Im Schlaglicht International

Die Krise der Türkei wird zur Krise Europas

Showdown am Bosporus

Bei der Umwandlung der Türkei von einer säkularen Republik in eine islamische Autokratie war Recep Tayyip Erdoğan nicht zimperlich. Nach dem inszenierten oder tatsächlichen Putschversuch 2016 wurden binnen weniger Tage mehr als 40.000 Staatsbedienstete suspendiert; 13.000 Soldaten, Richter, Polizisten und Staatsanwälte wurden festgenommen. 24 Rundfunk- und Fernsehstationen wurde die Sendelizenz entzogen. Mehr als 150 Journalisten schmoren in den Gefängnissen des Landes, schätzt P24, eine türkische Plattform für unabhängigen Journalismus. Der Zugang zu Wikipedia ist seit 2017 für alle Sprachversionen im gesamten Land gesperrt. Pressefreiheit und Menschenrechte sind in Erdoğans Türkei marginalisiert. 

Erdoğan entfremdet das Land vom Westen auch militärisch. In Militärstützpunkten in Ankara sitzen an die 200 russische Berater. In Syrien agiert das NATO-Mitglied, das seinen Partnern zum Beistand verpflichtet ist, wie ein Gegner der NATO. In Afrin riskierte die Partei eine direkte Konfrontation mit den USA, die Soldaten der beiden stärksten Armeen der NATO standen auf gegnerischen Seiten. Griechenland wird ständig provoziert. »Luftraumverletzungen über der Ägäis durch türkische Militärmaschinen stehen an der Tagesordnung, gefährliche Zwischenfälle mit türkischen Kriegsschiffen sind zu beobachten, die militärischen Provokationen mehren sich rasant.«, wie vor der Präsidentschaftswahl im KURIER zu lesen war. 

Aus der politischen Krise resultiert die wirtschaftliche. Die Türkische Lira ist im freien Fall. Seit Jahresbeginn hat sie rund die Hälfte ihres Werts verloren, kurzfristige Erholungsphasen werden am Trend nichts ändern. Mit der Lira kommen auch die Währungen von Schwellenländern wie Mexiko, Indonesien und Indien unter Druck. Zwar beträgt die Staatsverschuldung der Türkei nur 26% vom BIP, aber mehr als ein Drittel der Unternehmen ist in Euro oder Dollar verschuldet, insgesamt schuldet die Türkei in diesen Währungen 276 Milliarden Dollar. Hält der Fall der Lira an, wackeln die Kredite. Die Unternehmen stecken in einer Doppelmühle: Kredite in Lira werden wegen der steigenden Zinsen immer teurer, Kredite in Fremdwährungen wegen des Absturzes der heimischen Währung. Die Inflationsrate beträgt 16%. Die Türkei importiert fast 90 Prozent ihrer Energie – mit dem Dollarkurs steigen die Energiekosten, was vor allem die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten am stärksten trifft, die bisher mehrheitlich Erdoğan unterstützten. 

Der Analyst James Rickards hatte schon im Februar vor einem wirtschaftlichen Kollaps der Türkei gewarnt. Nicht unwahrscheinlich, dass ein ökonomischer Zusammenbruch zur Folge hätte, was den Gegnern des Regimes nicht gelungen ist: die Herrschaft Erdoğans zu beenden. Was danach kommt, weiß niemand. 

Das sind keine beruhigenden Aussichten für Europa. Südeuropäische Banken sind mit 137 Milliarden Dollar an Krediten in der Türkei engagiert, allein auf Spanien entfallen davon 80 Milliarden. Diese Länder sind nicht gerade für ihr stabiles Bankensystem bekannt. Die italienische UniCredit, die Mutter der Bank Austria, ist mit 41% an der viertgrößten türkischen Bank beteiligt.

Dass Europa die Sicherung seiner Außengrenzen zu einem erheblichen Teil dem Möchtegern-Sultan vom Bosporus überantwortet hat, könnte sich schneller rächen als befürchtet. 

 

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