Fannys Salon

Unterschiedliche Begabungen

Fannys rechte und linke Gehirnhälfte

An einem lauen Frühlingsnachmittag trifft der alte Grün seinen Jugendfreund Blau beim Spaziergang im Central Park. Das Gespräch beginnt wie Treffen dieser Art zu beginnen pflegen:

„Grün, alter Freund, dass du auch noch lebst. Lange nicht gesehen.“ Grün schaut erfreut auf und antwortet mit bitterer Miene: „An so einem Tag, da könnt man gern noch mal jung sein.“ Das entlockt Blau die klassischste aller Fragen: „Apropos Jugend, wie geht´s den Kindern? Vier hast du, nicht?“
„Ja, nur Buben.“
„Und, was machen sie so? Enkelkinder?“
„Jaja, entzückend.“
„Und beruflich, machen sie dir Freude, kannst du stolz sein?“
„Pauli ist Tänzer, Kinder hat er keine. Aber der Rafi, der hat gleich drei. Und malen kann er, unglaublich, sehr begabt. Jetzt hat er grad eine Ausstellung laufen. Künstler, ganz nach meiner Frau. Ja und der Dan, der ist beim Gitarre Spielen hängen geblieben. Spielt jetzt in einer Band, reist durchs ganze Land. Ganz tolle Burschen sind sie geworden.“
Blau, schaut beeindruckt und fährt fort: „Und der Vierte, auch im Land, oder schon über den Atlantik dahin?“
„Nein, nein, eh da. Lebt ganz in unserer Nähe.“
Blau, neugierig: „Na und sag schon, was macht der? Was Bodenständiges?“
Grün widerwillig: „Ja sicher, Rechtsanwalt.“
Blau befriedigt lächelnd: „Na schau, immerhin. Von irgendwem müssen die anderen ja leben. Wir werden nicht für immer da sein.“
Grün ehrlich: „Da hast du wohl recht.“

Als Fanny noch klein war, gab es immer Geburtstagsjausen mit der Familie, die alten Tanten wurden von meinem Vater per Auto zu Kaffee und Kuchen geholt, abends wieder heim chauffiert. Die Themen bei diesen Zusammenkünften folgten einem klaren Strang, sie wiederholten sich jährlich, ganz ähnlich der Silvester Gepflogenheiten in ‚Dinner for one‘.

Hohe Erwartungen

Da ja das Geburtstagskind im Mittelpunkt stehen sollte, wandte man sich gleich nach Ablegen von Mänteln und Hüten der kleinen, braven Fanny zu: „Und lernst noch so gut wie immer?“

Bei dieser Frage hoben sich eigenartigerweise die Köpfe der Fragenden und ihrer Zuhörerschaft in Richtung meiner Mutter, die die Spannung löste, indem sie wohlwollend über die enormen, bereits frühkindlich erkennbaren intellektuellen Leistungen des Kindes erzählte, woraufhin mir eine große akademische Zukunft weis  gesagt wurde. Man sah mich bereits in Richterrobe, man hörte mich fesselnde Reden vor dem prall gefüllten Parlament halten, man traute mir die Rettung schwer Kranker und Verletzter zu.

Ich glaube nicht, dass irgendjemand im Raum Fanny beim Anfertigen von Linolschnitten in ihrem Atelier sah. Ich weiß ehrlich nicht mehr, was im Kopf von klein Fanny vorging. Meine Erinnerung gleicht der an ein Theaterstück, jedes Jahr neu inszeniert, gleiche Protagonisten, gleicher Ort, gleiche Handlung. Ich spielte mit, war mit meiner Rolle zufrieden. Der Applaus war mir sicher.

Jetzt könnte man hier auf Nietzsche zurückgreifen und über Nutzen und Nachteil der Historie philosophieren, Brotgelehrte durch den Kakao ziehen oder eine Hommage an das von finanziellen Zwängen losgelöste Schaffen halten.

Will ich aber nicht. Ich habe einen Kaufmann geheiratet, einen ‚Budelhupfer‘ wie der Wiener so elegant formuliert. Er steht jeden Tag in seinem Geschäft, verkauft Waren, verdient Geld und ermöglicht somit unserer Familie ein gesichertes und an Sorgen armes Auskommen.

Ich finde das großartig. Ich finde seine Rationalität beeindruckend, seine Disziplin atemberaubend. Als ich ihn traf, wusste ich, er ist die fehlende Hälfte zum Ganzen. Er wird all die Erwartungen, die seit jeher an Fannys linke Gehirnhälfte gestellt wurden, erfüllen. Er kann alles, was ich zwölf Jahre lang mit Einsern im Zeugnis vorgetäuscht habe: rechnen, kalkulieren, evaluieren. Er ist – um im Jargon der Tanten zu verbleiben – blitzgescheit. Seine Synapsen rauchen stetig. Er hat immer einen Plan, immer eine Agenda.

Die Stärken stärken

Mit ihm an meiner Seite kann meine rechte Gehirnhälfte Saltos schlagen. Sie kann Dinge machen, die seine linke Gehirnhälfte zu Geld machen wird. Regelmäßig und erfolgreich.

Ich kann Dinge erschaffen, über die man in eleganten Kreisen spricht, die man bewundert, Erhabenes sozusagen, während man seinen Kindern erklärt, wie wichtig es ist, ein Rädchen im Getriebe zu werden.

Das ist toll, toll für alle, die wie mein Ehemann sind. Aber wen hätte er gefunden, wenn ich nicht da gewesen wäre mit meinen kreativen Anwandlungen?

Wir leben in einem Gesellschaftssystem, das sich gern selbst belügt:

Kindern wird beigebracht, der Klügere möge nachgeben. Dann wundern sich die Menschen, dass sich die Dummen durchsetzen.

Und wir schicken Kinder in Schulen, in denen ihre ‚Teilleistungsschwächen‘ gefördert werden. Wir fördern also Schwächen während wir Begabungen ignorieren.

Lasst uns tolerant sein in diesen intoleranten Zeiten, schaffen wir Raum für kühle Rechner und emotionale Künstler oder wilde Strategen und stille Kreative.

Fördern wir unsere Kinder in ihren Stärken. Die Schwächen werden sie von selbst zu kompensieren lernen. Je stärker wir die Stärken werden lassen, desto schwächer werden die Schwächen.

Und wer stark ist, kann alles schaffen.

 

Kommentar verfassen