem Gesichtsausdruck und leicht zusammen gekniffenen Augen sagte: »Du hast dir das Halstuch dieses Jahr nicht verdient. Du benimmst dich nicht wie ein Pionier!«

Wir waren 1959 von Wien nach Beijing übersiedelt, meine Eltern und meine beiden jüngeren Brüder. Ich war zwölf Jahre alt und die Schule der Botschaft der DDR war die einzige, die mich aufgenommen hatte, weder für die russischen noch chinesischen Schulen brachte ich die notwendigen Sprachkenntnisse. Mein Vater, damals Redakteur der kommunistischen ›Volksstimme‹, bekam die Bewilligung, für drei Jahre aus China als Korrespondent zu berichten. Die Reise nach China, im Gegensatz zu einem zehnstündigen Direktflug Wien-Peking heute, dauerte etwa zehn Tage lang. Mit der Bahn nach Prag, von Prag nach Moskau per Flugzeug, weiter nach Omsk, nach Irkutsk, von dort nach Ulan Bator und nach Beijing. Am Flughafen in Beijing begrüßte uns eine Delegation des Außenministeriums und lud uns ins Restaurant ein, wo zu Ehren der Gäste aus Wien ein Schnitzel serviert wurde.

»Und dafür habe ich drei Kinder rund um die Welt geschleppt!« Diese Bemerkung meiner Mutter ist mir noch in Erinnerung. Außer unserer Familie lebten damals noch zwei Österreicher in Beijing. Die Journalistin Ruth Weiss und der Arzt Richard Frey, die beide als jüdische Flüchtlinge und überzeugte Kommunisten bereits in den Dreißiger Jahren nach China kamen.

Meine zwei Monate Sommer-Ferien teilten sich in vier Wochen am Meer in Beidaihe, östlich von Peking, einem bis heute weitgehend isolierten Badeort mit abgesperrten Strandzonen für Polit-Prominenz und Diplomaten. Damals erreichbar in fünf bis sechs Stunden Bahnfahrt in einem Sonderzug mit weich gepolsterten Abteilen und heißem Tee, der serviert wurde. Die restlichen Tage des Sommers verbrachten wir oft im ›Internationalen Klub‹, einem nicht mehr existierenden Gebäude in der Nähe des Tian’anmen Platzes mit Restaurants, Schwimmbad und einer Bibliothek. Die Sommer waren heiß und trocken in Beijing, manchmal stiegen die Temperaturen auf über vierzig Grad und in den Monaten April, Mai und Juni wurde der Himmel oft gelb und grau, und ein Sandsturm fegte durch die Stadt.

Das Gebäude in der Jian Guo Men Wei Da Jie, wo wir wohnten, steht heute noch, gleich neben dem ›Friendship Store‹, und von dort dauerte die Fahrt mit dem Auto etwa 20 Minuten zum Klub. Ich hatte ein Fahrrad und bestand darauf, überall alleine hinzufahren, auch wenn unser chinesischer ›Betreuer‹, mehrmals bei meinen Eltern klagte, dass ich auf dem Fahrrad in der Süd-Stadt gesehen worden wäre, damals dem Armenviertel von Beijing, das für Ausländer verboten war.

An einem dieser heißen Tage im Juli packte meine Mutter die Badesachen, setzte mir eine Kappe gegen die Sonne auf, und wir verließen gleichzeitig die Wohnung. Ich auf dem Fahrrad, die anderen im Auto, von denen es nur wenige in den Straßen zwischen den Tausenden Fahrrädern und ein paar Eselkarren gab, an die ich mich gerne anhängte, wenn der Gegenwind zu stark war.

An diesem heißen Tag krachte ich mit dem Fahrrad am Weg in den Klub gegen die Holzplanke des Eselkarrens, an der ich mich festhielt, stürzte, und der kleine Metallgriff der Klingel hinterließ eine blutende Wunde auf meinem Bein. Ich humpelte zum Gehsteig, und ein Kreis von schweigenden, staunenden Menschen stand um mich, die in ihren Jacken und Hosen eine blaue Wand bildeten, die mich einschloss, bis eine junge Frau mir aufhalf, mich an der Hand nahm und in eine Seitenstraße führte, wo wir über ein paar Stufen einen langen Gang im Keller erreichten mit türlosen Zimmern und Matratzen auf den Böden, auf denen Kinder saßen, die ihr Spielen unterbrachen und mich anstarrten. An den Wänden standen Sesseln nebeneinander, in einer Ecke ein Tisch mit Tassen und einem Stoß Teller, und an Schnüren, die die Räume kreuz und quer durchquerten, hingen Kleiderstücke.

