Feuilleton

Zwei verlorene Kinder und meine Großmutter

Warschauer Ghetto

Eine Begegnung im Altersheim

Ein »psst, psst« hörte ich hinter mir, während ich im Warteraum des Altersheims ›Magnolia Court‹ im Norden von London auf einem viel zu weichem, dunkelbraun gepolsterten Sessel saß wie in einer Grube und auf meine Tante wartete. Sie war eigentlich nicht meine Tante, sondern die meiner Mutter, also die Schwester meiner Großmutter, doch für mich war sie immer die Tante Martha. Schon Anfang der dreißiger Jahre war sie mit ihrer Schwester Erna nach England geflüchtet, die beiden teilten sich eine Wohnung, hatten nie geheiratet, und waren für mich der Ersatz für die verlorenen Großeltern.

Rechts von mir sah ich durch eine offene Tür eine ältere Frau, klein und gebückt in einem langen schwarzen Kleid und weißen Rüschen einer Bluse um den Hals, die Hände auf zwei Krücken gestützt, die mich lächelnd ansah und immer wieder diese eigenartigen Laute von sich gab. Sie versuchte, eine Hand zu bewegen, vielleicht um mir zu sagen, ich sollte näher kommen, doch sie konnte die Krücken nicht loslassen, so stand ich auf und ging ihr ein paar Schritte entgegen.

Eine andere Tür öffnete sich, und eine Krankenschwester schob Tante Martha in einem Rollstuhl in den Warteraum. Ich ging ihr entgegen und versuchte sie zu umarmen, doch sie hob kurz ihre Hände von der Decke, die ihre Knie bedeckte, stieß mich weg und ergriff mit verkrampften Fingern wieder die Decke, und ich wusste, dass es nicht die Kälte war, vor der sie sich schützen wollte, sondern sie versteckte in dem zusammengelegten Wolltuch die Zigaretten, ohne die sie auch jetzt, weit über achtzig, nicht leben konnte.

Martha sah die Frau auf den Krücken gegenüber im Gang und machte eine Handbewegung, mit der sie ihr deutete zu verschwinden, murmelte ein paar unverständliche Worte und die Frau drehte sich langsam um und schleppte sich den Gang hinunter bis ich sie nicht mehr sehen konnte. 

»Was ist los mit ihr?« Fragte ich meine Tante, doch sie gab mir das gleiche Handzeichen wie der anderen Frau und sagte: »Ach, lass es!«

Ich schob sie hinaus zum wartenden Taxi. Sie griff in die Wolldecke, holte die Zigaretten und ein kleines, silbernes Feuerzeug heraus, kletterte aus dem Rollstuhl, als hätte sie ihn ohnehin nie gebraucht, stieg in den Wagen, und wir fuhren in das chinesische Restaurant, in dem wir immer aßen, wenn ich sie besuchte. Der Chinese hatte ein Hinterzimmer, in dem man rauchen durfte, und nach der Bestellung der Getränke, der knusprigen Ente, des süßsauren Fleisches und einem Teller Gemüse, das der Ober auch gebracht hätte, ohne dass wir es bestellt hätten, da Martha nichts anderes hier essen wollte, war die Tante bereits bei der dritten Zigarette, bevor wir noch die Getränke am Tisch hatten.

»Wer war diese Frau im Heim, warum wollte sie mit mir sprechen?« Fragte ich, während ich ihr heißen Tee in die Tasse goss.

»Lass ich mich in Ruhe mit der, ich will nicht darüber reden!« Antwortete Martha verärgert und ungeduldig und fragte mich, was es Neues gäbe in der Familie, wer noch am Leben sei oder zumindest mit Krankheit danieder liege, und ob ich schon wieder geschieden sei, da ich ihr erst letztes Jahr erzählte hatte, wieder geheiratet zu haben. Meine Kinder interessierten sie nicht. Sie hatte nie geheiratet, lebte ein Leben lang mit ihrer Schwester, die lange vor ihr verstarb, ohne dass sie je geraucht hatte. Vor dem Krieg besaß sie einen Modesalon in Wien und Prag, und auch in London eröffnete sie einen, bis sie der Konkurrenz der wichtigen Modehäuser nicht mehr gewachsen war. Während ich in die Schule ging, schickten mich meine Eltern jeden Sommer nach London, wo ich bei den Tanten wohnte, rückblickend sicherlich die schönsten Monate meiner Kindheit.

