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Österreich

Wer ist HC Strache?

Photo: Gregor Tatschl, CC BY-SA 2.0

Annäherung an ein Phänomen

Wer sich die Mühe macht, das Internet nach Beiträgen, Analysen und Porträts über HC Strache abzusuchen, wird eine eindrucksvolle Fülle von Essays, Interviews, Reportagen und Kommentaren finden, die alle eines gemeinsam haben: Man wird kaum ein positives Wort über ihn finden.

Sich dem Thema Strache zu nähern, ohne in dieses Fahrwasser der Wiederholungen zu geraten, ist nicht einfach, denn die politisch interessierte Gesellschaft teilt sich in zwei unversöhnliche Lager. Die Gründe und Ursachen der politischen Realität Österreichs und den Erfolg Straches zu hinterfragen, endet in jedem Fall in einem Vorwurf – entweder man ist nicht kritisch genug und ignoriert seine Vergangenheit, oder man verbeißt sich in seine sogenannten Jugendsünden und zeigt dementsprechend keine Begeisterung.

Die meisten in- und ausländischen Beiträge und Analysen – seit neuestem auch Economist, Times und Newsweek – beschränken sich in ihrem Vokabular auf wenige Begriffe, die in einem fast schon musikalischen Rhythmus wiederholt werden mit der Verpflichtung nachzuweisen, dass Strache ein Rechtsextremer oder Neo-Nazi oder beides sei. Worte wie »Erfolg« oder »Aufstieg« werden vermieden, man spricht von Rechtspopulismus, von Propaganda mit Lügen und falschen Versprechungen, von Hetze gegen Ausländer und andere Minderheiten, und unterstellt seinen Wählern, sie seien Verirrte, Frustrierte und Enttäuschte der Wohlstandsgesellschaft, die einen Schuldigen für ihre schlechte Laune suchen, und einen, der ihren Ärger auch versteht.

Die Denkmechanismen der Gegner sind dabei so einfach gestrickt wie angeblich jene der Unterstützer – nur in ihrer Umkehr. Die Kritiker sehen sich als das logische Gegenteil der Unterstützer von Strache, die ihrer Meinung nach ungebildet sind, nur Kronenzeitung lesen, nie ein Buch in die Hand nehmen und kein Theater oder Konzert besuchen.

Dabei haben Gegner und Journalisten, die sich vor allem um die Vergangenheit Straches bemühen, nicht einmal unrecht. Sein geradliniger Weg in die rechtsextremen Jugendgruppen beginnt mit seinen Vorfahren väterlicherseits, die aus dem Sudetenland kommend verfolgt und zur Flucht gezwungen wurden. Einer starb als Zwangsarbeiter, ein anderer kurz nach dem Krieg wahrscheinlich an seinen Verletzungen. Seine Mutter, die später in einer Drogerie arbeitete, wuchs ohne Vater auf, ebenso wie Strache selbst, dessen Vater die Familie verließ und als »Aussteiger« die Welt bereiste. Eine unbeschwerte Jugend sieht anders aus.

Mit 15 Jahren schloss er sich der schlagenden, deutschnationalen Schülerverbindung »Wiener pennale Burschenschaft Vandalia« an und verliebte sich in die Tochter des bekannten Rechtsextremen Norbert Burger, die ihn immer wieder zu sich nach Hause einlud. Mit seiner Begeisterung für aggressive Männervereine aus dem rechten Lager schläft er in Zeltlagern in Kärnten mit Neonazis und stolziert in Uniform mit Gummiknüppel und Pumpguns herum, nimmt an Treffen der deutschen, rechts-nationalen Wiking-Jugend und mit einem weiteren Star der rechten Szene, Gottfried Küssel, an Wehrsportübungen in Niederösterreich teil.

