Österreich

Wiener Bäderkultur

Krapfenwaldbad Wien

Schwimmen ist Nebensache

Die öffentlichen Bäder in Wien sind nicht einfach Planschbecken für Jung und Alt während der sommerlichen Hitze. Sie sind sozio-kulturelle Institutionen, mit Tradition und einem Lebensgefühl wie es Badeanstalten in anderen Städten und Ländern kaum zeigen könnten. Unter all den Bädern nimmt das Krapfenwaldbad im 19. Wiener Bezirk eine Sonderstellung ein. Von den Wienern mit dem liebevollen ‚l‘ in der Mitte des Wortes verschönert, als Krapfenwaldlbad bekannt und berüchtigt, mit dem wunderschönen Bau aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts und dem Ruf, inmitten des Wiener Waldes im Nobelbezirk Grinzing und der herrlichen Aussicht über Wien das Bad der ›Schönen und Reichen‹ zu sein und all jener, die sich dafür halten.

Eines der ersten Bäder in Wien war ein Freibad an einem Donauarm, bereits 1780 als ›Ferro-Bad‹ erwähnt. 1906 übernahm die Stadt Wien dort eine ganze Insel, auf der Gänse gezüchtet wurden, und errichtete 1907 das bis heute beliebte Gänsehäufel, das größte Freibad in Wien, wo von Beginn an im Gegensatz zu anderen Bädern Männer und Frauen gemeinsam baden durften. 

Das aufsteigende Wiener Bürgertum entdeckte Mitte des 19. Jahrhundert die Profitabilität des Badens und errichtete feudale Schwimmpaläste wie das Sophienbad im 3. Bezirk, das Esterházybad in Mariahilf, und Dianabad in der Leopoldstadt, das 1843 eröffnet wurde. Hallenbäder waren auch Orte von Festen, Bällen und Konzerten. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten öffentlichen ›Brausebäder‹, in Wien Tröpferlbad genannt, für die ärmere Bevölkerung, eine längst geschlossene Einrichtung, die im Tröpferlbad-Museum im Bezirksmuseum Wien-Wieden noch bewundert werden kann. Das Krapfenwaldbad gibt es seit 1923, und sein Name geht auf Franz Josef Krapf zurück, der dort ein Wirtshaus eröffnete. Im Sommer 1979 erlaubte die Gemeinde Wien hier das erste ›Oben-Ohne‹ Baden. 

Für Wienerinnen und Wiener hat jedes öffentliche Bad seine eigenen gesellschaftlichen und organisatorischen Regeln mit einem nicht schriftlich festgehaltenen Verhaltenskodex, einer strengen Hierarchie zwischen den Tages- und Stammgästen in unterschiedlich großen Saisonkabinen, die mit dem Platzangebot der Kabine die Wichtigkeit des Mieters und Besuchers betonen. Für größere Saisonkabinen im Gänsehäufel kann die Wartezeit zehn bis fünfzehn Jahre lang dauern.

Die drei Schwimmbecken im Krapfenwaldbad sind von Grünflächen und Bäumen umgeben, doch nichts wird dem Zufall überlassen, wer sich wo niederlässt, sein Badetuch ausbreitet oder einen Liegestuhl aufstellt. Da gibt es bevorzugte Zonen nach Herkunft, Sprache, Alter, Familienstand und gesellschaftlichem Status, und man sollte vorsichtig sein, einen leeren Platz einfach zu besetzen und sich dort auszubreiten.

Gleich neben dem großen Becken bietet ein kleiner Verkaufsstand Getränke und Süßigkeiten mit ein paar runden hohen Tischen, wo sich die leicht ergraute, manchmal etwas rund gewordene Prominenz des Bades trifft, meist Bier trinkt und Zigaretten raucht, und ein dunkel gebräunter Körper verrät den Saisongast. Hier dominiert der Wiener Dialekt in seiner Urform, Freunde und Bekannte werden mit Familiennamen plus Vorname erwähnt oder angesprochen. 

Huber-Poidl und Kaiser-Schurli

Da fragt der Huber-Poidl den Kaiser-Schurli, ob er heute schon den Steiner-Franz gesehen hätte und lacht, weil er sich sicher ist, er würde später kommen, nachdem dieser doch gestern gemeinsam mit dem Weiser-Maxl, dem Binder-Gustl und dem Pospisil, der übrigens wegen der Länge des Namens ohne Vornamen genannt wird, nach dem Vierer-Schnapsen beim Wirt’n angeblich abgestürzt sei. Und die Müller-Mizzi fragt die Novak-Gretl, ob sie die Winkler-Fridl schon gesehen hätte, mit ihren neu blond gefärbten Haaren, obwohl ihr doch schwarz so viel besser stehen würde. Manchmal kann nach langjähriger Bekanntschaft ein erfundener Name vergeben werden, wie zum Beispiel der Seichter-Wolferl zum ›Seicherl‹ wurde und der Winkler-Pepi auf Grund seiner Körperfülle einfach ›Fetty‹ heißt, ohne dass die beiden beleidigt oder verletzt reagieren würden. Männer und Frauen stehen oft an verschiedenen Tischen und verlieren sich in Unterhaltungen, die dem zufälligen Zuhörer ein Schauspiel an Sprache und Gestik aus einer längst verloren geglaubten Wiener Welt bietet. Sie kennen einander seit Jahren, sind die ersten an den Eröffnungstagen des Bades und die letzten in den Wochen, wenn der Sommer zu Ende geht.

