Österreich

Urlaub in der Heimat

»Entdecke dein eigenes Land: Auf dich wartet ein guter Sommer!« (Tourismuswerbung)

»Wir bleiben heuer in den Ferien in Österreich«, verkündete Gustav Pokorny während des Frühstücks an einem Sonntagmorgen Anfang Juni, und Eva, die elfjährige Tochter, Paul, der neunjährige Sohn und seine Frau Sonja reagierten wie untereinander abgestimmt im Chor mit einem lauten: »Nein!«

Sie sprachen wild durcheinander, sich gegenseitig unterbrechend, bis die Eierspeis von Eva, das weiche Ei von Paul und der gebratene Speck mit drei Spiegeleiern von Gustav langsam kalt wurden, und Sonja klagte, wozu sie am Sonntag vor allen anderen aufstehen würde, um das Frühstück vorzubereiten. Doch auch das hörte keiner.

»Wir fahren doch jedes Jahr nach Italien!« Paul musste schreien, um gehört zu werden, und seine Schwester wiederholte den Satz und erinnerte mit Tränen in den Augen an das Versprechen der drei Freundinnen letztes Jahr, auch heuer während der Ferien nach Sassi Neri, südlich von Ancona, zu kommen. »Ich muss dort hin!« Sagte sie schluchzend.

»Ihr wisst doch, was los ist, seid alt genug zu verstehen, dass die Probleme mit dem Virus auch einen Einfluss auf unsere Sommerpläne haben, was soll ich machen, glaubt ihr, ich würde nicht lieber nach Italien fahren?« Sagte Gustav leise, ein wenig verzweifelt, und plötzlich sprachen die anderen nicht mehr, saßen um den Tisch herum und dachten an Italien. 

Eva an die Nachmittage, wenn sie mit ihren Freundinnen allein ins Eisgeschäft durfte, und sie flüsternd über junge Männer sprachen, die ihnen mit einer Eistüte in der Hand zulächelten. Paul an die Fußballspiele am Strand mit den italienischen Buben, die Paul immer ins Tor stellten, weil sie ihm als Österreicher nicht zutrauten, jemals ein Tor zu schießen. Gustav an die wunderbaren Vormittage, wenn er nach dem Frühstück einen Spaziergang zum Hauptplatz machte, die reservierte Zeitung im Tabakgeschäft abholte und im Café zwischen den Italienern auf einem dieser harten Holzsessel bei einem Cappuccino davon träumte, sich hier nach der Pensionierung niederzulassen. Und Sonja, die ihre Liege am Strand unter dem Schirm nicht verließ und stundenlang vorgelesenen Erzählungen und Romanen lauschte, die sie vor der Reise nach Italien sorgfältig ausgesucht und heruntergeladen hatte.

Mitte Juli standen sie alle vor der Rezeption des heimatlichen Strandhotels. Die Besitzerin persönlich begrüßte sie, gab ihnen die Zimmerschlüssel und einen Korb mit Badetüchern.

»Da sind aber nur zwei drin«, sagte Sonja, und die Chefin antwortete im Tonfall einer Schuldirektorin, vor der vier Schüler stehen, die ertappt wurden, in den Toiletten heimlich geraucht zu haben: »Eigene Badetücher gibt es nur ab 12 Jahren, die Kinder zahlen ja auch nur die Hälfte«, und erinnerte, dass Kinder unter zwölf nicht alleine zum Frühstücksbüffet dürften, der Spa-Bereich für Kinder und auf der Liegewiese Ballspielen verboten sei, die Plätze auf dem Steg beim Wasser für die Stammkunden reserviert wären, Liegen und Schirme aus dem Lager geholt werden könnten und nach dem Baden wieder zurückgebracht werden müssten, nasse Handtücher nicht am Balkongeländer aufgehängt werden sollten, da der Wind sie wegblasen könnte, für das Nicht-Konsumieren der Halbpension es keinen Ersatz gäbe, nach 23 Uhr bitte nicht fernzusehen, da die Wände sehr dünn seien, und wünschte der Familie einen angenehmes Aufenthalt.

Doch die Pokornys ließen sich die Laune nicht verderben, schleppten Koffer und Badetasche ins Zimmer, Eva und Paul zogen sich sofort aus, warfen ihre Kleider auf den Fußboden, schlüpften in ihre Badesachen und liefen hinunter zum See, der wunderschön ruhig von dicht bewaldeten Bergen umgeben vor ihnen lag. Tatsächlich war der breite Holzsteg, von dem Stiegen ins Wasser führten, dicht belegt mit Liegen, die alle besetzt waren, doch Paul und Eva hatten ohnehin kein Interesse, sich sonnen zu lassen, rannten zwischen den bewegungslos liegenden Stammgästen und sprangen laut kreischend ins erfrischend kühle Wasser. Sie spritzten herum und Paul versuchte, Evas Kopf zu erreichen, um sie unterzutauchen, doch sie wich geschickt aus ins tiefere Wasser und tauchte an einer anderen Stelle auf, bis sie beide eine laute Stimme hörten, die rief: »Hallo, ihr zwei, seid ihr verrückt geworden!«

