Feuilleton

Don’t Do It!

Von der Notwendigkeit, Dinge nicht zu tun

Der Fachbuch-Bereich in Buchhandlungen, die Bestseller-Listen für Fachbücher und die Empfehlungen der Online-Buchhändler konzentrieren sich auf erfolgreiche Publikationen, die uns endlich erklären, was wir bisher alles falsch gemacht haben, und wie wir es von jetzt an richtig machen könnten. 

Wer dann auch noch den Mut hat, einen Therapeuten aufzusuchen und ihm in stundenlangen, teuren Sitzungen erklärt, wie langweilig und deprimierend das eigene Leben sei, kommt nach ausführlicher Interpretation des bisher miserablen Lebens mit Hilfe des Therapeuten auf die Idee, doch eine Liste zu schreiben, was man alles tun könnte, also eine »To-Do«-Liste, die einen bei Befolgung aus der Langweile und Nutzlosigkeit rettet.

Doch seit einiger Zeit melden sich andere Therapeuten, Psychologen und Psychotherapeuten zu Wort, die genau das Gegenteil empfehlen: Schreibt endlich eure »Not to do List«! Einer der prominentesten Vertreter dieser Art zu denken und zu handeln war der Apple-Gründer Steve Jobs, der einmal zu seinen Mitarbeitern bei einer Betriebsversammlung sagte:

Die Menschen glauben, sich zu konzentrieren, bedeute die Bereiche zu definieren, auf die man sich dann konzentrieren sollte. Aber das bedeutet es absolut nicht. Konzentration bedeutet NEIN zu sagen zu hunderten von anderen guten Ideen. Innovation ist NEIN zu sagen zu tausend Dingen!

Es würde der Idee der negativen To-Do-List widersprechen, eine Empfehlung auszuarbeiten, wie man diese Anti-These zur Beschäftigungs-Hysterie zusammenstellen könnte. Daher existieren dazu keine Ratschläge, und jeder muss sie individuell nach seinen Bedürfnissen ausarbeiten. 

Option B

Adam Grant, ein amerikanischer Psychologe, der mit seiner Ko-Autorin Sheryl Sandberg den Best-Seller »Option B« schrieb, war einer der ersten, der seine Patienten und später mit seinem Buch die Leser dazu ermutigte, einfach darüber nachzudenken, was sie aufhören sollten, zu tun. Er ging soweit in einem Experiment, seinen Sohn zum Stabsaugen zu ermutigen, indem er ihm sagte, er sollte den Teppich hinter einem bestimmten Sofa nicht mehr säubern. Was den jungen Mann so irritierte, dass er statt wie in der Vergangenheit jede Anordnung des Vaters einfach zu ignorieren, diesmal das Zimmer reinigte, bis auf den Bereich hinter dem Sofa. 

Die britische Tageszeitung THE TIMES wagte dazu ein Experiment mit einigen ihrer Mitarbeiter. Hier einige der Reaktionen.

Der bekannte Journalist David Aaronovitch erklärte, dass er seine Lebensplanung völlig ändern und auf jährliche Vorsätze zu Silvester völlig verzichten werde. Er versuche, sich jetzt auf Tätigkeiten zu konzentrieren, die er aufgeben möchte, statt ständig solche zu suchen, die ihm scheinbar Freude und Vergnügen bereiten würden. Sein erster Entschluss war, Diskussionen auf Social Media, die ihn bisher aufregten, einfach zu ignorieren und sich nicht mehr daran zu beteiligen. Er zwang sich förmlich, seine eigene kritische Meinung zu unterdrücken, und nach einer Weile der Frustration ging es ihm immer besser dabei. Weiters gab er Urlaubsplanungen völlig auf und entschied sich mit seiner Familie spontan erst wenige Tage vor den Ferien, was sie machen würden. Auch auf die geplante, organisierte Freizeit verzichtete er und stellte den strukturierten Arbeitstagen eine chaotische und unorganisierte Nicht-Arbeitszeit gegenüber.

Als nächsten Schritt beschloss er, nicht mehr nach sogenannten »Schnäppchen« und Sonderangeboten das Internet zu durchforschen, da es ihm in Gesellschaft unerträglich wurde, immer von anderen informiert zu werden, dass sie das beste Angebot, die billigste Reise und die günstigsten, natürlich hochqualitativen Unterhosen im Internet gefunden hätten. Er werde seine Zeit nicht mehr vergeuden, bei einem Flug 30 Pfund zu sparen, und im Internet nicht mehr stundenlang suchen, um bei irgendeinem Anbieter das gleiche Hotel-Zimmer um zehn Pfund weniger zu finden.