Boazi und Jiaozi

Die Frau zog mich weiter an der Hand, über mein Bein rann Blut, bis wir einen Raum erreichten mit wenigen Tischen und einer Kochstelle in einer Ecke. Sie versorgte meine Wunde, brachte mir Tee, eine Schüssel mit Gemüse und einen Teller mit Boazi, jenem weichen Brot, das im Norden von China gegessen wird. 

Ich sah mich um in diesem kalten, leeren Raum mit einem Mao-Bild und weiß verfliestem Fußboden, dem wässrigen Gemüse in der Schüssel und fragte mit meinen geringen Sprachkenntnissen, ob dies ein Restaurant sei. Die Frau und andere Männer im Raum, die mich beobachteten, lächelten und erklärten mir, es sei der Raum, in dem Bewohner des Wohnblocks essen würden, die keine Küche hätten. Selbst mit meinen dreizehn Jahren begriff ich damals die extremen Unterschiede zu meinem Alltag, und dass ich keine Ahnung hatte, wie die normale Bevölkerung in Beijing leben würde.

Erst Jahre später las ich über Missernten und Hungersnöte während der Zeit, die ich in China verbrachte. Ich lebte als privilegierter Ausländer, durfte in den Küchen der Restaurants bei der Zubereitung der Peking Ente über dem offenen Feuer zusehen, genoss die Fahrradtouren durch die Stadt, die Wochen ohne meine Eltern, wenn sie auf Reisen waren und Ai, unsere Kinderfrau, jeden Tag ›Jiaozi‹ – gefüllte Teigtaschen – kochte. 

Mich faszinierten die Tischtennis-Wettkämpfe gegen andere Schulen, bei denen wir keine Chance hatten und die chinesischen Spieler bewunderten, auch wenn manche kaum über den Tisch sehen konnten. Ich erinnere mich an die kleinen Hochöfen an den Straßenecken in Beijing, wo während des ›Großen Sprung Vorwärts‹ Eisen geschmolzen wurde, die Autobusse mit Gasballons auf den Dächern, weil es kein Benzin gab, und an die verschnürten, verkrüppelten Füße älterer Frauen, als ›kleine Füße‹ noch als Schönheitsideal galten. An das zerstampfte Eis mit Zuckerrohrsaft und heißem Wasser ohne Teeblätter, das in den Straßen um ein paar Münzen angeboten wurde.

Doch am schönsten waren die langen Sommer. Neben dem Aufenthalt am Meer und im Klub verbrachte ich die Tage in unserer Wohnanlage mit asphaltierten Wegen zwischen den Häusern, und jedes Kind, egal ob es aus Brasilien, Indien, Frankreich, Nigeria oder dem Irak kam, hatte Rollschuhe. Dafür gab es einen einzigen Grund. Das Geschäft in der Wohnanlage bot zwar genügend Lebensmittel, jedoch keine Spielwaren, keine Bälle, keine Bücher, nur Tischtennisschläger und Rollschuhe. Hautfarbe, Religion, Sprache, Alter, nichts hatte Bedeutung oder Trennendes unter uns Kindern, es zählte einzig allein die Geschwindigkeit auf Rollschuhen bei den Wettkämpfen der Gruppen, die sich wahllos bildeten und einander herausforderten.

Am Ende dieses Sommers zu Beginn der Schule im September 1960 starb Wilhelm Pieck. Ein großes Porträt wurde im Eingang der Botschaft aufgestellt, und zwei Pioniere standen als Ehrenwache vor dem Foto. Nach einer alphabetischen Liste sollten die beiden eine Stunde dort unbeweglich stehen.

Als die Reihe an mich kam, band mir ein Mitarbeiter der Botschaft ein blaues Halstuch um, obwohl ich ihm versicherte, kein Pionier zu sein, doch er hielt es für eine Ausrede. Also stand ich dort bewegungslos, wie man mich beauftragt hatte, bis Hanna vorbeikam und empört flüsterte, dort sei kein Platz für jemanden aus dem feindlichen Westen, und ich würde eine Beleidigung der Erinnerung an den verstorbenen Präsidenten und Helden der DDR, Wilhelm Pick, sein. Sie nahm mir mein Halstuch ab, befahl mir zu verschwinden und stand selbst vor dem Bild, an dem weinende Chinesen vorbeigingen, die in Bussen gebracht wurden und sicher keine Ahnung hatten, um wen hier getrauert wurde.

Zuerst erschienen in NEWS. 

 

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