Feuilleton Österreich

Sebastian Kurz

Photo: Dragan Tatic, Außenministerium, CC BY 2.0

Versuch einer Annäherung

Ich traf ihn ein einziges Mal, in Washington in der Residenz des Österreichischen Botschafters. Wir saßen einander gegenüber beim Abendessen. Neben ihm die Ehefrau des Botschafters, neben mir auf der einen Seite sein Assistent, auf der anderen Seite der Botschafter. Die beiden sprachen abwechselnd mit mir und ich antwortete ohne jede Konzentration und wusste manchmal nicht mehr, welche Frage mir der eine oder der andere gestellt hatte.

Mir gegenüber dieser junge Mann, der ruhig mit der Frau des Botschafters sprach, manchmal lächelte, dann wieder das Besteck weglegte, sich zu seiner Gesprächspartnerin drehte, sie lächelte, auch sie legte das Besteck weg, er drehte sich zurück, beide nahmen wieder das Besteck und aßen weiter. Nach dem Hauptgang rückte die Botschafterin den Stuhl zurück und stand auf. Ich erhob mich ebenfalls, ging um den Tisch herum und setzte mich neben Sebastian Kurz.

Jetzt oder nie

Jetzt, dachte ich mir, jetzt oder nie könnte ich diesen Mann kennenlernen, ihn versuchen zu verstehen, seine Popularität begreifen, und meine eigene Distanz zu diesem Ausbruch an Jugend, Schönheit und Erfolg verarbeiten.

Er überraschte mich mit ein paar netten Worten, die irgendjemand über mich gesagt haben soll, und ich bedankte mich. Dann sprachen wir über Meidling, wo wir beide aufwuchsen, und er fragte mich, ob mir Wien abgehen würde. Ich muss etwas Komisches geantwortet haben, denn er lachte. Ich sah in sein Gesicht und schwieg. Auch er schwieg. Wir hatten beide nichts mehr zu sagen.

Plötzlich kam mir der Gedanke, dass nur jemand so lachen konnte, der völlig unbelastet seinen Weg geht, der über keine Vergangenheiten stolpert, über keine Geschichten der Eltern, nicht einmal der Großeltern. Das musste bei den Älteren zur Verzweiflung führen. Das musste bei den Älteren zur Verzweiflung führen, die sonst emsig in der Vergangenheit graben und krampfhaft nach diesen Symbolen suchen, die doch immer so gut passten. Es fand sich auch immer etwas, man musste nur lange genug suchen, bis dieser verdammte Kurz kam, zu jung, um in seiner eigenen Geschichte und der seiner Familie fündig zu werden.

In den Portraits der österreichischen Journalisten in deutschen Zeitungen, den Korrespondentenberichten in den internationalen Medien, wiederholen sich die Klischees. Die rechte Ecke funktioniert immer noch, wenn einem nichts anderes einfällt. Doch keiner dieser Berichte kommt auch nur in die Nähe der Realität dieses Mannes und des Phänomens seines Erfolgs. Es überwiegt die negative Berichterstattung. Oft mit kurioser Kritik, z.B. im Bericht in der ‚Zeit’ von einem bekannten ‚linken’ Autor aus Wien, wo dem Sohn einer Lehrerin und eines Arbeiters auch noch vorgeworfen wird, er komme aus ‚kleinbürgerlichen Verhältnissen’.

Die Linken/Grünen scheinen sich die Zähne auszubeißen an ihm, und reduzieren seinen Wahlerfolg auf die ‚Ausländerfrage’ – was ist ihnen sonst je eingefallen. Seit der Flüchtlingskrise teilen sie die Menschen in zwei Gruppen und reduzieren den politischen Dialog auf eine einzige Frage, auf die es – nach ihrer Meinung – nur eine einzige richtige Antwort gibt.

Die erste Generation

Nach dem Abendessen in der Botschaft in Washington ging ich zu Fuß zum Hotel zurück. Ich hatte nur wenige Minuten mit Kurz allein gesprochen, und dennoch, plötzlich war ich mir sicher, dass ich diesen Mann und sein Umfeld verstehen würde.

