Feuilleton

Wir haben es besser gemacht

Aus dem Corona Tagebuch (12)

Wir sind in diesen Zeiten gezwungen, Stellung zu beziehen. Gleichgültigkeit wird nicht akzeptiert. Einfach nur die Vorschriften einhalten, ohne sie zu kommentieren, ist bereits verdächtig. Die Meinung, die sich aus Informationen der verschiedensten Fachleute formt, muss erkennbar sein, deutlich und unzweideutig. Dabei bildet die Vielfalt der Bewertungen unendlich viele Möglichkeiten, sich zu distanzieren oder zu solidarisieren, vielleicht sogar in Begeisterung oder Empörung auszubrechen. 

Man könnte zum Beispiel die nationalen Unterschiede berücksichtigen, den schwedischen Weg kritisieren, die Maßnahmen in Süd-Korea loben und sich erschüttert zeigen über die Ereignisse in New York. Das ergibt eine Art nationaler Hitliste, auf der nach Todes-Zahlen gereiht wird, ganz oben mit den meisten Überlebenden und ganz unten mit den meisten Toten. Lebt man in einem Land mit weniger Toten, kann man stolz auf die Unterschiede verweisen, lebt man in einem Land weiter unten auf der Liste, könnte immer noch die statistische Bewertung infrage stellen. 

Die Toten sind plötzlich der Gradmesser für Erfolg, auch das ist neu. Sind es in Kriegszeiten gewonnene Gebiete oder Schlachten, bei Wahlen mehr oder weniger Stimmen und im Sport messbare Leistungen, doch Tote? Selten war es die geringe Anzahl der Verstorbenen, mit der man sich rühmen konnte.

Eine weitere Bewertung bietet die politische Positionierung der Regierungen im Verhältnis zu Maßnahmen und Verstorbenen. Der US-Präsident wird mit dem britischen Premier und dem Staatschef von Brasilien auf ungefähr eine Ebene gestellt, die, würden wir sie wieder in einer Hitliste einordnen, weit unten ihren Platz hätten. Alle drei gelten als politisch ›rechts‹ stehend und ihre Versäumnisse bei der Bewertung der Gefahren wird von vielen im Zusammenhang mit ihrer politischen Stellung in Verbindung gebracht. Schweden hat eine linke Regierung, doch die Kritik an den Entscheidungen der verantwortlichen Politiker wird nie als typisch für ›linke‹ Politiker beschrieben, sondern der ›schwedische Weg‹ wird eher sachlich als Fehleinschätzung der Corona-Krise beurteilt. 

In der Tschechischen Republik herrscht ein europäischer Trump und in Ungarn überhaupt ein rechter Möchtegern-Diktator, und beide Länder zeigen gute Erfolge in der Beherrschung der Krise. In Süd-Korea regiert eine stramm rechts-populistisch Regierung, auch sie hat eine der erfolgreichsten Strategien gegen Corona durchgesetzt. In Taiwan unterscheiden sich die Parteien nicht so sehr als linke oder rechte, sondern in ihrer Bewertung des Verhältnisses zur Volksrepublik China. Auch in Taiwan hat die Regierung hervorragende Arbeit geleistet und gilt rückblickend als eines der Musterländer in der Bewältigung der Katastrophe. In Neuseeland regiert die Vorsitzende der Labour Party, also eine eher linksorientierte Regierung, und das Land hat ähnlich wie Taiwan und Süd-Korea gute Arbeit geleistet.

Weiters müssten Faktoren berücksichtigt werden wie Altersstruktur der Bevölkerung, hier schneidet Italien besonders ungünstig ab. Ghetto-Bildungen der ärmeren Schichten, wie die dicht bevölkerten Gebiete in Queens und Harlem, New York, oder die südlichen Bezirke in Chicago. Nicht zu reden von den Slums in Bombay und Manila. Das Niveau der Gesundheitssysteme, der medizinischen Versorgung in den Altersheimen, die Möglichkeiten breite Schichten der Bevölkerung zu testen, Untersuchung der Todesursachen, statistische Verfassung von Vor-Erkrankungen und viele andere Kriterien.

Das Wenige, das ich von Statistik, Medizin und Mathematik verstehe, reicht nicht aus, um Informationen aus den verschiedenen Ländern miteinander zu vergleichen. Natürlich geben extreme Unterschiede bei Neu-Infektionen und Todesfällen einen Hinweis auf Erfolg oder Miss-Erfolg einer Strategie, doch es sind Richtlinien und keine absoluten Werte wie bei der Messung der Zeit konkurrierender Schifahrer beim Abfahrtslauf. 