Sie drehten sich zum Ufer. Dort stand ein dicklicher Mann mit einem Strohhut, dessen Bauch über das Gummiband der Badehose hing, am Rande des Holzstegs, und sagte langsam und ermahnend, jedes Wort betonend: »Das ist hier die Ruhezone und kein Kinderspielplatz. Drüben, wo die Wiese zum Wasser reicht, dort könnt ihr baden und nicht hier vom Steg springen. Das hat ja bis zu mir herauf gespritzt, sogar auf meiner Zeitung sind jetzt nasse Flecken!«

Harte Eier, weiche Eier

Gustav und Sonja waren inzwischen im Frühstücksraum, und Gustav kam vom Buffet mit einem Korb voller Gebäck und einem Teller mit Wurst und Käse. 

»Schau dir das an, richtige Extrawurst und Emmentaler, und die Semmeln, so knusprig, das hätten wir nie in Italien«, sagte er zu seiner Frau, die mürrisch antwortete: »Ja, herrlich, wie zu Hause, wenn ich zum Billa einkaufen gehe!«

Gustav ignorierte ihre Bemerkung und winkte der Serviererin, die zum Tisch kam, und sagte zu ihr: »Ein weiches Ei bitte, aber wenn’s geht, nicht zu weich, vielleicht so fünf Minuten.«

»Die harten Eier finden sie am Buffet, die Küche macht nur vier Minuten-Eier«, antwortete die junge Frau mit einem deutschen Akzent.

»Aber die Eier am Buffet sind kalt, und ich hätte gerne ein warmes Ei«, sagte Gustav.

»Dann müssen sie halt ein vier Minuten Ei essen, die Küche kann ja den Eierkocher nicht für ein einziges Ei umprogrammieren«, antwortete die Servieren und lachte über ihren eigenen Witz.

Eva und Paul kamen in den Frühstücksraum, nass und bloßfüßig, und Sonja reichte ihnen die Badetücher, in die sie sich einrollten und sich setzten. Die Chefin, die eher zufällig durch den Frühstücksraum ging, kam zum Tisch und sagte: »Das geht leider nicht, mit den feuchten Badesachen und ohne Schuhe im Restaurant. Schauen sie sich den Boden an, lauter nasse Flecken, wenn da einer der Gäste ausrutscht, sind wir als Hotel verantwortlich«, und erwähnte noch einen der Gäste, der sich beschwert hätte über die beiden Kinder, die vom Steg aus ins Wasser gesprungen wären, auch das sei verboten hier.

Als Sonja nach dem Frühstück beim Aufstehen die kleine Notiz auf dem Tisch las, es sollten keine Speisen vom Frühstücksbüffet mitgenommen werden, sagte sie: »Jetzt rechts mir!« Ging zu den langen Tischen mit Semmeln, Weckerln, Salzstangen, Müsli, Obst, Marmeladen, Jogurt, Wurst Käse und harten Eiern und füllte ihre Strandtasche, lächelte der Serviererin zu, die sie beobachtet hatte und beim Verlassen des Restaurants aufhalten wollte und sagte laut als sie an ihr vorbeiging: »Einen schönen Tag wünsch ich noch, herrliches Buffet übrigens!«

Am nächsten Morgen stand Gustav früher als sonst auf, saß um acht Uhr als einer der ersten im Restaurant, kaufte nach dem Frühstück gegenüber in der Trafik eine Zeitung, holte zwei Liegen und einen Schirm und stellte alles auf den Steg in die vorderste Reihe beim Wasser. Eine Stunde später tippte ihm ein Gast auf die Schulter und sagte: »Das ist unser Platz hier.« Gustav ignorierte ihn und blätterte in seiner Zeitung während Sonja neben ihm der Lesung einer Erzählung von Puschkin lauschte. Ein paar Minuten später kam der empörte Stammgast mit der Chefin, die beide Pokornys aufforderte, ihre Liegen auf der Wiese aufzustellen. 

»Ich zahle für das Zimmer das gleiche wie ein Stammgast, also kann ich mir auch meinen Platz aussuchen«, antworte Gustav. Der Gast schimpfte, die Chefin zuckte mit den Schultern, sie könne nichts machen, und Eva und Paul sprangen den ganzen Vormittag vom Steg ins Wasser, da sie jetzt nur ihre Eltern anspritzten.

Am nächsten Morgen entschuldigte sich die Besitzerin, es sei ein peinlicher Irrtum passiert mit einer Doppelbuchung, ob die Pokornys bei sofortiger Abreise eine großzügige finanzielle Entschädigung akzeptieren würden, die Gustav mit perfekt gespielter Empörung annahm. 

Zuerst erschienen in NEWS. 

 

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