Strache selbst beschrieb seine zahlreichen Wochenenden bei der Familie Burger in Kirchberg am Wechsel als Suche nach einem Vater, den er nie hatte, und öffnet damit eine Tür zu einem möglichen Motiv seines Interesses an Männerbünden in seiner Jugend. Er kommentierte diese Epoche seines Lebens mit den Worten: »Ich war deppert, naiv und jung.« Ausgerechnet der SPÖ-Vorsitzende Alfred Gusenbauer rettete ihn wahrscheinlich vor dem erzwungenen Rücktritt aus allen politischen Ämtern, als wieder einmal Fotos aus seiner Jugend bei rechtsextremen Bewegungen auftauchten, mit dem Hinweis, man könne nicht jemandem Jugendtorheiten vorwerfen, sondern müsse ihn nach seinen heutigen Taten beurteilen.

Wer ist nun HC Strache heute, nach dieser Jugend in extremistischen Organisationen? Trotz aller Kritik und Aufdeckung seiner »Schandtaten« ist er heute Vize-Kanzler in der Koalition mit der ÖVP und die Regierung erfreut sich einer stabilen Unterstützung in der Bevölkerung. Vielleicht ist seine Karriere gar nicht so ungewöhnlich, vergleicht man sie mit anderen »Helden« der modernen Politik. Sein politischer Weg zeigt zum Beispiel erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem Grün-Politiker Joschka Fischer, der sich mit grandiosem Geschick von der Phase sogenannter »Jugendsünden« als ehemaliges Mitglied der links-extremen Terrorszene befreite und es zum Außenminister und Vize-Kanzler schaffte. Beide sprechen immer wieder von unterschiedlichen Epochen in ihrer Entwicklung und dem »Erwachsen-Werden« und forderten von ihren Kritikern zu akzeptieren, dass Menschen sich im Laufe ihres Lebens ändern können.

Der Aufstieg

Straches politischer Erfolg begann mit der Übernahme der FPÖ 2005. Seit 1989 Mitglied der Freiheitlichen Partei, schaffte er es nicht, während der Jahre, als Jörg Haider und Susanne Riess die Partei führten, eine entscheidende Rolle zu übernehmen. Nach seiner Wahl zum Partei-Obmann gelang ihm, die zerstörte Partei zu vereinen und Schritt für Schritt zu den gleichen Erfolgen zu führen, die sie unter Jörg Haider hatte. Sein größter – jedoch ignorierter – politischer Erfolg war sicherlich die Vereinigung mit dem abgespaltenen BZÖ.

Immer wieder fast zynisch und verachtend als Lehrling von Haider beschrieben, der seinen Lehrmeister nie erreichen werde, baute Strache eine schlagkräftige Organisation auf, die entscheidende Vorteile gegenüber der Partei unter der Führung von Jörg Haider hat. Die Illoyalität eines schwachen Mittelbaus, die zum Sturz der Koalitionsregierung 2002 geführt hatte, sollte sich nicht wiederholen. Strache agiert eher wie ein vorsichtiger Unternehmer eines Mittelbetriebes und lässt Unter-Organisationen ihre Funktionäre selbst wählen, ohne sich einzumischen oder eigene Leute gegen den Willen der Mitglieder durchzusetzen. Der Mittelbau und damit die Organisation festigten sich und gaben der Parteiführung eine neue Chance, mit der ÖVP eine stabile Koalition zu bilden.

Strache agiert nicht als das bewunderte Idol, auf dessen Zustimmung alle bei Entscheidungen warten, sondern lässt Dinge einfach geschehen, agiert zurückhaltend und vorsichtig. Seine Beliebtheit in der Partei und seine guten Ergebnisse bei Parteitagen werden heute von einer Funktionärsebene getragen, die ihm einerseits vertraut, anderseits seine Zurückhaltung als Parteivorsitzender ausnützt und eigene Wege geht. So kommt es zu Gleichzeitigkeiten, die der Partei oft schaden, wie zum Beispiel die Teilnahme der Parteiführung bei den Gedenkveranstaltungen in Erinnerung des Holocaust und dem gleichzeitigen Besuch von FPÖ-Funktionären bei Gräbern von SS-Offizieren – da keine entsprechenden Konsequenzen zu befürchten sind.