Über Probleme sprechen

Eine Kollegin von ihm, die ebenfalls in dieser Befragung angesprochen wurde, meinte, das Buch habe ihr die Augen geöffnet und auch sie arbeite an ihrer eigenen »Don’t Do« Liste.

Einer ihrer neuen Pläne sei aufzugeben, sich als perfekt, erfolgreich und glücklich gegenüber anderen darzustellen. Würde sie jetzt jemand fragen, wie es ihr gehe, käme als Antwort, im Knie habe sie die ersten Anzeichen von Arthritis, ihre letzten Artikel seien von der Chefredaktion abgelehnt worden, und sie glaube, ihr Freund würde sie betrügen. Sie habe den Traum aufgegeben, den Mount Everest zu besteigen, eine Weltreise zu machen und ein neues Auto zu kaufen, und mit diesen tollen Aussagen ihre Freunde zu beeindrucken. Urlaubspläne seien überhaupt das Schlimmste, sie würden dazu führen, dass es keinen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit gäbe und jede Form der Tätigkeit in einen geplanten Ablauf gezwungen werde, der die Arbeit zum Spiel und das Spiel zur Arbeit mache. Mit dem Ergebnis, dass das Leben geplant ablaufe wie der Alltag von Ameisen.

Ein dritter Kollege der beiden Journalisten beschloss in der Zusammenstellung seiner neuen Liste, alle Mittagessen aufzugeben, bei denen es um Arbeit gehe. Keine Restaurantbesuche mit Kollegen, Kunden, Chefs und Interviewpartnern. Er wolle Essen nicht mehr mit Arbeit verbinden. Auch er nannte als quälende Sucht, die er vermeiden wolle, das ewige Prahlen und Beeindrucken in Gesellschaft. Er wolle sich in Zukunft als Verlierer darstellen, dort wo es zutreffe, und auf die erhoffte Bewunderung verzichten, denn es gehe in der kommunikativ reduzierten Gesellschaft, in der er sich bewege, immer nur um den Vergleich zu anderen, nie um ein absolutes Glücksgefühl. Erfolg definiere sich immer nur am Misserfolg der anderen. Jeden Tag beim Frühstück freue er sich jetzt über etwas, das er an diesem Tag nicht tun werde.

»Die Hölle, das sind die anderen«

Wenn Jean-Paul Sartre einst definierte: »Die Hölle, das sind die anderen«, erinnert er uns an die Qualen, die wir erleiden durch die vielen Meinungen von Menschen, die eigentlich nur über sich selbst sprechen. So lange wir allein sind, machen wir keine Fehler, es gibt kein Richtig oder Falsch, da nur wir selbst als Befragte oder Beurteilende zur Verfügung stehen. Um zu begreifen, wer man ist und wer man sein möchte, ohne den Ratschlägen anderer zu folgen, die diese aus sich selbst definieren, sollte man den Schutz der »Don’t-Do-Liste« aufbauen, als eine Mauer gegen Meinungen und Empfehlungen, die uns in die falsche Richtung drängen.

Satre selbst schrieb als Erklärung seines Satzes: 

Wenn wir über uns nachdenken, wenn wir versuchen, uns zu erkennen, benutzen wir im Grunde Kenntnisse, die andere über uns schon haben. Wir beurteilen uns mit den Mitteln, die die anderen haben, uns zu unserer Beurteilung gegeben haben. Was ich auch über mich sage, immer spielt das Urteil anderer hinein. Was ich auch in mir fühle, das Urteil anderer spielt hinein. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle. Und es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen.

Die »Hölle« von Sartre ist unsere zerstörerische Umwelt, und zwar nicht das Mikroplastik und die Abgase der Autos, sondern die Menschen mit einer Meinungs- und Beeinflussungsvielfalt, die unsere Entscheidungen beeinflussen und uns ein Glücksgefühl versprechen, das nie eingehalten wird.

In diesem Sinne gibt es eigentlich nur einen Vorsatz auf der alten »To-Do-Liste«: Beginne mit einer »Don’t-Do-Liste«, am besten jeden Morgen während des Frühstücks mit einem einzigen Ziel: Was man heute vermeiden oder nicht tun sollte!

 

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