Er repräsentiert die erste Generation in Österreich, die völlig unbelastet von der Vergangenheit agieren kann. Selbst sein Großvater wurde wahrscheinlich schon nach dem Krieg geboren, und die Familiengeschichte während des Kriegs ist auf ewige Zeiten begraben.

Kurz wurde auch während seiner Kindheit nicht mehr mit Kriegserlebnissen konfrontiert, die ihn auf irgendeine Art und Weise beeinflussen konnten. Niemand – weder Vater noch Onkel noch Großvater – erzählte Geschichten von Stalingrad, und sein Generationskonflikt wurde nicht überlagert von der notwendigen Distanzierung zu einer möglichen Nazi-Vergangenheit einzelner Familienmitglieder.

Kurz ist nicht nur eine neue Generation in Österreich, sondern eine Gegenwart, die sich von allen anderen der Vergangenheit unterscheidet – und damit können scheinbar viele der älteren Journalisten nicht umgehen. Wenn man ihm zuhört und die Augen schließt, klingt er nicht wie ein 31-jähriger Mann. Es ist etwas Zeitloses in seiner Stimme, beruhigend und überzeugend, fast beschützend, als würde er einem versichern, es würde schon alles gut gehen, und man müsse sich keine Sorgen mehr machen.

Seine Argumentation folgt einer einfachen Logik, die nachvollziehbar ist und Schritt für Schritt zu einer Schlussfolgerung führt, der man sorglos zustimmt – oder sich zumindest dabei ertappt. Es ist nicht das Vertrauen des Alters, der Weisheit oder der Erfahrung, im Gegenteil, es ist der Glaube an eine Zukunft ohne Vergangenheit, die ihn so überzeugend macht.

Man nimmt ihm die Erneuerung ab, weil er sie persönlich darstellt. Dümmliche Nazi-Vergleiche prallen an ihm ebenso ab wie ernstzunehmende Kritik. Er ist nicht erreichbar mit Symbolen aus der Vergangenheit, sie passen nicht mehr, wie falsche Steine in einem Puzzle-Spiel. Er zeigt eine Selbstsicherheit, die sich geschichtslos auf die Zukunft konzentrieren kann, und daher ein Vertrauen vermittelt, wie es kein anderer Politiker vermitteln könnte.

Eine neue Gegenwart

Nicht das Negieren der Geschichte und der historischen Verantwortung ist sein Trick, wie es andere versuchen, um sich die Stimmen aus dem rechten Lager zu sichern. Er deponiert durch seine Persönlichkeit und sein Auftreten die Geschichte in den Geschichtsbüchern, ohne sie zu leugnen und ohne sie zu benutzen, um ständig zu betonen, dass er die Garantie dafür sei, dass sich nie wiederholen werde, was einst passierte.

Mit Kurz endet die Nachkriegsgeschichte Österreichs und eine neue Gegenwart und Zukunft haben begonnen. Eine Gegenwart wie ich sie in Bezug auf die Ereignisse des 1. Weltkriegs erlebt hatte. Der war Geschichte aus Büchern in meiner Jugend, und es gab kaum noch Lebende aus dieser Epoche.

Kurz ist eine Chance für Österreich, wie andere seiner Generation, wenn deren Parteien ihnen eine Chance geben. Er ist der erste, der diese Gelegenheit begriffen hat und vermittelt sie überzeugend. Es wird Zeit, dass nicht nur die Täter und Opfer von ‚damals’ abtreten, sondern auch ihre Kinder und Enkel.

Nichts wird jemals vergessen werden, dazu gibt es Museen, Ausstellungen, Publikationen und Dokumentationen. Doch jetzt sind die ‚Kurz’ an der Reihe. Es ist Zeit, dass ‚wir’ den Weg freimachen für eine neue Generation, die eine Zukunft aufbaut, in der Vergangenheit Teil unserer Geschichte ist und nicht verzweifelt als Teil der Gegenwart konserviert und benutzt wird.

 

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