Dennoch ist Strache heute wahrscheinlich einer der am meisten unterschätzten Politiker Österreichs. Von den Medien entweder verteufelt oder mitleidig belächelt, nie respektiert oder bewundert, arbeitete er sich mit einer enormen Konsequenz nach oben und mit ihm die Partei im Schlepptau. Die Tatsache, dass er ewig im Schatten des oft überschätzten Jörg Haiders heute die gleichen Resultate bei Wahlen erzielt, zeigt, wie erfolgreich er die FPÖ konsolidierte. Das rechte Lager mit etwa einem Viertel der Wähler läuft nicht mehr einem »Verführer« hinterher, wie man einst die Wahlerfolge Haiders interpretierte, sondern fühlt sich von den politischen Inhalten dieser Partei angezogen.

Wer ihn bei seinen Reden, Interviews oder in Diskussionen beobachtet, wird wenig beeindruckt sein von seiner Schlagfertigkeit oder Intellektualität. Er beschränkt sich gekonnt auf wenige Themen, wiederholt sie konsequent, lässt sich selten aus der Ruhe bringen und scheitert immer nur dann, wenn er seine Sicherheitszonen verlässt. Egal bei welchen Themen die Gespräche oder Diskussionen beginnen, Strache schafft es, dass sie irgendwann dort enden, wo er sie haben will, und er seine Meinungen deponieren kann. Ohne ein rhetorisches Genie zu sein, lenkt er weniger durch überraschende Antworten als durch Konzentration und Wiederholungen auf Ebenen, auf denen er sich sicher fühlt und etwas zu sagen hat.

Er ist der Anti-Held des Charismas und bestätigt die Unberechenbarkeit der Popularität von Politikern, die sowohl als Zauberer als auch als Langweiler die Menschen begeistern können. Er widerspricht jeder Regel der Popularität und ist die Ausnahmeerscheinung, die den unspektakulären Weg zum Erfolg zeigt, dem ihm keiner zugetraut hatte. Nichts an ihm wirkt aufgesetzt, gekünstelt oder eingeübt, er präsentiert sich als der naive Optimist, der an den Erfolg glaubt, auch wenn alle anderen darüber lachen.

Er ist nicht der General in der schillernden Uniform, sondern der Spieß, der erfolgreich einen Offizier ersetzt. Immer wieder wird berichtet, dass der eine oder andere in seiner Umgebung der eigentliche Chef der Partei sei. Das stört ihn scheinbar nicht. Er lässt Menschen, die als angeblich intelligenter und geschickter beschrieben werden, seelenruhig neben sich wirken und scheint sich nie von ihnen bedroht zu fühlen.

Was hilft es, noch ein paar Dokumente über seine Vergangenheit auszugraben und auf die entsprechende Empörung zu warten. In der Demokratie zählt der Erfolg bei Wahlen und nicht die Häufigkeit kritischer Zeitungsartikel und TV-Sendungen. Straches Aufstieg ist auch die Niederlage einer Gesellschaft, die sich als »kritisches Gewissen« definiert, jedoch sprach- und ideenlos ohne überzeugende Argumente seinen Erfolg nur aus der Position einer »moralischen Überlegenheit« beobachtet und kommentiert.

Wahlen werden nicht mit dramatischen Vergleichen mit der Vergangenheit gewonnen. Die Gegner von Strache und der Freiheitlichen Partei werden akzeptieren müssen, dass auch diese Partei nur über eine inhaltliche Auseinandersetzung besiegt werden kann, und nicht alleine mit dem Verweis auf »moralische Unterschiede«. Politische Verantwortung in einer Demokratie muss sich an Ethos, Moral und Sittlichkeit orientieren, kann jedoch die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Wählern nicht ersetzen, die Lösungsvorschläge für Probleme erwarten, die sie beschäftigen und belasten.

 

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