Später besuchte ich Martha, und auch Erna solange sie lebte, ein oder zweimal pro Jahr, auch wenn sich die Gespräche wiederholten, die Fragen sich wiederholten und oft auch meine Antworten. Dennoch, gleichgültig wo in der Welt ich lebte, diese Besuche wollte ich nicht missen. Aufgewachsen ohne Großeltern, waren die Tanten für mich die letzten noch Lebenden aus der Familiengeschichte, die unterbrochen wurde und mich geschichtenlos zurückgelassen hatte.

Diesmal hörte ich Martha nicht wirklich zu, das mürrische Gerede über die Zustände im Heim und die undankbaren Verwandten, die außer mir, sie nie besuchen würden, gingen an mir vorbei wie Tropfen eines windlosen Regens, in den man ohne Mantel geraten ist, und es einfach geschehen lässt. Mir ging die Frau auf den Krücken nicht aus dem Sinn.

 »Wenn wir zurück sind, werde ich sie suchen und fragen, was sie von mir wollte«, sagte ich zu Martha und sie begann plötzlich mit dem Feuerzeug nervös auf den Tisch zu klopfen und antwortet mir: »Mach es nicht, keiner von uns spricht mit ihr!«

Ich dachte an die Konflikte in einem Altersheim, Eifersucht, Neid, wie es in oft lächerlichen Filmen vorkommt, und fragte Martha, ob die fremde Dame ihr vielleicht einen Verehrer ausgespannt hätte und lachte über meinen schlechten Witz, der keinen Einfluss auf das ernste Gesicht meiner Tante hatte. Sie spielte weiter mit dem Feuerzeug, drückte eine halb zu Ende gerauchte Zigarette im Aschenbecher aus und zündete die nächste an. Wir schwiegen beide. Der chinesische Besitzer  kam mit dem Essen, stellte die Teller auf heiße Platten, unter denen er zuerst Kerzen anzündete, verteilte den Reis, gab ein paar Stücke der knusprigen Ente auf unsere Teller und etwas Gemüse. Martha rührte das Essen nicht an, und ich wollte nicht vor ihr beginnen, nahm jedoch noch einen Löffel voll pikantem Schweinefleisch.

Plötzlich ergriff sie meinen Arm und sagte: »Mach keine blöden Witze, du hast doch keine Ahnung. Die Frau hat ein schreckliches Schicksal und dennoch empfinde ich kein Mitleid. Sie hat ihre beiden Kinder zurückgelassen und ist schuld, dass deine Großmutter nicht überlebte.« Sie sprach ruhig, fast zu leise, ließ meinen Arm los und schob langsam den Teller, der vor ihr stand, von sich weg.  

Ich erschrak und erinnerte mich an ein Ereignis, das mir meine Mutter vor langer Zeit als ich noch zur Schule ging, erzählt hatte. Es ging um eine Frau in Prag, eine entfernte Verwandte, die reich geheiratet hatte und in einer Villa mitten in der Stadt nicht weit vom Ufer der Moldau wohnte. Ein Jahr vor der Besetzung durch die Deutschen fuhr sie mit ihrem Mann nach London und suchte ein geeignetes Haus für die Familie, ließ jedoch ihre beiden Kinder zurück in Prag, die sie später nachholen wollte. Sie lief wochenlang in London herum, doch nichts schien ihren Ansprüchen zu entsprechen, und sie suchte weiter und weiter bis plötzlich völlig überraschend die Deutschen Prag besetzten und niemand mehr die Stadt verlassen konnte. Die beiden Kinder und die Frau, bei der sie die Kinder ließ, überlebten den Krieg nicht und wurden in einem Konzentrationslager ermordet. 

