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Feuilleton

THE BEATLES

Photo: Patrick Despoix, CC BY-SA 4.0

Das ›Weiße Album‹

Im Mai 1968 begannen die Beatles mit der Arbeit an einem neuen Album, das sie später das »Weiße Album« nannten. Sie waren nicht sehr zufrieden mit ihrer Arbeit und ihr Produzent George Martin schüttelte meist zweifelnd den Kopf, wenn später die Sprache auf das Album kam, doch für die damals wichtigste Musikzeitschrift Rolling Stone war es das beste, das die Beatles je produziert haben.

Diesen Monat brachten die verbleibenden Beatles ein »Re-Mix« auf den Markt, mit verbessertem Klang und moderner technischer Qualität, und wieder setzt sich die Diskussion fort, ob es nun ein »Masterpiece« ist oder eben nicht. Die meisten Kritiker beschäftigten sich mit der Musik und verglichen die einzelnen Songs mit anderen Alben, ohne jedoch auf die Texte einzugehen. Doch das Weiße Album ist nur zum Teil musikalisch ein mögliches Meisterwerk, wirklich sensationell sind die Liedertexte, die sich in den Songs verstecken und ein eindrucksvolles Dokument der damaligen Zeit wiedergeben.

Vier Revolutionen

Rückblickend auf das Jahr 1968 kann man von vier verschiedenen revolutionären Bewegungen sprechen.

Da war erstens die so genannte »Pop-Kultur«. Die Generation der »Baby-Boomer« wollte ihre eigene Kultur in den Alltag holen, und ihr Konsum konzentrierte sich auf neue Moden, Massenunterhaltung, neue Autos, Gadgets und Modernisierung des Haushalts mit einer erfrischenden Werbekultur, die mit originellen Ideen die Konsumenten erreichte. Pop-Künstler wie Andy Warhol dokumentierten das moderne Marketing in ihrer Kunst und zeigten die Verbindungen von Kultur und Kommerz.

Die zweite Bewegung richtete sich gegen jede Form der Autorität als »antiautoritäre Revolution« und hinterfragte nicht nur Gesetze und Verordnungen, sondern auch gesellschaftliche Regeln wie Erziehung, Frauen- und Minderheitenrechte, Diskriminierung von Homosexualität, Verhinderung von Abtreibung und Scheidungen. Frei und gleichberechtigt zu sein unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion und Hautfarbe waren die Grundlagen des »Civil Rights Movement« und gravierende Veränderungen setzten sich in den westlichen Gesellschaften durch. Zensur und Moral wurden infrage gestellt, ebenso die Selbstverständlichkeit der Diskriminierung und Einschränkung persönlicher Freiheiten für die verschiedensten Gruppen der Gesellschaft.

Die dritte Revolution richtete sich gegen die kommerzielle Kultur und fand in der Hippie-Bewegung ein Ventil und eine Alternative zur reduzierten und kommerzialisierten Welt des Protests. Mystische und spirituelle Systeme ersetzten die Pop-Kultur der »Kleinbürger«, die »Reise ins Innere« wurde propagiert als Ersatz für Konsum und Kommerzialisierung des Lebens. Die Welt könne verändert, Krieg und Armut beendet werden, wenn die Menschen nur an sich selbst arbeiten würden – war die Botschaft der Hippies.

Als vierte und einzige politische Bewegung meldete sich die neue »Linke« zu Wort. Studenten sammelten sich in marxistischen Gruppen, studierten Maoismus und bewunderten Fidel Castro und Ho Chi Minh. Der Protest gegen den Vietnam-Krieg schuf die gemeinsame Basis der Bewegung, für die sowohl die Pop-Kultur als auch die Hippie-Hysterie nur Auswüchse eines zu verachtenden, kapitalistischen Gesellschaftssystems waren. Selbst die brutale Kulturrevolution der Kommunisten in China fand ihre Anhänger im Westen, die Gefallen daran fanden, dass Bürokraten zum Dienst auf dem Land verpflichtet werden.

All diese vier Bewegungen findet man im Weißen Album, wenn man sich die Mühe macht, die Texte genauer zu studieren. Das Lied Revolution entstand am Höhepunkt der Pariser Studentenrevolte, und John Lennon, der den Song schrieb, war ziemlich kritisch den Studenten gegenüber und schrieb:

But if you want money for people with minds that hate
All I can tell is brother you have to wait.

Besonders negativ reagierte Lennon auf die Verherrlichung der kommunistischen Diktatoren:

But if you go carrying pictures of chairman Mao
You ain’t going to make it with anyone anyhow.