Gegenüber den Stehtischen auf der anderen Seite des Schwimmbeckens wird der Bereich von schwarzhaarigen Männern kontrolliert, deren Körper mit Tattoos bedeckt sind. Auf ihren Rücken meist ein großes Kreuz, auf den Armen Schriftzüge in fremder Sprache, oft mit kyrillischen Buchstaben, ihre Oberkörper durchtrainiert und kräftig mit enormen Muskelpaketen und Oberschenkel, die ein Kind kaum umfassen könnte. Sie stehen in der prallen Sonne in kleinen Gruppen, zu zweit und zu dritt, jeder mit einem Getränk in der einen Hand, dem Mobiltelefon in der anderen, bilden gemeinsam einen Kreis um die auf Badetüchern liegenden Frauen in engen Bikinis, sprechen aufgeregt miteinander, Hände und Arme bewegend, dennoch nie laut werdend oder streitend, und gehen nie ins Wasser.  Manchmal setzen sich zwei von ihnen an den Rand des Beckens und paddeln mit den Beinen im kühlen Nass, hören nie auf zu sprechen, sehen niemanden, grüßen niemanden und sind völlig auf sich selbst und ihre Gruppe konzentriert. 

Doch nicht nur die kräftigen Männer suchen die Umrandung des Schwimmbeckens. Dicht gedrängt nebeneinander, jede Abstandsregel ignorierend, sitzen dort schöne Frauen in bunten Badeanzügen, mit perfektem Make-Up und tadellosen Frisuren neben männlichen Bewunderern, die sich gegenseitig überbieten mit scherzhaften Bemerkungen, türkische Mütter, die nervös die Schwimmversuche ihrer Kinder beobachten, und Diplomatenfamilien aus den verschiedensten Kontinenten, die in Grinzing leben, unter ihnen ein britisches Ehepaar, das möglicherweise erst vor kurzem nach Wien versetzt wurde. Der Ehemann ruft seiner Gattin mit nasaler Stimme und steifem Charme zu, während er mit erhobenem Kopf und immer noch korrekt gescheiteltem Haar an ihr vorbei schwimmt: »Not bad here!« Und die Ehefrau antwortet etwas gelangweilt: »Indeed.«

Der Bereich des Wassers verlangt eine andere Ordnung. Hier zählt der seriöse Sportler mit Schwimmbrille und Haube die Längen, die ihm noch fehlen für sein Tagespensum, wenn nicht ein unsportlich Badender plötzlich vor ihm auftaucht, der verzweifelt versucht, das Becken der Breite nach zu durchtauchen. Ältere Damen und Herren, die in Schwimmreifen hängen und mit langsamen Bewegungen der Arme und Beine geduldig sich dem anderen Ende des Schwimmbeckens nähern, und Väter in Sonntagsstimmung mit den Händen unter den Bäuchen ihrer nervösen Kinder, die ohne Geduld und Verständnis den Unterricht abbrechen würden, da sie jedes Mal, wenn Papa die Hand wegzieht, untertauchen und nach dem Hochgezogenwerden mit einem Hustenanfall reagieren. Manche unterhalten sich auch nur im seichteren Wasser und haben nie die Absicht, zu den tieferen Zonen zu schwimmen, und an ganz heißen Tagen kann man einzelne Gäste beobachten, die am Rand des Becken an der Wand lehnen und im Wasser stehend eine Zeitung lesen.

Unter den dichten Baumkronen auf den Wiesen, entfernt von der strengen Ordnung rund um das Schwimmbassin tummeln sich die Individualisten. Im Schatten der Bäume liegen Bücher lesend zwei asiatische Paare auf Klappbetten in schwarzen Badeanzügen. Liebespaare, die eng umschlungen sich weder um Asiaten, Diplomaten, Wiener noch Tätowierte kümmern. Eine Mutter, die unter einem Sonnenschirm versucht, ihr Baby zu füttern, und vier junge Männer, die auf einem großen, quadratischen Badetuch im Viereck mit gekreuzten Beinen sitzen und Karten spielen. 

Dennoch ­– trotz des Lärms Tausender Besucher liegt eine merkwürdige Ruhe über dem Bad, als sei alles hier ein inszeniertes, seit langem geplantes und eingeübtes Vergnügen.

Zuerst erschienen in NEWS. 

 

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