 »Ich erinnere mich an diese furchtbare Geschichte, meine Mutter hatte sie mir erzählt. Aber was hat das alles mit meiner Großmutter zu tun?« Fragte ich Martha. Sie schwieg, saugte an der Zigarette mit tiefen, langen Zügen, und ich beobachtete die Glut, die sich langsam, fast ohne Unterbrechung dem Filter näherte.

Dann sagte sie: »Es war deine Großmutter, die auf die beiden Kinder aufgepasst hat, die von der Frau auf den Krücken zurückgelassen worden sind.« 

Für einen Moment konnte ich kaum atmen, hielt immer noch die Stäbchen in einer Hand und legte sie jetzt auf den Tisch neben meinen Teller, auf dem ich inzwischen kunstvoll neben den Entenstücken das süßsaure Fleisch mit dem Reis vermischt hatte, um die zusammenklebenden Klumpen leichter mit den Stäbchen essen zu können. Ich versuchte, mich an die Erzählung meiner Mutter zu erinnern, war mir jedoch sicher, dass sie ihre eigene Mutter nie erwähnte. Diesen Teil der Katastrophe hatte sie mir verschwiegen.

»Das hat mir meine Mutter nie erzählt«, sagte ich endlich. Es drückte mir den Hals zusammen beim Sprechen und Martha reagierte nicht sofort, antwortete jedoch dann: »Das konnte sie auch nicht, sie konnte nicht darüber sprechen. Wie kann man der Frau vorwerfen, sie wäre verantwortlich für den Tod deiner Großmutter, wenn sie ihre eigenen Kinder verloren hat. Es war alles so verdammt grausam damals.«

Wir saßen schweigend vor unseren Tellern, und das einzige Geräusch, das ich hörte, war Marthas Ausblasen des Rauches. Dann nahm sie einen Löffel, denn sie hasste Stäbchen, klopfte damit laut auf den Tisch, sodass der Chinese zu uns hersah, und sagte: «Und jetzt bin ich auch noch im selben Heim wie sie, als ob sie uns ein Leben lang verfolgen würde, als ob uns das alles ein Leben lang verfolgen würde.« Blickte mich an mit ihren schmalen, alten, wässrigen Augen hinter den dicken Brillen an und ich wusste nicht, ob es Tränen waren, bis sie das Schweigen unterbrach und sagte: »Was soll’s, verdammt noch einmal, jetzt wird gegessen bevor alles kalt ist.«

Zurück im Heim verabschiedete ich mich von Tante Martha und versprach ihr, in ein paar Monaten wieder zu kommen und sie wieder zum Chinesen mitnehmen. Sie lächelte und berührte mit der Hand meine Wange, was selten vorkam. Eine Betreuerin übernahm den Rollstuhl und Martha hatte wieder ihre Hände auf der Decke. 

Ich warte ein paar Minuten und ging durch die gegenüberliegende Tür in den Gang, in dem die Frau auf den Krücken verschwunden war, kam in einem großen Raum, in dem ein Fernseher mit übergroßer Leinwand an der Wand einen Film zeigte und vereinzelt auf weichen Sofas ältere Frauen und Männer saßen und zusahen. Ich entdeckte die Frau im schwarzen Kleid mit der weißen Bluse. Sie saß mit dem Rücken zu mir und schien auf die Leinwand zu schauen, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Die beiden Krücken lagen auf dem Boden neben dem Sofa. Ich blieb kurz stehen und überlegte, was ich zu ihr sagen sollte und ging dann langsam um sie herum. Sie hatte die Augen geschlossen und schlief.

Was für ein alt gewordenes, trauriges Gesicht, dachte ich und war plötzlich froh, dass ich nicht mit ihr sprechen musste. 

 

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