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Feuilleton

Wir sind keine Sünder

Von der Zuversicht in Zeiten des Umbruchs

Zeiten großen Umbruchs bedeuten immer auch allgemeine Verunsicherung. Um den Umbruch jedoch zu bewältigen, braucht es Mut, Weitsicht und viel Freude am Improvisieren. Wer dazu nicht talentiert ist, also die meisten, der sucht sein Heil gern in Zukunftsängsten, bevorzugt in der Überhöhung als Weltuntergangsstimmung. Des Weiteren braucht er Menschen, die schuld sein sollen, Verhältnisse, auf die er mit dem Finger zeigen kann. Folgt man der Botschaft der meisten Nachrichtensendungen, Politiker und etlicher Wissenschaftler, dann sind die Schuldigen am kollektiven Unbehagen spielend leicht auszumachen. Sie sitzen in den Banken, in der Industrie – und im Klimageschehen. Dort werde, insinuiert man oder spricht es sich rundheraus von der Seele, auf unverantwortliche Weise unsere Zukunft, ja die gesamte Natur gegen kurzfristigen Gewinn verschachert. Davon sei die gesamte natürliche Weltordnung in Gefahr.

Man kennt das Szenarium. Beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit etwa, als durch den Siegeszug der Wissenschaften die alten Weltbilder zusammenbrachen, erwartete man in deutschen Landen vielfältig das Jüngste Gericht. Es gab sogar Dörfer, die über den Winter ihr Viehzeug und Saatgut verspeisten, die man nach dem Ende der Welt ja nicht mehr brauchte. Zum sorgfältig errechneten Termin, der für so sicher gehalten wurde wie heute die Ergebnisse der Klimaforschung, versammelte sich die Dorfgemeinschaft auf freiem Feld und erwartete bußfertig das göttliche Gericht. Als das nicht eintraf, waren grausamer Hunger und elende Not die entsetzliche Folge der winterlichen Verschwendung.

An der Überzeugungskraft neuzeitlicher Vernunft und der Wissenschaften hat das nichts geändert – bis Mitte des 19. Jahrhunderts das Zeitalter der Industrialisierung anbrach, das die Lebensgewohnheiten erneut revolutionierte. So gern etliche Folgewirkungen auch akzeptiert wurden und werden, was Frauenrechte, Kindersterblichkeit oder Breitenbildung anbelangt: der Eintritt ins Industriezeitalter gilt vornehmlich als Austritt aus den natürlichen Lebenszusammenhängen, wie sie bis dahin seit Urzeiten geherrscht hätten. Viele meinen, und die Ansicht ist selbst in Industriellenkreisen weit verbreitet, der Welt sei dadurch ein zweiter Sündenfall geschehen, sie sei aus den innersten Fugen geraten und richte sich in der Folge nicht nur gegen ihren Erfinder, den Menschen, sondern inzwischen auch gegen die gesamte Schöpfung.

Der Mensch ist Natur

Aber das ist ein gewaltiger Denkfehler. Der industrielle Mensch ist selber ganz genauso Natur wie alle menschliche Natur vor ihm, und er ist nicht weniger Natur als alles, was neben ihm auf dem Planeten lebt. Gewiss schaffen manche seiner technisch-industriellen Hervorbringungen Probleme, aber das tun Frost und Vulkane, Ratten und Viren ebenso – nicht alles, was die Natur jenseits des Menschen bereithält, ist friedlich und schön, die Natur hat auch unangenehme Seiten. Ohnehin ist die natürliche Ordnung auf unserem Planeten ja kein friedvoll-harmonisches System, sondern eher ein Hauen und Stechen, ein auf und ab wogendes sich Behaupten und Verdrängen. Trotzdem gibt es inmitten all der naturgeschichtlichen Umbrüche und Katastrophen einen harmonischen Geist, der alles zusammenhält. Nur ist er gewiss nicht der Geist der Natur, weil der die Beziehungen zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt eben nicht sanft, sondern ziemlich ruppig gestaltet.

Es hat auch niemand, als die Industrialisierung einsetzte, einen perfiden Plan verfolgt. Vielmehr war das, was den Menschen technisch und industriell nach vorn katapultierte, in ihm angelegt und über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende vorbereitet. Es musste nur der Moment kommen, an dem sich das Angelegte entwickeln konnte. Die Zeiten davor, geprägt vom Forscher- und Entdeckergeist eines Leonardo da Vinci, Christoph Columbus, Galileo Galilei, mündeten ganz frei und zwanglos in die Entdeckungen und Handlungen eines Werner von Siemens, Gottlieb Daimler oder Konrad Zuse, und so sind Zivilisation und Hochtechnologie vollgültiger Ausdruck einer gesteigerten natürlichen Ordnung. Wenn etwas den Unterschied zu den Zeiten davor markiert, dann jene Gesteigertheit der technischen und zivilisatorischen Möglichkeiten. Daran ist aber nichts abnorm, nichts gegen die Natur gerichtet. Sondern es ist der sichtbare Ausdruck eines Potenzials, den die Natur im Menschen bereithält.

