Europa

Die hinkende Spionin

Virginia Hall, die Madonna, die vom Himmel kam

Für die französischen Widerstandskämpfer war sie nur die »Madonna, die vom Himmel kam«. Sonst wussten sie wenig über diese hinkende Frau mit einem etwas zu kurzen Holzfuß, die während der deutschen Besatzung in Frankreich eine der wichtigsten Agentinnen mit Kontakten zum britischen und später zum amerikanischen Geheimdienst war. Diese mysteriöse Frau, die sich nach dem Vorbild der Maskenbilder in Hollywood Falten ins Gesicht malte und sich von einem Zahnarzt in London vor ihrem Absprung über Frankreich die herrlichen weißen Zähne dunkel färben ließ, um wie eine ältere, französische Bäuerin auszusehen, entwickelte sich im Laufe weniger Jahre zu einer der erfolgreichsten Spioninnen der Briten und Amerikaner in Frankreich.

Virginia Hall wurde 1906 als Tochter wohlhabender Eltern in Baltimore in den USA geboren und hatte immer den Traum, als Diplomatin zu arbeiten. Sie studierte Sprachen in den USA, ging nach Europa, um ihr Studium abzuschließen, und verbrachte auch mehrere Monate in Österreich. Sie sprach praktisch akzentfrei Französisch und Deutsch und meldete sich 1931 als Übersetzerin bei den amerikanischen Behörden. Am Amerikanischen Konsulat in Warschau und später in Istanbul begann ihre Karriere, die jedoch abrupt endete, als die begeisterte Jägerin während einer Jagd sich selbst in den Fuß schoss. Das Bein musste knapp unter dem Knie abgenommen werden, und man entließ sie ein paar Jahre später aus dem diplomatischen Dienst. 

Rettungswagen-Fahrerin

Als Deutschland 1939 Frankreich den Krieg erklärte, war sie zufällig in Paris und arbeitete trotz ihrer Behinderung als Fahrerin von Rettungen, bis sie sich nach England durchschlug, um sich dort beim Britischen Geheimdienst zu bewerben. Nach einer kurzen Ausbildung schickten sie die Briten zurück nach Frankreich und übertrugen ihr die Zentrale in Lyon.

Die hinkende, entlassene Diplomatin entwickelte sich zu einer der gefährlichsten Geheimagentin der gesamten Kriegszeit. Virginia Hall war nach dem Krieg vielen Überlebenden der französischen Résistance als eiskalte, strategisch denkende, aggressive Frau in Erinnerung, die keinen Widerspruch duldete und ein straff organisiertes Team leitete. Niemand wagte, sie zu kritisieren, oder widersprach ihr, sie wurde respektiert und ihre Anordnungen wurden niemals in Frage gestellt. 

Als man sie nach dem Krieg fragte, warum sie als Spionin so erfolgreich war und nie von den Deutschen erwischt wurde, antwortete sie: »Viele meiner Freunde wurden getötet, weil sie einfach zu viel redeten«. In den Memoiren von Widerstandskämpfern wird sie fast als Heilige beschrieben und als Persönlichkeit, die man nicht vergessen konnte. Mit ihrer ständig wechselnden äußeren Erscheinung und dem hinkenden Gang war sie ein Mythos unter den Widerstandskämpfern, verehrt, bewundert und geachtet, und von ihren Feinden gefürchtet. 

Spionage mit Prostituierten

In der Stadt Lyon organisierte sie eine Gruppe von Prostituierten, die deutsche Soldaten und Offiziere ausspionierten. Fast schutzlos arbeitete sie vor den Augen der deutschen Besatzer, die mehr und mehr verzweifelten, weil sie jeder Aktion rechtzeitig ausweichen konnte. Der Leiter der SS in Lyon, Klaus Barbie, ließ Plakate mit einem Bild von ihr in der Stadt aufhängen, mit dem Hinweis: »Der gefährlichste Spion unserer Feinde – findet und vernichtet sie!« In etlichen Dokumenten der SS finden sich Warnungen vor ihren Anschlägen, ebenso Befehle aus Berlin, diese »gefährlichste aller Agenten« endlich zu erwischen.

Hall gelang es, Truppenbewegungen der Deutschen und Angriffspläne nach London zu übermitteln, die für die britische Armee enorm wichtig waren und gezielte Bombardierungen ermöglichten. Sie organisierte den Nachschub für den französischen Widerstand. Auf ihren Befehl sandten die Briten Waffen, Munition und Medikamente, die in den Bergen rund um Lyon abgeworfen wurden. Sie schmuggelte Geld für die Résistance und rettete zahlreichen Agenten das Leben, indem sie ihnen half, ins Ausland zu flüchten. Es gelang ihr, Zivilisten als Kämpfer für den Widerstand zu gewinnen und trainierte sie, bis sie ganze Teileinheiten der Wehrmacht überwältigen konnten.  Unter ihrem Kommando wurde das Gebiet um Haute-Loire in Frankreich noch vor der Einnahme von Paris durch die Alliierten befreit.

Kurz vor der drohenden Entdeckung konnte sie 1942 aus Lyon nach England flüchten und meldete sich beim Geheimdienst für neue Aufgaben. Die Bürokraten in London trauten ihr jedoch wegen der Behinderung nicht mehr und entließen sie. Hall wandte sich an die Amerikaner, die sie mit Begeisterung aufnahmen. Sie ging im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes zurück nach Frankreich, landete an einem Strand in der Bretagne, und schlug sich nach Süd-Frankreich in die Gegend von Haute-Loire durch, wo sie sich als Magd auf einem Bauernhof versteckte und erneut den Widerstand organisierte. Nicht einmal die einzelnen Gruppen des Widerstandes kannten ihren echten Namen. Sie arbeitete als »Marie Monin«, »Germaine«, »Diane« und »Marie von Lyon«. Die Deutschen nannten sie »Artemis«. 

»The Woman of no Importance«

Nach dem Krieg wurden ihr zahlreiche Orden und Auszeichnungen verliehen, darunter das »Distinguished Service Cross«. Sie ist die einzige Zivilistin, die diesen Orden bekam. Später ehrte man sie mit der Mitgliedschaft im »Order of British Empire« und dem »Croix de Guerre«. Am 8. Juli 1982 starb sie. 2006 zu ihrem hunderten Geburtstag veranstalteten die Britische und Französische Botschaft in Washington einen gemeinsamen Gedenktag.

Sie schien bereits vergessen und nur noch den Historikern bekannt, als in den letzten Jahren plötzlich das Interesse an den weiblichen Mitgliedern der Geheimdienste immer größer wurde. Neben der polnischen Aristokratin Krystyna Skarbek, die Winston Churchill immer als seine »liebste Agentin« beschrieb, und Moor Inayat Khan, die als Agentin in Frankreich wirkte und in Dachau ermordet wurde, ist Virginia Hall sicherlich die berühmteste aller Agentinnen.

In einem neuen Buch unter dem Titel »The Woman Of No Importance« von Sonia Purnell wird zum ersten Mal ausführlich ihr Leben beschrieben. Craig Cralley, ein ehemaliger Mitarbeiter des CIA, schrieb einen Roman über sie, der in diesem Jahr veröffentlicht wird. Zwei Filme sind derzeit in Hollywood in Arbeit, die im nächsten Jahr die Kinos erreichen werden. In der Zentrale des CIA wurde vor kurzem eine Ausstellung über ihr Leben eröffnet.

 

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