Das klingt alles rational und überlegt, doch wir sind Menschen und keine programmierten Roboter, und ein quantitatives Ergebnis genügt uns nicht, eine Zahl der verminderten Infektionen und Toten beeindruckt sicherlich, aber war’s das schon? Das soll alles gewesen sein? Wo ist das Lob, das Gefühl, gemeinsam das Virus vertrieben oder getötet zu haben, sich als Sieger zu fühlen, wo ist das Erfolgserlebnis, es ›richtig‹ gemacht zu haben?

Erfolg und Sieg definieren sich fast immer durch den Unterschied zu Versagen und Verlieren und zeigen sich in der Abweichung zum Verhalten des Konkurrenten. Erst das Fehlverhalten des anderen macht uns wirklich glücklich und zufrieden, wenn wir es besser machen. Die Möglichkeit des Scheiterns, des eigenen Scheiterns, macht das Nicht-Scheitern zum wahren Glückserlebnis. Berichte über Erfolge beginnen daher meist mit den Worten: »Im Vergleich zu … bin ich eigentlich ganz gut, eigentlich sogar sehr gut.« Oder: »Also, wenn ich an … denke, kann ich stolz sein, dass ich …« Oder: »Hast du schon gehört von …, da stehen wir anders da.« Oder: »Also stell dir vor, was der gesagt hat, ich habe ihm sofort geantwortet, …«

Nichts macht dem Menschen mehr Spaß, als sich gegenüber anderen in einer Hierarchie zu platzieren, die man sich nach eigenen Kriterien zusammengebastelt hat. Üblicherweise genügt der Abstand zum Nachbar, zum Freund, zum Arbeitskollegen, oder zum Feind oder Gegner. In der unmittelbaren Umgebung entdecken wir die Ungleichheit und genießen sie, sie macht uns zufrieden und nährt unsere Eitelkeit. 

Doch wie funktioniert das Erfolgserlebnis in der Corona-Krise, wenn nichts, absolut nichts eingetreten ist, was uns vorhergesagt wurde. Die meisten wurden nicht krank, sind nicht gestorben und kennen auch niemanden, der krank wurde oder an Corona gestorben ist. Ich möchte mich entschuldigen bei jenen, die tatsächlich Angehörige verloren haben oder selbst durch die Krankheit betroffen sind. Aber an mehr als 95 Prozent der Bevölkerung geht die Sache einfach vorbei, wenn auch als Bedrohung und mögliche Katastrophe. Wie soll man sich mit dem Nachbarn messen, der ebenfalls nicht krank geworden ist? Wo bleibt das Erfolgserlebnis, die Belohnung für das Respektieren der Einschränkungen?

Um uns aus diesem Dilemma zu retten, vergleichen wir uns mit Toten, mit Kranken, mit Nicht-Mehr-Zu-Rettenden in anderen Ländern, erweitern sozusagen den Kreis der Nachbarschaft. Und es funktioniert und hat seine berechtigte und wichtige Bedeutung. Wir brauchen den Vergleich, weil wir die erschütternden Ereignisse nicht selbst erleben oder beobachten. Der Schrecken des Toten im Nachbarhaus fehlt uns, um die Vorschriften einzuhalten, doch die warnenden Zustände in anderen Ländern wie Italien, Großbritannien, USA und China wirken, und nur der Gedanke, dass wir es mit der Einhaltung der Einschränkungen besser machen, rettet den Gehorsam. 

Daher sind die Schreckensmeldungen über Schweden, die USA und Italien durchaus berechtigt. Vor allem zu Schweden überschlagen sich die negativen Meldungen, denn ein Erfolg dieser lockeren Handhabung hätte uns verzweifeln lassen, wir hätten mit dem Bewusstsein leben müssen, verloren zu haben. 

Erst erschreckende Beispiele, dass im Falle der Nicht-Einhaltung der Bestimmungen Krankheit und Tod eine reale Bedrohung darstellen – wie in Schweden eben – lässt uns widerstandslos die Anordnungen befolgen, und das vergleichende Ergebnis gibt uns das ersehnte Gefühl – wir haben es besser gemacht! 

 

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