Einfach zum Nachdenken Feuilleton

Deutsche Schneisen

Perfektion

Wir Deutsche (und alle, die mit uns leben) leiden unter unserem Hang zu Kleinteiligkeit und Überkonsequenz: als Detailverliebtheit und Perfektion getarnt. Solange die Richtung stimmt, entsteht dabei durchaus Gutes: eher im Handwerklichen und philosophisch Abstrakten, nicht so sehr im Dschungel des Lebens. Mitunter befinden sich die Deutschen wegen ihres Faibles für Abstraktes allerdings gründlich auf dem Holzweg, geraten irgendwann unter Druck und verspüren in der Folge den starken Drang, sich zwischen Kleinteiligkeit und Überkonsequenz entscheiden zu müssen. Sie optieren dann regelmäßig gegen Kleinholz – und schlagen wüste Schneisen. Leider sieht es danach aus, als wären wir dem nächsten Holzwege-Kapitel ziemlich nahe. Deutsche Pläne zur überkonsequenten Durchführung verstiegener Ideen gibt es zuhauf.

Weltenrettung

Katrin Göring-Eckardt ist sicher nicht verdächtig, auf langweiligen Kirchtagen heimlich Star-Wars-Filme auf ihrem Smartphone anzuschauen. Wahrscheinlich machen ihr die peinsamen Sitzungen dort sogar Spaß. Aber woher stammt dann die kosmische Dimension ihrer Motive? Doch nicht von einer Art göttlicher Ausgießung des Geistes dortselbst? Müsste es nicht um ein Weniges hellsichtiger zugehen, wenn auf Kirchentagen Zeichen und Wunder geschähen? Aber egal: Die Klimaschutzfrage, ließ Frau Göring-Eckardt kürzlich bei Anne Will verlauten, sei für ihre grüne Partei elementar, überlebenswichtig für den Planeten und die Menschheit! Das klingt tatsächlich nicht nach Star Wars. Sondern fröstelnd deutsch-galaktisch.

Ach Gott

Die konsequenteste aller Schlagzeilen kommt natürlich ebenfalls aus dem deutschsprachigen Raum, formuliert von derStandard.at: „Gott für sein Lebenswerk ausgezeichnet“. Absicht oder Versehen? Spaß oder Trottelei? Geh… Jedenfalls räumen die Österreicher hier auf einen beneidenswerten Schlag 2000 Jahre Christentum ab, mindestens jedoch jene 500 Jahre, die seit Luthers Thesenanschlag zu Wittenberg vergangen sind – wodurch ja der alternde Herr im Himmel prinzipiell zum Abschuss freigegeben wurde. Dass es im Artikel, der zur Schlagzeile gehört, dann gar nicht um Gott selbst, sondern um einen gefühlt ähnlich betagten Barden mit Vornamen Karel geht, gerinnt zur Randnotiz.

Altlasten

Wolfgang Kubicki, jener kreuzfidele Ralf Stegner der FDP, wirft sich gern für Putin in bzw. ihm an die Brust. Die letzte virulente Altlast der Liberalen hatte bereits Anfang 2015 notiert, dass die USA mit den Sanktionen gegen Russland eben auch einen Regimewechsel, die Ablösung Putins, erreichen (wollen), was nicht nur inadäquat ist, sondern als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates eine Völkerrechtsverletzung darstellt. Bis heute tritt er dafür ein, die westlichen Sanktionen zu beenden.

Und das ist nur konsequent, als Strafverteidiger kennt sich Kubicki in solchen Sachen aus: Wer einen Dieb, der außer Landes weilt, etwa durch die Pfändung anderen Besitzes zur Herausgabe des Diebesguts bewegen will, sollte bedenken, dass er sich damit in die inneren Angelegenheiten des Delinquenten einmischt und insofern bürgerliches Recht verletzt. Echt jetzt? FDP-Chef Lindner findet das inzwischen jedoch auch und will mit Putin, der schon an Schröder seine helle Freude hat, dringend mehr reden. Wie gesagt: Deutsche Pläne zur überkonsequenten Durchführung verstiegener Ideen gibt es zuhauf.

Tu felix Austria

Nicht nur in theologischen Fragen, sondern auch in weltlichen Dingen übertrifft Österreich in diesen Tagen jegliche deutsche Konsequenz: falls es tatsächlich zum Bündnis von SPÖ und FPÖ kommt. Denn auch in Deutschland gibt es mehr Überschneidungen von SPD und AfD als von CDU und AfD, nur gibt das hier keiner zu. Dabei würde ein antikapitalistisches Bündnis aus SPD, Grünen, Linken und der AfD locker reichen, um Martin-Martin zum Kanzler zu wählen. In Sachen Putin wäre man sich sogar völlig einig, nur beim Klima gäbe es kleinere Differenzen. Wirklich schade, dass es hier an der möglichen Konsequenz gebricht! Die wahren Verhältnisse würden davon viel übersichtlicher! Und ihre Abwendung käme in Sicht.

 

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