Feuilleton

Tel Aviv, Flughafen

Die junge Frau und der komische Typ

Eine junge Frau in Uniform holt mich aus der Reihe der Wartenden. Sie entschuldigt sich, dass nach einem eher zufälligen Verfahren manche Reisende für eine genauere Kontrolle ausgewählt werden. Es habe nichts mit mir persönlich zu tun, ich solle keine Angst haben.

»Ich habe keine Angst, machen sie sich keine Sorgen«, antworte ich ihr. Sie ist groß, schlank, hat dunkle, lange, lockige Haare und sieht eher aus wie eine Frau vor einer Parfümerie, die den Vorbeigehenden ein neues Deo anpreist.

»Sorgen? Meine Sorgen sind andere«, sagt sie freundlich und weiß genau, wie ihr Lächeln auf ältere Männer wie mich wirkt. Doch ich nahm mir vor, das übliche Spiel bei der Kontrolle am Flughafen diesmal nicht mitzumachen, reagierte nicht auf ihre verführerische Art, blieb ruhig, ernst und verbiss mir ein Grinsen. 

»Woher kommen sie«, fragt sie mich. Sie blättert in meinem Pass.
»Aus Wien«, antworte ich.
»Ah Wien, eine schöne Stadt!« Sagt sie. Ich reagierte nicht.
»Leben sie in Wien?« Fragt sie.
»Nein«, antworte ich.

»Und, wo leben sie?« Nun begann ein hin und her, mit kurzen Fragen und Antworten, wobei jeder von uns beiden versuchte, die Ruhe zu bewahren.
»In Guildford.«
»Wo ist das«, fragt sie.
»In England.«
»Warum in England«, fragt sie.
»Hat sich so ergeben«, sage ich.
»Erklären sie mir das«, sagt sie.
»Unsere Söhne studieren in England«, antworte ich.
»Oh, was für nette Eltern«, sagt sie und lächelt wieder. Ich bleibe weiter ruhig und versuche, jede Freundlichkeit zu verhindern.

»Und was haben sie in Israel gemacht?« Fragt sie.
»Einen Freund besucht.«
»Wie heißt der und wo wohnt er?« Fragt sie. Ich nenne ihr Name und Anschrift.
»Was macht er?«
»Das müssen sie ihn selbst fragen«, antworte ich.
»Sie wissen nicht, was er tut?«
»Nein«, antworte ich.
»Wie können sie ihn dann einen Freund nennen?« Fragt sie.
»Ich such mir meine Freunde nicht nach deren Berufen aus«, antworte ich. Sie lacht und fragt: »Haben sie bei ihm gewohnt?«
»Nein.«
»Und? Wo dann?« Fragt sie.
»In einem Hotel, im Hilton Hotel«, antworte ich.
»Wie weit ist es vom Hotel zur Wohnung ihres Freundes?«
»Zehn Minuten mit dem Taxi, 45 Minuten zu Fuß«, antworte ich ihr.

»Sind sie Jude?« Fragt sie plötzlich. Ich nicke.
»Können sie Beten? Können sie mir irgendein Gebet aufsagen?«
»Nein, kann ich nicht«, antworte ich.
»Wie soll ich dann feststellen, ob sie Jude sind?« Fragt sie und grinst.
»Das ist ihr Problem«, antworte ich ihr.
»Wo leben sie? Ach ja, Guildford, wo ist in Guildford die Synagoge?« Fragt sie.
»Dort gibts keine«, sage ich und sie muss zum ersten Mal richtig lachen.
»Warum leben sie dann dort?« Fragt sie.
»Vielleicht weil es keine gibt«, antworte ich und versuche immer noch, ernst zu bleiben. Sie lacht laut auf. Ihr Kollege, der neben mir eine Frau interviewt, schaut auf sie und schüttelt den Kopf. Sie murmelt etwas auf Hebräisch zu ihm und wendet sich wieder mir zu.

»Sie wissen, warum wir das machen?« Fragt sie. Ich nicke und sage, dass ich verstehen würde, warum es notwendig sei.
»Warum machen sie sich dann darüber lustig?« Fragt sie mich.
»Ich beantworte ihre Fragen, ich finde daran nichts lustig«, antworte ich.
»Warum sagen sie dann, es gäbe keine Synagoge in Guildford!« Fährt sie mich plötzlich an.
»Weil es dort keine gibt«, antworte ich ruhig.
»Das glaube ich nicht. Das ist doch mitten in England«, sagt sie.
»Schauen sie doch nach im Internet!« Sage ich zu ihr, und sie tippt auf dem Tablet herum, das sie in den Händen hält.

»Sie haben recht, es gibt wirklich keine«, sagt sie dann, wird plötzlich ganz unerwartet persönlich und sagt: »Ich könnte dort nicht leben!«
»Warum? Gehen sie regelmäßig in den Tempel?« Frage ich sie jetzt.
»Nein, eigentlich nie«, antwortet sie.
»Warum müssen sie dann an einem Ort leben, wo es eine Synagoge gibt?« Frage ich sie. Sie macht ein Gesicht als ob sie nachdenken würde und sagt dann plötzlich: »So geht das hier nicht, sie können nicht einfach das Gespräch umdrehen und mir Fragen stellen!«

Jetzt verlor ich meine Kontrolle und musste lachen und sagte, es täte mir leid, das wäre nicht meine Absicht gewesen. Sie gibt mir den Pass zurück, sieht mich noch einmal ein paar Sekunden an und sagt plötzlich: »Komischer Typ, schade, dass sie schon so alt sind.«

Ich zuckte verlegen mit den Schultern, nahm meinen Pass und Koffer und ging zur Passkontrolle.

 

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