Die Studentenbewegung war ihm einfach nicht geheuer. Als in Berkeley, Kalifornien, ein Student bei einer Demonstration erschossen wurde, meinte Lennon, die Wehrdienstverweigerer sollten lieber nach Kanada flüchten, da nichts wert sei, sich dafür erschießen zu lassen. Abbie Hoffmann, einer der führenden Intellektuellen der anarchistischen Bewegung, kritisierte damals Lennon scharf und kündigte an, keine Platten der Beatles mehr zu kaufen.

George Harrison sprach mit seinen Liedern auf dieser Platte eher die spirituellen Themen der Hippie-Bewegung an. In einem seiner Lieder, Piggies, kritisierte er die »seelenlose Natur des Kapitalismus«. In einem anderen Lied macht er sich über den Konsum der Pop-Kultur lustig (Savoy Truffle) und warnt seinen Musik-Kollegen Eric Clapton, dass die viele Schokolade, die er ständig essen würde, schlecht für seine Zähne sei. Doch der entscheidende Unterschied zu seinen Kollegen in der Band war sein Interesse an Meditation und indischer Philosophie. Er besuchte immer wieder Meditations-Zentren in Indien und versuchte auch seine Freunde dazu zu überreden, die weniger begeistert reagierten und es dort nie länger aushielten.

Als das beste politische Lied auf dem Album wird von vielen der Song Blackbird von Paul McCartney verstanden – take these broken wings and learn to fly – und gilt als Unterstützung der Bürgerrechtsbewegung. Anderseits protestierten verschiedene rechte Gruppierungen gegen sein Lied Back in the USSR, obwohl es absolut nichts mit Kommunismus zu tun hat.

Now

Einer der wichtigsten Musik-Historiker beschrieb in dem Buch »Beatles, Revolution in the Head«, dass die vier aus Liverpool wie keine andere Musikgruppe die Stimmungen, Ideen und Fantasien der sechziger Jahre in Musik übertrugen. Der Ausbruch aus den traditionellen Werten und Grenzen schuf ein Verhalten des »Hier und Jetzt« – mit dem Begriff »Now« symbolisiert. Bis zu den Bürgerrechtsbewegungen der diskriminierten Minderheiten, zum Beispiel der schwarzen Bevölkerung in den USA, dessen wichtigster Vertreter Martin Luther King mit dem Buch »Why we can‘t wait« eine Massenbewegung unter dem Motto »Now« einleitete.

Dennoch, so wichtig und befreiend die sechziger Jahre erlebt wurden, brachten sie wenig neue Lösungen oder Strukturen. Die Zerstörung von Zwängen und Traditionen bereitete die »Befreiten« nicht auf eine veränderte Realität vor. Sexuelle und persönliche Freiheit hatte Scheidungen zur Folge, meist mit alleinerziehenden Müttern, Wohlstand und Konsum brachte Verschuldung und selbstverschuldete Armut, die »antiautoritäre« Erziehung endete im Chaos, das völlige Negieren jeder Tradition hinterließ Leere und Ausweglosigkeit, die mit neuen, praktikablen und funktionierenden Ideen nur selten ersetzt werden konnten. Das »In den Tag hineinleben« ohne Rücksicht und Vorsicht klang zwar verlockend in Liedern und Büchern, aber der nächste Tag kam dann eben doch und war oft der Beginn einer Katastrophe.

Fünfzig Jahre nach dem Erscheinen des Weißen Albums hat die moderne Technologie auf vielen Ebenen das »Hier und Jetzt« ermöglicht. Musik, Videos, Bücher, Wissenschaft und Filme kann man überall und zu jeder Zeit sehen, lesen und hören. Für viele Musikwissenschaftler gelten die Beatles als Erfinder des »Hier und jetzt« in der Musik. Ihre Arbeitsweise unterschied sich völlig von den Musikern vor ihnen, gleichgültig ob sie klassische oder Unterhaltungs-Musik produzierten. In den Studios arbeiteten sie spontan und oft ohne Plan, veränderten die Lieder ständig und erzwangen Pausen, wenn sie nicht weiterkamen, um sich ein paar Stunden später wieder zu treffen und weiter zu arbeiten.

Der Studio-Ingenieur Geoff Emerik beschrieb die Arbeitsweise der Beatles bei der Produktion des Weißen Albums als absolut chaotisch. Lennon, zum Beispiel, hätte überhaupt keine Geduld gehabt, sei immer wieder verschwunden und später mit neuen Ideen wieder aufgetaucht. Auch der Film Magical Mystery Tour sei ohne Drehbuch und Plan entstanden. Die Beatles buchten damals einen großen Bus und luden verschiedenste Künstler und Fachleute ein, mit ihnen eine Reise zu machen. Weder wurden die Route geplant, noch irgendwelche Übernachten gebucht.

Die kreative Spontanität beeinflusste das gesellschaftliche und künstlerische Leben bis in die Achtziger Jahre. Dann kam der Rausch nach Geld, jedoch wieder unter den Bedingungen des »Hier und Jetzt«.

 

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