Anders gesagt, ist ein Ferrari unter dem Aspekt geschichtlicher Steigerung genauso natürlich gewollt wie eine Sumpfschildkröte. Der evolutionäre Entwicklungsgang, der Tierarten hervorbrachte, hat zwar viel mehr Zeit in Anspruch genommen. Aber auch ein Auto will entwickelt werden, und man kann einfach nicht sagen, dass es nicht Ausdruck eines immer schon vorhandenen, über Jahrmillionen schlafenden Potenzials wäre. Es ist darum viel fruchtbarer, sich mit den kreativen Prozessen zu befassen, die zu der einen wie der anderen Erscheinung geführt haben, und sie zu ergründen. Vielleicht verstehen wir dann die Wege der Evolution noch viel besser und begreifen irgendwann auch, warum selbst einfachste Lebewesen und der Mensch genetisch überwiegend identisch sind.

Geschäft mit der Angst

Man mag heute das Wort Schöpfung nicht und ersetzt es durch den Terminus Ökosystem. Im Vergleich erweist sich der Begriff Schöpfung jedoch als überlegen, denn in ihm ist der Mensch auch in seiner heutigen Daseinsform integraler Bestandteil, während das Wort Ökosystem den Menschen regelrecht negiert, indem suggeriert wird, dass die Natur nur ohne den Menschen störungsfrei funktioniere – oder allenfalls dann mit ihm, wenn er sich vorindustriell in ihr bewege, am besten vielleicht als Neandertaler.

Inzwischen ist die so skeptisch gesehene, immer noch nicht recht verstandene industrielle Welt aber schon ins Informationszeitalter eingetreten und hat eine weit über den Erdball verteilte Welt zu einer einzigen, globalisierten Welt zusammengeschmolzen. Mit den nochmals gesteigerten Möglichkeiten wächst auch die Angst, ob die damit einhergehenden Veränderungen nicht völlig aus dem Ruder laufen und auch alle Rest-Natur vernichten werden. Die globale Verunsicherung erstreckt sich zum einen aufs Wetter und zum anderen auf jene Gebiete, in denen sichtbar Neues geschieht: Gentechnik, Biotechnologie, Nanotechnologie, Informations- und Nukleartechnologie. Sie alle bieten ungeahnte Möglichkeiten, die der Zivilisation neuen Schub geben können, nicht anders als die globalen Finanzsysteme, die in der Rhetorik frühindustriellen Klassenkampfs aber zu schrecklichen Monstern und altbiblischen Heuschrecken mutieren.

Viel eher droht unsere Zukunft daran zu scheitern, dass Zivilisation und Natur aus lauter Angst vor Veränderung und neuen Lebensumständen gegeneinander ausgespielt werden, und es ist bemerkenswert, wie sich die Bilder gleichen. Denn in der Klimakatastrophenangst wiederholt sich die seit Urzeiten immer wiederkehrende Furcht vor der Sündflut, und heute wie damals gibt es Leute, die es verstehen, mit der Angst Geschäfte zu machen. Um ihr Schreckensszenarium zu bannen, muss man sich nur eines klarmachen: Wenn wir der Natur vertrauen dürfen, dürfen wir aus denselben Gründen auch ihrer Steigerung, der Zivilisation, vertrauen. In ihr waltet der gleiche Ratschluss wie in der Natur, sie ist nicht von ihr verschieden. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob man für dieses Vertrauen einen schöpferischen oder ökologischen Ratschluss annimmt – solange der Mensch darin eingeschlossen bleibt.

Wenn wir vor unseren eigenen gesteigerten Möglichkeiten zurückschrecken, weichen wir in Wahrheit vor dem Plan der Natur zurück, sich selbst zu gestalten und fortwährend Sinnsteigerung zu erlangen. Im menschlichen Bewusstsein hat die Natur die Kraft und die Fähigkeit dafür ausgesät: darum zielt sie auch mit nichts, das dort entsteht, auf den Untergang der Natur. Dass der Mensch moralisch Verantwortung für das trägt, was er gestaltet, ist Teil der Natur. Umso mehr sollte er darauf achten, dass er den fortschreitenden Möglichkeiten sinnhaft Rechnung trägt und das Saatgut nicht an den Dämon seiner Angst vor dem Neuen, vor der Zukunft verfüttert. Sonst wird es dahin kommen, dass der Mensch seine Wirtschaft und Wissenschaft grundlegend ruiniert.

Erstveröffentlichung in DIE WELT.

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